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Wie können Organisationen zur Wiederbelebung ihrer Ortschaften beitragen?

Eine Zeichnung des Gebäudes der Brattelboro Cooperation nach Abschluss des Projektes ©Beatrice Ungard

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Ein lebendiges, regionales Wirtschaftsystem aufbauen

Der Text im Original

Mal angenommen, jede Firma, jede Non-Profit-Organisation und jedes soziale Unternehmen kann aktiv die Nachbarschaft, die Stadt oder sogar die Region, in der sie angesiedelt sind, revitalisieren. Ebenfalls angenommen, sie könnten dadurch das Auskommen der Einwohner verbessern, die Wirtschaftskraft und wirtschaftliche Stabilität des Ortes erhöhen und gesunde, natürliche Ökosysteme schaffen, auf deren Basis regionales regenerierendes Wirtschaften möglich wird.

Genau das hat die Lebensmittelgenossenschaft im US-amerikanischen Brattleboro in Vermont erreicht. Sie hat sich von einem Lebensmittelgeschäft zu einem Impulsgeber entwickelt und dabei „einen regenerierenden Marktplatz geschaffen“ , der für die Wiederbelebung der Region und der regionalen Lebensmittelversorgung gesorgt hat.

Die Brattleboro-Genossenschaft ist eine von vielen Organisationen, die sich der regenerierenden Entwicklung verschrieben haben. Dieser ganzheitliche Ansatz, der „Menschen und ihre Orte zusammenbringt und sowohl die Menschen als auch die Umwelt stärker, dynamischer und widerstandsfähiger macht“, wurde von Regenesis Group entwickelt. Er basiert auf einer evolutionären Perspektive und betrachtet die Aufgabe, die Menschen in der ganzheitlichen Entwicklung der sozialen und ökologischen Systeme haben, deren Teil sie sind. Indem das Potenzial größerer Systeme freigesetzt wird, können Menschen ihnen neues Leben einhauchen und ein Kraftfeld erzeugen, das die langfristige, neubelebende Umgestaltung der Systeme sicherstellt.

Der Sprung vom Lebensmittelmarkt zum entscheidenden Akteur bei der Wiederbelebung der Gemeinde erforderte einen Bewusstseinswandel hin zum regenerierenden Vorgehen und die Ausbildung drei wesentlicher Fähigkeiten: Erstens musste sich die Genossenschaft vom Fokus auf Nachhaltigkeitsfragen lösen und stattdessen erkennen, welches Potenzial ihr Ort eigentlich besitzt. Zweitens musste sie in der Lage sein, dieses Potenzial als Wert zu verwirklichen und die wertschöpfende Rolle zu definieren, die sie selbst im Ort haben könnte. Drittens schließlich musste sie ein belebendes Kraftfeld schaffen, um eine langfristige Entwicklung von Gemeinde und Region zu ermöglichen. Diese Fähigkeiten werden im Folgenden im Zusammenhang mit der Brattleboro-Genossenschaft kurz erläutert.

Das Potenzial des Ortes sichtbar machen

Damit eine Organisation regenerierend wirken kann, muss sie anfangen, statt der Probleme die Potenziale in ihrem Umfeld zu erkennen. Probleme sind elementar. Man befasst sich mit ihnen, um entstandene Schwachstellen zu beheben. Nach Potentialen zu fragen, hilft, Wege zu erkennen, die noch nicht existieren, aber künftig gangbar sein könnten. Das Potenzial eines Systems lässt sich also als die Leerstelle beschreiben zwischen dem, was das System ist, und dem, was es sein könnte, wenn es seinen Zweck vollständig erfüllen würde. Wenn es ihm also gelingt, einen sinnvollen Beitrag zu einem größeren System zu leisten. Es geht also darum, sich die Möglichkeiten eines lebendigen Systems vorzustellen, wie es in größeren Systemen eingebettet ist – wie in der Holarchie. Dieses Vorstellen gelingt regenerierend Handelnden, in dem sie sich selbst in eine Situation oder ein lebendiges System begeben, um es in natura zu beobachten und zu erfahren.

Das Potenzial eines Ortes wird durch seine Einzigartigkeit und den Wert ausgemacht, den er für den Rest der Welt haben kann. Dazu braucht es das exaktes Bild davon, wie er innerhalb seines größeren Zusammenhangs arbeitet. Die relevante Frage ist dann, was dieser Ort für die Erneuerung des größeren Systems, zu dem er gehört, beitragen kann. Und folgend, was man selbst oder die eigene Organisation tun kann, damit dieser Ort seine Möglichkeiten ausschöpft. Diese grundsätzlichen Fragen musste sich auch die Brattleboro-Genossenschaft stellen.

Die Brattleboro Cooperation inmitten ihres Umfeldes, eingebettet in drei Systeme. ©Beatrice Ungard

Die Brattleboro Cooperation inmitten ihres Umfeldes, eingebettet in drei Systeme. ©Beatrice Ungard

Nachdem die Genossenschaft jahrzehntelang als Einkaufsring agierte, brauchte das wachsende Unternehmen ein neues Gebäude. Das sollte das Selbstverständnis der Genossenschaft und ihr Bekenntnis zur Nachhaltigkeit widerspiegelt. 2002 begannen die Planungen zu einem neuen LEED-zertifizierten Gebäude, das das damalige Geschäft ersetzen sollte. Regenesis wurde mit der Entwicklung einer Designstrategie beauftragt.  Bei der Betrachtung des größeren Umfeldes der Genossenschaft– also von Gemeinde und Region –, fiel Regenesis auf, dass fast alle Waren, wie in den meisten Lebensmittelgeschäften in den USA, einen weiten Weg zurücklegen mussten. Im Durchschnitt waren es rund 2.400 Kilometer. Der Genossenschaft drohten existenzielle Probleme, wenn die Lieferkette durch Ernteausfall, gestiegene Kraftstoffpreise oder einen Streik der Lkw-Fahrer unterbrochen wäre. Gleichzeitig verkümmerte der Ort Brattleboro, der einst durch die Landwirtschaft reich geworden war. Die Böden waren ausgelaugt, die Bauern alterten, und immer mehr Einwohner zog es in größere Städte. Es gab außerdem das Gerücht, dass mit Whole Foods eine der größten Bio-Supermarktketten im Land die Eröffnung eines Ladens plante.

Deutlich wurde: die Frage nach der Gestaltung eines neuen, energieeffizienten Gebäudes adressierte das falsche Problem. Denn in diesem eng gesteckten Ziel lag wenig bis gar kein Potenzial. Stattdessen sollte die Genossenschaft eine wertschöpfende Funktion übernehmen, in der Brattleboros Einzigartigkeit als Agrargemeinde erkennbar würde. Wie konnte die Genossenschaft aber die lokale Landwirtschaft wiederbeleben?

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Potenzial entfalten und einen Wert höherer Ordnung schaffen

Wenn eine Organisation alle ihre Möglichkeiten wahrnimmt, kann sie in ihrem Ort einen Wert höherer Ordnung schaffen. Regenerierender Wert entsteht dann, wenn die Organisation die Leistungsfähigkeit des Ortes so erhöht, dass die dort lebenden Menschen ihre Wünsche besser verwirklichen und gesünder leben können: Lokale Institutionen wirken sinnvoller am Gedeihen ihrer Gemeinde mit, natürliche Systeme steigern ihre Gesundheit, Widerstandsfähigkeit und Vielfalt. So kann sich die ganze Gemeinde besser an Veränderungen anpassen und sich langfristig weiterentwickeln. Ein Wert höherer Ordnung verlangt zudem, dass sich die Fähigkeit der Gemeinde verbessert, alle Elemente, die sie ausmachen, zu einem stimmigen und harmonischen Ganzen zu verbinden.

Zur Entfaltung ihres Potenzials musste die Genossenschaft festlegen, was nötig war, um „statt eines grünen Bauprojekts einen regenerativen Marktplatz zu schaffen“, wie es Genossenschaftsmitglied Mark Goehring formulierte. Für einen Teil der Chefetage der Genossenschaft war dies ein großer Schritt, den sie erst mit der Zeit akzeptieren konnten. Der Samen war jedoch ausgelegt. Diejenigen in der Genossenschaft, die das Potenzial erkannten, loteten kontinuierlich aus, wie sich der Beitrag zur Regeneration gestalten ließe. Sie stellten sich immer wieder die Frage: „Was macht unseren Wert als Genossenschaft aus und was unseren Wert als Gemeinde?“ Damit entwickelte sich eine neue Vorstellung davon, wie sich die Genossenschaft definiert und woran sie noch arbeiten sollte. Wie Mark Goehring sagte, erkannten sie schließlich, dass „eine systemische Veränderung mehr braucht als nur ein Konzept für grünes Bauen. Wir müssen uns damit befassen, wie unsere Versorgung mit Lebensmitteln und Energie abläuft […]. Es war klar, dass grüne Produkte und ein grünes Gesamtkonzept […] weitreichender wirken würden als die Gestaltung des Geschäfts selbst“. Zusammengefasst heißt das: Um ihr Potenzial als Genossenschaft zu erkennen, musste sie ihren Wert und ihre Rolle innerhalb des Umfelds ihres einzigartigen Ortes erkennen und die wechselseitigen Beziehungen betrachten, die das Potential ermöglichten.

Ein Landwirt aus der Region auf seinem Feld. ©Beatrice Ungard

Ein Landwirt aus der Region auf seinem Feld. ©Beatrice Ungard

Wie kann die Lage der örtlichen Landwirte, Landeigentümer und Lebensmittelproduzenten verbessert werden? Und wie kann die Genossenschaft ihre eigenen Mitglieder besser versorgen? Aus dieser Untersuchung entstand ein Hundert-Jahres-Plan, der Orientierung schuf. Die Genossenschaft startete Programme und Systeme, die den Durchbruch bringen sollten und sofort einen Unterschied erkennen ließen. Sie verbündete sich mit mehr als einem Dutzend anderer Genossenschaften in der Region. Dadurch wurden größere Schritte möglich: eine lokale Kreditgenossenschaft, ein agrarwirtschaftliches Ausbildungsprogramm, Wege, um die Jugend einzubeziehen, eine Kochschule mit Schwerpunkt auf regionalen Lebensmitteln und vieles mehr. Klar war: Lebensmittel regional zu produzieren, spart weit mehr Energie als das neue Gebäude.

Ein belebendes Kraftfeld schaffen

Damit die Arbeit in allen diesen Initiativen, die die Genossenschaft initiiert hatte, langfristig aufrechterhalten werden konnte, brauchte es ein belebendes Kraftfeld schaffen. Ein Kraftfeld ist wie, en mann in einen Raum kommt, in dem lauter Menschen voller Energie kreativ zusammenarbeiten. Das Kraftfeld schafft die Bedingungen, unter denen sich Denken und Verhalten verändern lassen: Es regt die Menschen an und ermutigt sie. Denn sie arbeiten an etwas Bedeutendem. Indem die Genossenschaft sich auf das Machbare konzentrierte, sorgte sie für frische Energie, Tatkraft und mehr Lebendigkeit und speiste so die Veränderung. Das Bewusstsein für Teilhabe und Verantwortung der örtlichen Genossenschaftsmitglieder schärfte sich und half ihnen, sich einzubringen.

Der Laden der Brattleboro Cooperation, nach Beendigung des Projektes. © Béatrice Ungard

Der Laden der Brattleboro Cooperation, nach Beendigung des Projektes. © Béatrice Ungard

Heute, zehn Jahre später, steht nun das neue Genossenschaftsgebäude im Zentrum von Brattleboro. Gestaltung und Bau führte die Lebensmittelgenossenschaft gemeinschaftlich mit den Wohnungsbaugesellschaften Windham and Windsor Housing Trust und Housing Vermont durch. Das Gebäude nimmt einen ganzen Häuserblock ein. Im Erdgeschoss befinden sich auf 1.355 Quadratmetern ein Bio-Lebensmittelmarkt und ein Feinkostgeschäft. Die drei Etagen darüber beherbergen die Büros der Genossenschaft, eine mietbare Küche, ein Klassenzimmer für den Kochunterricht und 24 Wohnungen. Das Dach ist mit Solarmodulen ausgestattet, und die Heizanlage für das gesamte Gebäude recycelt die Wärme aus dem Geschäft mittels Kältetechnik.

Das Gebäude ist aber nicht nur grün und genossenschaftlich. Es belebt und stärkt das Engagement der 6.000 Genossenschaftsmitglieder in der regenerierenden Gemeinschaftsbildung und außerdem das lokale System der Lebensmittelversorgung.

 Zusammenfassung

Das Fallbeispiel der Brattleboro-Genossenschaft zeigt, wie eine Organisation zum Initiator regenerierender Veränderung werden kann. Damit das möglich wird, muss die Organisation nach außen schauen: Sie muss sich selbst als lebendiges System begreifen, das Teil des größeren, ebenfalls lebendigen Systems der Gemeinde und der Region ist. Nur dann kann sie ein vollwertiges Mitglied dieser Gemeinschaft sein, und nur dann kann sie sich an der Erneuerung des Ganzen zum Nutzen aller beteiligen. Nachdem sie erkannt hat, worin die Einzigartigkeit, die Identität und das Potenzial des Ortes bestehen, in dem sie agiert, kann die Organisation dieses Verständnis in echte regenerierende Strategien übersetzen, die sich aus dem lokalen Umfeld speisen und mit diesem in Einklang stehen. In Hinblick auf die eigene Einzigartigkeit und das eigene Potenzial sowie auf die Einzigartigkeit und das Potenzial der Gemeinschaft muss die Organisation ihre wertschöpfende Rolle im Prozess der Wiederbelebung definieren. Dazu gehört vor allem, die Fähigkeit zur Wertschöpfung unter den beteiligten Akteuren zu fördern und ein belebendes Kraftfeld zu schaffen. Wenn die Organisation partnerschaftlich im Dienst der Gemeinschaft handelt und sich an für alle Seiten nützlichen Verbindungen zum Umfeld beteiligt, können sich Organisation und Ort zusammen entwickeln und gedeihen.

Danksagung

Der Inhalt dieses Artikels stammt aus dem Fernlernseminar „The Regenerative PractitionerTM“ (Praktiker für regenerative Prozesse) der Regenesis Group.

Mehr zum Thema

Die Regenesis Group ist führend im Bereich der regenerativen Entwicklung und Gestaltung. Auf ihrer Website finden sich viele Informationen und Fallstudien zum Thema. Die Regenesis-Gründer Pamela Mang und Ben Haggard haben das Buch Regenerative Development and Design: A Framework for Evolving Sustainability (Regenerative Entwicklung und Gestaltung – ein nachhaltiges Konzept) geschrieben. Regenesis hat die Reihe Regenerative Practitioner SeriesTM (Praktiker für regenerative Prozesse) im Programm, ein Fernstudienseminar, das sich an alle  weltweit wendet, die sich dafür interessieren, regenerative Entwicklung in ihre Praxis einzubinden. Die Teilnehmer lernen, wie sie Akteure der Umgestaltung werden können, die Potenziale sozialer und ökologischer Systeme zur Entfaltung bringen, um in Einklang miteinander stärkere Widerstandsfähigkeit und Wohlstand zu schaffen.

Die Grundlagen können Sie auch in unserem Blog lesen.

Das Carol-Sanford-Institut bietet Schulungen für Unternehmen an, die sich für regenerierende Methoden interessieren.

DR. BEATRICE UNGARD gehört zum Lehrpersonal der Regenesis Group. Sie ist Inhaberin von Soma Integral Consulting. Diese Praxis für regenerierende Entwicklung befasst sich mit der Gestaltung zielgerichteter und bewusster Organisationen mit besonderem Augenmerk auf die Gesundheit von sozialen und ökologischen Systemen.


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