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Weisheit statt Störung - Gefühle in Organisationen fruchtbar machen | SAMU
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Weisheit statt Störung – Wie wir Gefühle in Organisationen fruchtbar machen

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„Aus Sicht der Organisation ist das Gefühlsleben ihrer Mitglieder eine Störung.“ 

Was der Soziologe Stefan Kühl hier prägnant als produktive Notwendigkeit für Wirtschaftsunternehmen beschreibt, ist in Wahrheit hoch gefährlich. Denn die Praxis in vielen Unternehmen, Gefühle zu ignorieren, führt dazu, dass viele Mitarbeiter unproduktiv sind, ihr Potential nicht ausschöpfen und falsche Entscheidungen treffen. Wenn wir uns fragen, weshalb Unternehmen so zerstörerisch handeln, dann liegt der Grund darin, dass Gefühle systematisch tabuisiert und ausgegrenzt werden. Doch Gefühle sind keine Störung, sondern einer der wichtigsten Zugänge zu kreativer, kraftvoller Zusammenarbeit.

Tatsächlich ist der Ansatz, Gefühle zu unterdrücken, erst einmal rational. Denn unsere Kultur kennt nur zwei Wege, mit Gefühlen umzugehen. Entweder wir blockieren sie, nehmen sie nicht wahr und ignorieren sie. Oder aber wir leben sie aus, geben ihnen Raum und folgen ihren Forderungen. Angesichts von Freude und Euphorie mag das Ausleben von Gefühlen für Unternehmen gut sein, angesichts von Wut, Ärger, Schmerz und Verletzungen ist es das nicht. Jeder, der einen Menschen in Rage erlebt hat oder dem Jähzorn eines Vorgesetzten ausgeliefert war, weiß, wie schädlich das sein kann.

Doch was passiert, wenn wir Gefühle unterdrücken?

Gefühle zulassen - Gefühle sind keine Störung
Gefühle sind keine Störung, sondern einer der wichtigsten Zugänge zu kreativer, kraftvoller Zusammenarbeit.

Emotionen steuern unser Denken 

Gehen Sie in Gedanken in eine Situation, in der sie sich sehr geärgert haben. Erlauben Sie sich, sehr wütend zu sein. Als nächstes stellen Sie sich vor, wie Sie der gleichen Situation mit Freude und Entspannung begegnen. Beobachten Sie jeweils, wie sich Ihr Denken verändert: wie es sich in der ersten Variante einengt, in der zweiten offen und fließend wird. Unsere Gefühle und unser Denken sind eng miteinander verwoben und unsere emotionale Lage bestimmt die Qualität unseres Denkens. 

Entscheidend ist, dass wir Gefühle nicht selektiv unterdrücken können. Wenn wir Wut, Angst und Zorn ignorieren, unterdrücken wir damit auch Freude und Liebe. Je stärker wir also unsere Gefühle unterdrücken, desto mehr verlieren wir unsere gesamte Fähigkeit zu empfinden. Und wir dimmen damit zugleich unser Denken, denn dann gelangen wir nicht mehr in die Kraft und Eigenständigkeit eines offenen, neugierigen und freudvollen Denkens.

Zudem verlieren wir die Fähigkeit, Denkblockaden aufzulösen. Denn Ärger und Wut, schwierige Erfahrungen und schmerzhafte Annahmen können unseren Denkfluss abwürgen. Wir bleiben in unserem Denken stecken und kommen erst dann zu neuen, frischen Gedanken, wenn wir diese Gefühle auflösen. Wenn wir Gefühle unterdrücken, löschen wir sie nicht aus. Sie verschwinden nur von der Oberfläche und wirken im Unterbewussten weiter. Dort aber können wir nicht mehr mit ihnen arbeiten, sie nicht mehr wahrnehmen und auflösen. Kreatives, kraftvolles und inspirierendes Denken gelingt uns nur in der Präsenz unserer Gefühle und Wahrnehmungen.

Gefühle zulassen, sonst wirken sie im Unterbewussten weiter.
Unterdrückte Gefühle verschwinden nicht einfach, sondern wirken im Unterbewussten weiter.

Emotionen weisen uns unsere Werte

Ärger, Wut und Schmerz rühren ja daher, dass unsere Würde und unsere Werte verletzt wurden und wir uns selbst dabei nicht schützen konnten. Oftmals wissen wir das aber nicht – uns ist das, was uns im Leben etwas bedeutet, häufig nicht direkt zugänglich. Was uns etwas bedeutet erkennen wir erst durch Verletzungen und Irritationen, dann, wenn unsere Bedürfnisse ignoriert und unsere Würde verletzt werden. Unterdrücken wir unsere Gefühle, schließen wir damit einen elementaren Zugang zu uns selbst, zu unserem Innersten. Wir bemerken nicht, wann wir über unsere eigenen Grenzen gehen. Und wir verlernen, unser Gegenüber wahrzunehmen, zu sehen, wo seine Bedürfnisse, seine Würde verletzt werden. Empathie und Mitgefühl haben ihre Wurzeln in Selbst-Empathie und Selbst-Mitgefühl. 

Ob Sie in Verhandlungen sind oder ein neues Produkt für Ihre Kunden entwickeln – Qualität entsteht erst dann, wenn Sie in der Lage sind, sich in den anderen hineinzuversetzen, wenn Sie seine Welt erkunden können. Diese Erkundungen sind zugleich eine Bereicherung für Sie selbst – denn sie stellt Ihre eigene Weltsicht infrage. 

Wie aber geht es besser?

Es gibt neben den beiden oben beschriebenen Wegen noch einen dritten: Wir können den Gefühlen Raum geben und sie beobachten – ohne sie zu bewerten und ihnen zu folgen. Mit anderen Worten: Weder unterdrücken wir unsere Gefühle, noch agieren wir sie aus. Für die Arbeit mit Menschen, ob in der Teambegleitung oder im Führungskontext, besteht der beste Weg darin, diese Gefühle in Sprache zu kleiden.

Im Zweier-Gespräch können Sie schlicht die Frage stellen: „Was denken, was fühlen Sie?“ Diese Frage führt Ihr Gegenüber in eine andere Wahrnehmung seiner selbst und gibt ihm einen breiteren Rahmen für das eigene Nachdenken.

In Gruppen und Meetings können Sie entweder Gefühle, die Sie wahrnehmen, direkt benennen: „Ich spüre eine Spannung in diesem Raum, nehmen Sie diese auch wahr?“ Oder Sie können die Gruppe fragen: „Wie beschreiben Sie die Stimmung, die zwischen uns herrscht? Und was macht das mit Ihnen?“ Beides gibt der Gruppe die Möglichkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen. Und nur was wir wahrnehmen, können wir auch verändern.

Gefühle zulassen, wahrnehmen und verändern.
Lassen Sie Ihre Mitarbeiter ihre Gefühle wahrnehmen, denn nur, was wir wahrnehmen, können wir auch verändern.

Viele Organisationen brauchen erst einmal eine Sprache für das, was nicht wahrgenommen oder was verdrängt wird. Und mit dieser neuen Sprache braucht es oft auch die Erlaubnis, über das zu sprechen, was bislang tabuisiert war. Tabus sind oftmals etwas Implizites. Beobachten Sie also sich selbst sehr sorgsam, wenn Sie die Kultur in Ihrer Organisation verändern wollen: Mit welchem Verhalten torpedieren Sie selbst die neue Kultur? Wo tragen Sie zu den Tabus bei? Erlauben Sie sich Rückschritte, Missverständnisse. Probieren Sie aus, was wirklich hilft. Und fragen Sie sich immer wieder: Was empfinde ich gerade? Und was denke ich darüber?

Das ist der erste Text unserer Reihe zum Thema “Facilitation”. Bleiben Sie dran!


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