18.09.2019

Gabriel Fehrenbach

Machen wir uns die Demokratie zu eigen!

Wie der Weg zu einer neuen Gesellschaft ausschaut.

Seien wir ehrlich: Politik und Wirtschaft haben bislang versagt. Sie sollen endlich alles tun, damit wir die Klimaziele einhalten. Stimmen Sie diesem Satz zu? Dann heiße ich Sie herzlich Willkommen im Kreise all jener, die am Status quo nichts ändern wollen. Und herzlich Willkommen im Kern unserer Krise. Mit unserem Verständnis von Demokratie und von Führung als einer Dienstleitung berauben wir uns selbst unserer Handlungsfähigkeit. Weshalb?

Delegieren – das Prinzip, das uns schwächt

Weil wir delegieren. Das ist das Prinzip, nach dem wir unsere politische Arbeit organisieren. Wir übertragen eine bestimmte Aufgabe – die Organisation unseres Zusammenlebens – anderen Personen. Sie haben den Auftrag, diese Arbeit in unserem Sinne zu übernehmen und zu lösen. Tun sie das nicht, dann sorgen wir für Kurskorrekturen. Wahlen und Demonstrationen sind dazu die Mittel der Wahl. Zweifelsfrei hat dieses Prinzip in den letzten siebzig Jahren funktioniert. Ja, es hat uns sogar große wirtschaftliche Prosperität beschert. Und dennoch hat es drei wesentliche Schwachstellen, deren Wirkungen sich jetzt deutlich zeigen:

a) Die Übereinstimmung der Interessen von Wählenden und Gewählten ist fiktiv geworden und funktioniert deshalb nicht mehr. Hat es früher eine hohe Übereinstimmung in den jeweiligen Milieus (christlich, sozial, liberal) gegeben, ist diese nun weggefallen. Denn die Milieus existieren nicht mehr. Zugleich sind die Fragestellungen, um die es heute geht, viel zu komplex, als dass sie sich durch die Orientierung an gemeinsamen Werten oder gar mit den einfachen Parolen eines Wahlkampfes abbilden ließen. Populisten haben das erkannt und versuchen deshalb, ihre Wählergruppen emotional an sich zu binden. Ihr Ansatz: statt von Milieus sprechen sie nun von Kulturen. Bestimmten, vermeintlich ethnischen Gruppen wird ein problematisches Verhalten zugeschrieben, bestimmte Bevölkerungsgruppen werden als gefährlich skizziert. So entsteht in der Abgrenzung das Bild einer eigenen Welt, einer eigenen, kraftvollen Kultur. Populisten können dadurch auf das Angebot von Lösungen verzichten. Was gut für sie ist, denn über die verfügen sie auch nicht.

b) Unser politisches System folgt eigenen Normen, die die Kooperation innerhalb einer Gesellschaft untergraben. Ihr System belohnt Profilierung, Abgrenzung und Konfrontation. Denn all das sichert eine höhere Aufmerksamkeit. Und das ist die Währung. Erkennen lässt sich das selbst in den kleinsten Gemeinden. Menschen, die zum Wohle aller zusammenarbeiten sollten, sind durch das Wahlsystem genötigt, gegeneinander anzutreten und anzukämpfen. Die Profilierung einzelner steht im Vordergrund statt der gemeinsamen Entwicklung tragfähiger Ideen.

c) Die Wählerinnen und Wähler können so tun, als ob sie nicht Teil der Entscheidungen sind. Wir sind zwar immer persönlich involviert. Doch wir ignorieren das. So wie wir ausblenden, dass wir durch unsere täglichen Entscheidungen selbst den wesentlichen Anteil an der Klimaerwärmung haben. Denn die Vorstellung von „denen in Brüssel“, „denen in Berlin“ oder „denen im Stadtrat“, die das alles zu verantworten haben, macht es uns leicht, unsere eigene Verstrickung auszublenden. Das aber macht uns passiv. Denn solange wir nicht erkennen, dass wir Teil des Problems sind, können wir auch nicht handeln und Einfluss nehmen. Nehmen wir doch nur die große Erzählung vom „Neoliberalismus“. Vieles an der Analyse der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und Strukturen ist vollkommen richtig. Tatsächlich diente der Abbau stabilisierender Regel- und Schutzmechanismen dem Machterhalt einer wirtschaftlichen und politischen Elite. Aber indem die Opponenten des Neoliberalismus einen Großteil der Bevölkerung als erleidendes Objekt und nicht als handelndes Subjekt beschreiben, nehmen sie ihm die Möglichkeit, zu gestalten und Änderungen herbeizuführen. Die Folge: Mit ihrer Erzählung stabilisieren die Kritiker des Neoliberalismus jene Strukturen, für deren Abschaffung sie eigentlich kämpfen.

Die Crux der Bürgerbeteiligung oder: Wann geht alle Macht vom Volke aus?

Das Grundgesetz ist eindeutig. In Artikel 20 heißt es, alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus. Doch die politische Realität ist eine andere. Denn damit die Menschen ihre Machtlosigkeit nicht erkennen, wird die Machtteilhabe des Volkes inszeniert. „Bürgerbeteiligung“ nennt sich das dann. Auch wenn unser politisches System auf dem Papier jedem zugesteht, politische Ämter zu erringen und darin Macht auszuüben, bleibt es in Wirklichkeit hierarchisch organisiert – Macht ist zentralisiert. Und die Struktur ermöglicht es denjenigen, die an der Macht sind, sich diese langfristig zu sichern. Die politischen Verwerfungen in der Bundesrepublik, die zahlreichen Emanzipationsbewegungen, vor allem aber die Dauer ihrer Kämpfe, sprechen Bände davon. Das bestehende politische System ist unfähig, die Krisen ganzheitlich zu lösen. Was die gleiche Teilhabe aller an der politischen Gestaltung unserer Lebenswelt angeht, befinden wir uns bloß auf einer weiteren Etappe. In der jahrhundertelangen Entwicklung von der feudalen oder klerikalen Herrschaft hin zu einer tatsächlichen Gestaltung geht es nun um den Schritt von der repräsentativen zur unmittelbaren Demokratie.

 

Damit die Menschen ihre Machtlosigkeit nicht erkennen, wird die Machtteilhabe des Volkes inszeniert. „Bürgerbeteiligung“ nennt sich das dann.

 

Wie schaut eine unmittelbare Demokratie aus?

Die Unmittelbarkeit dieser Demokratieform hat mehrere Aspekte:

  1. Unmittelbare Betroffenheit: Alle, die von einer Frage betroffen sind, gestalten und entscheiden die Lösung mit.
  2. Unmittelbare Einbindung: Sie handeln dabei direkt, ohne Mittler und Repräsentation.
  3. Unmittelbare Antwort: Die unmittelbare Demokratie beantwortet Fragen und Probleme, die jetzt anstehen.

Daraus ergeben sich einige wesentliche Merkmale der unmittelbaren Demokratie:

  • Vielfalt statt Gleichheit: Jede direkte demokratische Form ist einzigartig. Das Prinzip der Natur ist Vielfalt, nicht die Vervielfältigung. Es gibt in der Natur keine zwei Dinge, die vollkommen identisch sind. Wo wir als Menschen dieses Prinzip missachten, tragen wir zur Degenerierung unserer Systeme bei. Wer das verstehen will, schaue sich deutsche Gewerbegebiete oder Fußgängerzonen an.
  • Mut statt Kontrolle: Es geht um Potenzial. Die bisherigen demokratischen Formen basieren auf Kontrolle und auf Regeln, die einschränken und verteilen. Doch Kontrolle verhindert inneres Wachstum, Zugang zur spirituellen Dimension unseres Lebens und Mut zum Entfalten von Potenzial.
  • Mehren statt zehren: Im Potenzial erkennen wir, dass wir Wachstum anders begreifen und leben müssen. Nachhaltigkeit versucht, in den Systemen Stabilität herzustellen. Mit anderen Worten: nur so viel entnehmen wie nachwächst. Doch auch das trägt zur Degenerierung der ökologischen Systeme bei. Denn in lebendigen Systemen geht es um ein Mehr – ein Mehr an Substanz, an Komplexität, an Bewusstheit. Und die Aufgabe einer unmittelbaren Demokratie ist es, alle wesentlichen Systeme (Natur, Ort, Gemeinschaft und Lebewesen) zu stärken.
  • Teilen statt besitzen: Unmittelbare Demokratie findet neue Antworten auf die Eigentumsfrage. Denn neben dem Zugang zu frischer Luft und sauberem Wasser ist die Verfügung über gesunden Boden eine absolute Lebensnotwendigkeit, ohne die wir eine gesunde Ernährung nicht sicherstellen können. Das bestehende Eigentumssystem aber zerstört nicht nur unsere Lebensgrundlage, sondern auch den Zugang zu sauberer Luft und sauberem Wasser und trägt enorm zu sozialen Spannungen, Ausbeutung und Krieg bei.

 

 

Die bisherigen demokratischen Formen basieren auf Kontrolle und auf Regeln, die einschränken und verteilen.

 

Wie kommen wir zur unmittelbaren Demokratie?

Wir müssen uns die Demokratie aneignen und dabei das bestehende System sinnvoll und klug überwinden. Aber nicht, wie es die Populisten aller Couleur wollen, durch die Rückkehr zu einer hierarchischen und zentralistischen Form. Denn damit bedienen sie nur die Sehnsucht nach einer einfachen Ordnung, die vor allem ihnen selbst zugutekommen wird. Nein, wir müssen uns selbst befähigen, unsere Lebenswelt zu gestalten. Sinnvoll bedeutet dabei, dass wir die Strukturen, die dienlich sind, behalten und neue Strukturen daraufhin prüfen, ob sie dem Ziel einer unmittelbaren Teilhabe aller dienen. Klug heißt, das jetzige System mit legitimen Mitteln eben dieses Systems zu überwinden. Denn das bestehende System hat kein Interesse an der eigenen Abschaffung und wird deswegen seine Machtmittel mobilisieren.
Folgende Dinge können und müssen wir tun:

  1. Uns den Schattenseiten des bestehenden Systems zuwenden
  2. Uns trauen zu trauern
  3. Räume des Wandels ermöglichen
  4. Handlungsspielräume erkennen und ausweiten
  5. Neue Spielarten der Demokratie entwickeln
  6. Einfach anfangen

Wenden wir uns den Schattenseiten zu

Schattenseiten gibt es viele, etwa die strukturelle Gewalt, die unserem System innewohnt. Diese Gewalt zeigt sich in der langen und anhaltenden Geschichte polizeilicher Exzesse, in den Übergriffen und Skandalen der Bundeswehr, die sich nie vollständig aus der Tradition der Wehrmacht gelöst hat, in der Blindheit gegen rechten Terrorismus. Sie umfasst die endemische häusliche und sexuelle Gewalt, den Machtmissbrauch und die vielfältigen Gewaltformen an Schulen und Kirchen, die manchmal verheerende Arbeit von Jugendämtern ebenso wie den massiven Einsatz von Psychopharmaka. Wir können die konventionelle Form der Landwirtschaft darunter ebenso begreifen wie die vollkommen auf das Automobil ausgerichtete Stadtentwicklung und das suburbane Desaster aus Gewerbe- und Neubaugebieten. Wenn wir das Bestehende überwinden wollen, müssen wir uns mit den Schattenseiten unserer Gesellschaft konfrontieren.Weshalb? Jede Schattenseite ist eine Blockade, die sich, wenn sie nicht gelöst wird, vervielfältigt und so Teil hat an der Degenerierung unseres gesamten Ökosystems: Kinder, die geschlagen werden, werden später, wenn sie dieses Trauma nicht auflösen, selbst zu Tätern.Mit jeder Blockade berauben wir uns selbst eines Teils unseres Potentials als Menschen und damit der Kraft, Intelligenz und Kreativität, die wir für die Wende brauchen. Zudem bergen all diese Ängste, Traumen und Deformationen ganz wesentliche Erfahrungen; wenn wir uns ihnen stellen, verleihen sie unseren Entscheidungen erst die notwendige Tiefe. Sofern wir diese Schattenseiten deutlich sichtbar machen, zeigen wir auf, wo sich das bestehende System selbst schon längst delegitimiert hat. Auf diese Weise weist uns das System selbst den Weg, wie wir es überwinden können.

Trauen wir uns zu trauern

Die Beschäftigung mit den Schattenseiten bedeutet vor allem, dass wir bereit sind zu trauern. Denn was uns dort erwartet, ist vor allem Schmerz. Eine Geschichte von Bernie Glasman mag das verdeutlichen. Der amerikanische Zen-Meister hat mit Jugendlichen aus der Bronx gearbeitet. Um ihnen einen Zugang zu ihrer eigenen Erfahrung zu ermöglichen, bat er sie, für jeden Toten in ihrem Leben einen Stein in den Raum, in dem sie sich befanden, zu tragen. Es war die schiere Ansammlung der Steine, die das Leid greifbar werden ließ. Bei unserer Zuwendung zu den Schattenseiten geht es nicht primär um das Leid des oder der Einzelnen, sondern um die Erkenntnis, dass wir alle die Strukturen erschaffen und aufrechterhalten, die dieses Leid ermöglichen. Es geht um unseren individuellen wie unseren gesellschaftlichen Anteil an der Tat. Denn erst wenn wir uns als Täter erkennen, können wir auch handeln. Trauern ist dabei ein zentraler Schritt. Er hilft uns, uns aus der Angst zu lösen, uns von den alten Geschichten und Schmerzen zu verabschieden und frei zu werden. Trauern ist die Übung, sich auf das Neue einzulassen, ohne das Alte mitzunehmen.

 

 

Die Beschäftigung mit den Schattenseiten bedeutet vor allem, dass wir bereit sind zu trauern. Denn was uns dort erwartet, ist vor allem Schmerz.

 

Schaffen wir Räume des Wandels

Das Trauern ist kein individuelles Trauern, auch kein kollektives Schuldbekenntnis. Es geht dabei um die Versöhnung mit uns selbst. Und dafür müssen wir uns besondere Räume schaffen: Räume des Wandels, die geprägt sind von Vertrauen, Zuwendung, Klarheit, vor allem aber von Offenheit. Denn wenn wir uns den Schattenseiten zuwenden, wissen wir nicht, welche Erfahrungen und welche Erkenntnisse dort auf uns warten. Dafür braucht es besondere Prozesse und eine besondere Prozessbegleitung.

Nutzen wir Handlungsspielräume und Freiheiten

Das größte Geschenk aus der Konfrontation mit den Blockaden und Schattenseiten liegt darin, dass wir mehr Weite im Denken, Wahrnehmen und damit auch im Handeln erlangen. Denn unsere gesellschaftlichen Handlungsspielräume werden ja nicht durch Gesetze und Verordnungen begrenzt. Wir selbst begrenzen sie durch unser Denken. Aus dem Prinzip des Delegierens auszubrechen verlangt, dass wir selbst gestalten; dass wir uns auf die Suche nach eigenen Antworten auf unsere gesellschaftliche Situation machen; dass wir erkennen, wie groß unsere Handlungsspielräume in Wirklichkeit sind.Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass andere etwas für uns regeln. Mit unserem alltäglichen Handeln sind wir tief verstrickt in all die Krisen, in denen wir als Menschen stecken. Und das ist auch gut so. Denn nur weil wir verstrickt sind, können wir auch verändern. Denken wir etwa an die Hose, die wir online einkaufen – und mit der wir den weltweiten Logistikapparat, die industrielle Produktion von Baumwolle und das chinesische Regime am Laufen halten. Oder an die Art, wie wir beruflich Meetings durchführen und mit der wir uns weiter daran beteiligen, dass nur die Lautesten zu Wort kommen – mit all den negativen Folgen für die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder die Entwicklung von Produkten, die Kunden nicht wollen. Diese Dinge und Situationen können wir anders handhaben. Jeder Moment birgt die Chance, etwas über die Krisen und unsere direkte Teilhabe zu lernen. Und im Lernen erfahren wir auch, wie wir anders gestalten können. So können wir vom Täter zum Gestaltenden werden.

Entwickeln wir neue Spielarten des Demokratischen

Es wäre eine Illusion zu glauben, wir könnten ohne jegliche Auseinandersetzung von einer Gesellschaft des Zehrens zu einer des Mehrens übergehenDenn für die Menschen, die zehren, stellt jegliche Veränderung einen Verlust ihrer Ressourcen dar. Dagegen werden sie sich wehren. Zudem ändert eine Gesellschaft des Mehrens die europäische Machterzählung. Historisch betrachtet ist Macht etwas von Gott Gegebenes, das nach jahrhundertelangem Ringen schließlich dem Volk zugesprochen wurde. Und diese Vorstellung einer Macht von oben greift vielfach immer noch. Unmittelbare Demokratie ist aber eine Demokratie von unten, die ihre Legitimität aus der Gleichwertigkeit aller bezieht, aus der Erkenntnis, dass sich das Göttliche in allem Lebendigen vollzieht. Umso wichtiger ist es, dass wir in diesen neuen Handlungsspielräumen sichtbar werden und die Freiräume zu neuen Formen der Demokratie weiterentwickeln und auf diese Weise den Wandel verstetigen. Dabei sollten wir nicht in eine Konkurrenz um Macht verfallen. Denn im Gegensatz dazu, wie wir Macht bislang begriffen haben, ist Macht keine knappe Ressource. Macht ist Fülle [Link], und eine solche Betrachtungsweise hat ganz andere Auswirkungen. Die Entwicklung neuer Formen im Kontext einer weltweiten Vernetzung ist nur lokal möglich. Denn nur dann können wir die Individualität des Ortes und unserer Gemeinschaft wahren. Darin liegt die spannende Herausforderung: aus dem, was gegeben ist, und mit den entsprechenden konkreten Fragen eine eigene, eigenständige Lösung zu entwickeln.

 

 

Historisch betrachtet ist Macht etwas von Gott Gegebenes, das nach jahrhundertelangem Ringen schließlich dem Volk zugesprochen wurde. Und diese Vorstellung einer Macht von oben greift vielfach immer noch.

 

Der Weg formt das Ziel

Viele Ansätze beschäftigen sich mit der Frage: Wie schaut die Zukunft der Demokratie aus? Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus, mal geht es um mehr Solidarität, mal um mehr Weisheit. Aber was all diesen Vorstellungen fehlt, ist die Antwort auf die Frage: Wie kommen wir dahin? Die Vorstellung der unmittelbaren Demokratie hilft uns zu erkennen, dass das, was jetzt ist, nicht alternativlos ist. Diese Vision wird von Ort zu Ort, von Gemeinschaft zu Gemeinschaft anders ausschauen – einfach wegen der Vielfalt allen Lebens. Und dann kommt die zentrale Frage: Wie sieht der Weg dorthin konkret aus?In vielen Handwerksberufen war es früher üblich, sich das Werkzeug selbst zu schmieden. Das Gleiche gilt auch für unseren Weg. Wir dürfen hier nicht den Fehler machen, durch einen gleichförmigen Prozess eine Gleichförmigkeit der Ergebnisse zu provozieren. Bei allem, wonach wir uns richten oder woran wir uns orientieren, gilt, dass wir es uns aneignen, uns zu eigen zu machen. Nur so können wir sicherstellen, dass wir nicht aus der Starre des jetzigen Systems in die nächste Starre verfallen. Eine unmittelbare Demokratie ist eine reiche, reich auch an Formen.

Der Weg beginnt bei uns selbst

Der Anfang liegt bei uns selbst. Nur wenn wir uns ändern, wird auch die Welt sich ändern. Das aber geht nur, wenn wir selbst den Schritt vom Zehren zum Mehren machen. Wir müssen die Kontrolle verlieren. Denn nur dann können wir uns dem wahren Wachstum öffnen. Und dazu braucht es die kontinuierliche und hartnäckige Auseinandersetzung mit uns selbst. Wir müssen uns unseren eigenen Schattenseiten zuwenden, die Angst durchqueren und das Trauern erlernen. Dann können wir uns der wirklichen Freiheit zuwenden. Wir müssen lernen, uns mit allem zu verbinden und in unserer Arbeit das Potenzial aller entfalten zu wollen. Dann werden wir selbst zu einem wesentlichen Teil der unmittelbaren Demokratie.

Demokratie ist fragil

Das Ende der DDR ist gerade einmal 30 Jahre her und mit ihr die Erfahrung, welch hohes Gut Freiheit ist. Seither ist die Demokratie weltweit auf dem Rückzug. Wir bedrohen sie selbst: mit unserer gesellschaftlichen Unfähigkeit, elementare Entscheidungen zu treffen und durch die umfassende Weigerung, staatliche Regulierung als freiheit- und strukturschaffende Aufgabe nicht nur zu begreifen, sondern auch zu erfüllen. Mit all dem bringen wir das demokratische Modell selbst in Misskredit. Die populistischen Bewegungen, die von Polen über Ungarn bis nach Italien erstarken, nutzen die negativen Seiten des bestehenden Systems. Ihr Ziel ist es, unter dem demokratischen Deckmantel autokratische Strukturen zu etablieren. Doch einzig eine wirklich freiheitliche Struktur, eine gesellschaftliche Form, die sich zum Ziel setzt, das Potenzial aller Menschen zu entfalten, ist die Antwort auf unsere Krisen. Daher hilft uns bei der Entwicklung neuer Formen die Frage: Schafft das, was wir gerade entwickeln, größere Freiheitsräume? Hat es wirklich das Potenzial aller im Fokus?Die Lösung unserer gesellschaftlichen Krisen können wir nicht wegdelegieren. Wir sollten dies auch nicht. Zwar führt der Weg durch die Angst, doch er schenkt uns neue Formen der Gemeinschaft, der Begegnung mit uns selbst, eine größere Fähigkeit, Konflikte und Brüche fruchtbar zu machen, und die echte Koexistenz mit der Natur – eine Erfahrung, die wir nicht missen sollten. Das ist die unmittelbare Demokratie. Und wir selbst haben es in der Hand, sie zu bauen.

 

Doch einzig eine wirklich freiheitliche Struktur, eine gesellschaftliche Form, die sich zum Ziel setzt, das Potenzial aller Menschen zu entfalten, ist die Antwort auf unsere Krisen.

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11.04.2019

Gabriel Fehrenbach

Weshalb es sich lohnt, umfassend zu handeln

Und welche Auswirkungen Ihr Handeln hat

Wir sind voneinander abhängig. Ohne andere schaffen wir nichts.

Das ist ein Fakt, an dem wir nicht vorbeikommen, mit dem wir aber unterschiedlich umgehen können. Welche Wahl wir dabei treffen, entscheidet massiv über unseren Einfluss und die transformative Kraft unseres Handelns.

Entweder fokussieren wir uns strikt auf unser eigenes Wohlergehen: Das ist der kompetitive Ansatz, gemäß der Redensart, „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.“ Oder aber wir ziehen das Wohlergehen aller Beteiligten in Betracht, das ist der partizipative Ansatz. Beide Vorgehen können zu Erfolg führen, beide zeitigen aber – gesamtgesellschaftlich betrachtet – vollkommen unterschiedliche Ergebnisse. Das lässt sich gut an zwei sehr verschiedenen und höchst erfolgreichen Unternehmen festmachen: Volkswagen, einem der drei größten Autohersteller der Welt, und der ägyptischen Sekem-Gruppe, die unter anderem biologische Lebensmittel herstellt.

Der kompetitive Ansatz

In der Automobilindustrie herrscht eine große Abhängigkeit von Dienstleistern und Zulieferern. Im Schnitt fertigt ein Autohersteller nur 25 Prozent des Autos selbst, die restlichen Dreiviertel kommen von Zuliefern. Zugleich gibt es einen hohen Kostendruck und starke Konkurrenz unter den Dienstleistern. Die Hersteller nutzen das, um Zulieferer abhängig zu machen, bringen sich dabei selbst aber in die Bredouille. So musste Volkswagen im Herbst 2016 in mehreren Werken die Produktion einstellen, nachdem sich ein Zulieferer nach einem Streit über Aufträge geweigert hatte, Sitzbezüge und Getriebehäuser zu liefern. Doch nicht nur der Umgang mit den Zulieferern, sondern die gesamte Firmenkultur ist hochproblematisch. Die Dieselgate-Affäre hat gezeigt, dass Regeln systematisch gebrochen wurden zum Schaden von Kunden und Gesellschaft.

Das Ergebnis ist ein Produkt, das gesellschaftlich in vielfacher Hinsicht toxisch ist. Sozial, wenn wir den Umgang mit Dienstleistern betrachten. Ökologisch, wenn wir den direkten und indirekten Ressourcenverbrauch, der durch das Auto hervorgerufen wird, betrachten. Und politisch, wenn wir an den enormen Regulierungsaufwand für die Branche denken und an ihre Macht, genau diese Regulierung zu unterlaufen. Das Auto und das damit verbundene Mobilitäts- und Wohlstandsversprechen ist Kern unserer ökologischen Krise.

Der partizipative Ansatz

„Nachhaltige Entwicklung zu einer Zukunft, in der jeder Mensch sein individuelles Potenzial entfalten kann (…) und in der alle wirtschaftlichen Tätigkeiten nach ökologischen und ethischen Prinzipien durchgeführt werden“, so hingegen beschrieb der Ägypter Ibrahim Abouleish seine Vision bei der Gründung von Sekem. 1977 beschloss er, auf 70 Hektar Wüstenboden biologisch-dynamisch Bäume anzupflanzen. Sekem wurde damit in Ägypten zum größten Markt für biologisch-dynamische Lebensmittel außerhalb Europas. Zur Gruppe mit ihren mehr als 2.200 Mitarbeitern gehören ein Textilunternehmen, ein Hersteller für naturheilkundliche Medikamente sowie eine Universität.

Mit Sekem hat Abouleish nicht nur gezeigt, wie Wüste urbar gemacht werden kann, sondern einen Konzern gegründet, der auf vielen Ebenen in die Gesellschaft hineinwirkt. So gehen 10 Prozent des Jahresgewinns der Gruppe an die Sekem-Stiftung, die damit unter anderem Schulen und medizinische Versorgung finanziert.

Unternehmen wie Sekem, die regenerierend agieren, haben einen ganzheitlichen Blick und ziehen alle Aspekte der Produktion und des Lebens in Betracht. Der Effekt: Auch diese Unternehmen arbeiten kostengünstig, weil der sorgsame Umgang mit Ressourcen ein wichtiger Teil ihrer Betrachtung ist. Nur erreichen sie damit weit mehr als kompetitiv agierende Unternehmen. Gesamtgesellschaftlich sind ihre Produkte besser, sie bauen starke Netzwerke auf und mindern so Risiken. Sie stärken die eigene Weiterentwicklung, werden als Organisation resilienter. Und sie wirken gesellschaftlich stärkend, weil sie ein Interesse an einer starken Zivilgesellschaft haben.

 

 

Unsere Wirtschaft braucht Transformation. Seien Sie Teil der Lösung und nicht des Problems.

 

Was Sie tun können

Egal, wie groß Ihre Unternehmung ist, Sie haben immer die Wahl: Wollen Sie Teil der notwendigen Transformation unseres Wirtschaftens sein? Dann ist Ihr erster Schritt die Klärung Ihrer Kundenbeziehung. Das, was Sie dort lernen und anwenden, übertragen Sie dann auf alle relevanten Beziehungen, die zu Ihrem Geschäftserfolg beitragen. Im Ganzen sind dies sechs:

  • die Kunden: jene, die von dem Produkt, dem Ergebnis oder der Dienstleistung profitieren
  • die Mitgestaltenden: also alle, die an der Herstellung mittelbar beteiligt sind
  • die Natur: diejenige, die alle wesentlichen Ressourcen zur Verfügung stellt
  • der Ort: der Platz, an dem wir handeln, mit seinen Besonderheiten
  • die Gemeinschaft: das soziale System, innerhalb dessen wir uns bewegen
  • die Unterstützer: alle, die zur Herstellung etwas beitragen, ohne direkt involviert zu sein, beispielsweise Investoren.

Das volle Potential Ihres Projektes entfalten Sie, wenn Sie die Perspektiven jedes dieser Systembereiche miteinbeziehen. Drei Fragen helfen Ihnen dabei:

  • Worin besteht der einzigartige Beitrag, den der Bereich leistet?
  • Was ist notwendig, damit der Bereich sein Potenzial entfaltet?
  • Welchen Einfluss haben Sie selbst auf diese Beziehung?

 

 

Ein Projekt entfaltet sein volles Potential, wenn die Perspektiven aller Beteiligten einbezogen werden.

 

Die Kunden

Die Kunden wollen ein sinnstiftendes und erfülltes Leben führen. Ihr Produkt ist nur dann sinnvoll, wenn es die Kunden dabei unterstützt und in ihrem Leben einen bedeutenden Unterschied macht. Das gelingt Ihnen, wenn Sie die Sehnsüchte und Bedürfnisse Ihrer Kunden verstehen, möglicherweise noch bevor diese sie selbst erkennen und benennen können. Was es dazu braucht, ist eine direkte und andauernde Auseinandersetzung mit Ihren Kunden und Nutzern.

Mitgestaltende

Mitgestaltende sind all jene, die an der Herstellung des Produktes oder der Erbringung einer Dienstleistung teilhaben. Sie leisten einen einzigartigen Beitrag, ohne den das Ergebnis entweder gar nicht zustande kommen oder wesentlich schlechter ausfallen würde. Das sind Ihre Angestellten und externen Mitarbeiter ebenso wie Ihre Lieferanten und diejenigen, die Ihre Produkte vertreiben. Ihre Mitgestaltenden arbeiten mit Ihnen zusammen, um ihre Einzigartigkeit zu entfalten und dadurch selbst ein sinnstiftendes und erfülltes Leben zu führen. In dieser Beziehung entfalten Sie das Potential, indem Sie jeden in der Herstellungskette mit dem Endergebnis in Verbindung bringen und sich wirklich auf Co-Creation, auf das gemeinsame Tun einlassen – auf Augenhöhe und in voller Wertschätzung. Sehen Sie sich selbst dabei als Teil einer Kette. Was Ihre Dienstleister für Sie sind, sind Sie für Ihre Kunden.

Die Natur

Die Natur ist die Schöpferin aller, wirklich aller Ressourcen, die wir für unser Leben, für unsere Arbeit benötigen. Sie bietet einen Reichtum an vielen unterschiedlichen und dynamisch ineinander übergehenden lebenden Systemen. Über Millionen von Jahren hat sich die Natur zu einem immer komplexeren, reichhaltigeren Leben entwickelt. Das größte Interesse der Natur besteht somit darin, dass diese Systeme wachsen und sich weiterentwickeln können.

Der zentrale Grund, weshalb die Natur in so unfassbar vielen Bereichen degeneriert, liegt in unserem Denken. Wir betrachten immer Einzelheiten, lernen, ein System zu zerlegen, und übersehen dabei die unermessliche Vielfalt an Beziehungen, die diese Systeme erst lebendig machen. Handeln wir aus der Detailsicht heraus, so zerstören wir die Beziehung: Wir sezieren den Frosch und am Ende ist er tot. Die Natur aber verlangt, dass wir den Frosch in seinem Sein und Tun beobachten, damit wir erfahren, wie vielfältig sein Werden eingebunden ist in das, was ihn umgibt. Das verlangt, dass wir uns selbst als Menschen nicht als etwas von der Natur Getrenntes betrachten, sondern verstehen, dass wir Teil eines Ganzen und auf vielfältigste Weise in dieses Ganze eingebunden sind.

Wenn Sie also der Natur etwas entnehmen, so müssen Sie die einzigartige Aufgabe dieses Materials verstehen, innerhalb Ihres Projektes wie innerhalb des umfassenden Lebens. Sie sollten erkennen, wann Sie zu viel entnehmen und damit Systeme zerstören. Überlegen Sie, welche Prozesse und Effekte im Rahmen Ihres Herstellungsprozesses entstehen. Ihr Ziel dabei ist, alles Toxische zu eliminieren und jedes Material am Ende der Nutzung wieder in den Kreislauf zurückzuführen. Betrachten Sie nichts als Abfall, sondern als Rohstoff.

 

 

Kreislauf bedeutet, nichts als Abfall, sondern alles als Rohstoff zu betrachten.

 

Orte

Orte spielen in Herstellungsprozessen eine vielfältige Rolle – angefangen beim Ort, an dem Ihre Firma ihren Sitz hat bis zu den Orten, an denen Sie Rohstoffe entnehmen oder weiterverarbeiten. Jeder dieser Orte ist einzigartig und lässt sich durch seine unterschiedlichen Ressourcen und Eigenschaften beschreiben, durch seine Kultur und Geschichte ebenso wie durch das Materielle, das ihn prägt. All das bestimmt, welcher Art Ideen und auf welche Weise Sie diese dort realisieren können. Jeder Ort hat dabei das Interesse, seinen spezifischen Charakter zu erhalten und weiterzuentwickeln. Und mit Ihren Handlungen haben Sie darauf einen großen Einfluss. Behandeln Sie also jeden Ort so, dass sich seine Möglichkeiten für andere Menschen, Tiere und Pflanzen erhöhen. Wenn beim Abbau von Rohstoffen verbrannte oder vergiftete Erde hinterlassen wird, dann verletzen Sie diese Regel. Wenn Sie hingegen ökologisch sensibel vorgehen und faire Strukturen (Bildung, Medizin etc.) für die Menschen vor Ort schaffen, nicht.

Gemeinschaft

Durch Ihr Handeln kommen Sie mit vielfältigen Gemeinschaften in Berührung. Diese sozialen und politischen Gemeinschaften bestimmen über Ihre Möglichkeiten zu handeln und geben Ihnen rechtliche Rahmenbedingungen vor. Deswegen haben wirtschaftlich starke Unternehmen ebenso wie wirtschaftlich schwache Staaten häufig das Interesse, gesellschaftliche Regelungen und Gesetze auszuhöhlen. Erstere, um die Konkurrenz zugunsten ihres eigenen Profits zu nutzen, Letztere, um in der gleichen Konkurrenzsituation überhaupt bestehen zu können.

Jede Gemeinschaft möchte für seine Bewohner eine funktionierende Struktur schaffen. Die Konkurrenz zwischen politischen Einheiten, ob Gemeinden oder Staaten, untergräbt jedoch genau dieses. Denn das Einzigartige einer Gemeinschaft, das, was sie attraktiv macht, verschwindet zugunsten eines Uniformen. Damit verlieren die Gemeinschaften an Substanz und auch die Möglichkeit, funktionierende Strukturen zu erhalten. Haben Sie ein Interesse an starken politischen und sozialen Strukturen! Starke – im Sinne von Gemeinschaft stärkende – Regularien sind ein wesentliches Korrektiv für Ihr Handeln. Tragen Sie Sorge dafür, dass die Qualität der Politik vor Ort besser wird, stärken Sie die Stabilität der Gemeinschaft und schätzen Sie ihren individuellen Charakter wert.

Investoren

Diejenigen, die Unternehmen und Entwicklungen finanzieren, spielen im allgemeinen Wirtschaftsleben eine große Rolle und haben – durch gesetzliche Regelungen, die ihr Investment schützen – eine starke Stellung. In unserer Betrachtung stehen sie jedoch an letzter Stelle.

Investoren wollen für das Risiko, das sie eingehen, finanziell entschädigt werden. Doch der Rückfluss aus ihren Investitionen ist nur eins von mehreren Zielen, das sie verfolgen. Denn auch sie haben, wie jeder Mensch, Interesse daran, vor allem sinnstiftende und erfüllende Arbeit zu leisten. Ihre Finanzmittel sind dabei Mittel zum Zweck, auch sie wollen Anteil an der inhaltlichen Arbeit haben. Diesen Aspekt können Sie im Sinne des gesamtgesellschaftlichen Wohls stärken, indem Sie fragen: Welchen Wert in der Welt schaffen die Investoren durch ihre Arbeit und durch ihre finanziellen Mittel? Welchen Werten folgen sie in ihren Investments? Investoren beraten häufig, was gerne als Einweg-Kommunikation betrachtet wird. Doch das muss nicht so sein. Nutzen Sie die Chance, aus dieser Beratung eine Begegnung in Gegenseitigkeit zu schaffen, indem wiederum Sie Ihre Investoren beraten.

Die Reihenfolge bestimmt den Fokus

Fangen Sie bei Ihrem Vorgehen immer mit den Kunden an und durchlaufen Sie die Reihenfolge dann wie oben beschrieben. Erst am Ende gelangen Sie dann zu den Investoren. Wieso nicht umgekehrt, wie es oftmals in der Praxis geschieht? Schließlich sind es doch häufig die Investoren, die ein Geschäft erst zum Laufen bringen?

Die Kunden sind diejenigen, für die Sie Wert schaffen, ihre Probleme sind der Fokus Ihres Handelns, die Investoren unterstützen Sie dabei. Wenn Sie sich jedoch auf die Geldgeber fokussieren, vernichten Sie Werte. Sie sehen das in vielen Firmen, die sich in schwierigen Situationen vor allem auf Einsparungen konzentrieren. Dadurch verlieren sie den Kunden aus dem Fokus und treffen oft Entscheidungen, die gegen die Interessen der Kunden sind: Produkte werden billiger hergestellt und halten infolge kürzer. Mitarbeitern werden Unterstützungen gestrichen, was demotiviert. Kunden sehen sich damit konfrontiert, dass sie für einen eingeschränkten Service oder ein schlechteres Produkt das Gleiche bezahlen sollen wie früher. Nur, wer will das schon? Wenn Sie aber nach den Kunden und Mitgestaltenden die Beziehung zur Natur betrachten, erhalten Sie ein ganz anderes Verhältnis zu den Ressourcen. Sie lernen, wie effektiv die Natur mit ihren Rohstoffen umgeht. Hier ist nichts wertloser Abfall. Hier wird jedes Material nach seiner Verwendung zum Ausgangspunkt für etwas Neues. Das ist ein Ansatz, der am Ende auch den Investoren zugutekommt.

Jeder Schritt kann transformativ sein

Kompetitiv oder partizipativ damit treffen Sie eine Entscheidung über die transformatorische Kraft Ihres eigenen Handelns. Egal ob Volkswagen oder Sekem, der gesellschaftliche Einfluss dieser Unternehmen ist enorm. Doch während die einen Teil des Problems sind und dieses massiv vergrößern, arbeiten die anderen an der Lösung.

„Das, was Dir guttut, tut auch mir gut.“ Im regenerierenden Handeln nehmen wir Abschied vom Denken in Konkurrenz. Und das können Sie überall üben. In jeder Begegnung können Sie sich fragen: Was kann ich tun, das uns beiden nutzt?

Lassen Sie sich selbst von Ihrer eigenen Antwort überraschen!

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Als gäbe es kein Ende

Was wir aus unserem Umgang mit Boden lernen können

Weshalb wird dieser Wohlstand als private Wohnfläche realisiert und nicht in Gemeinschaftseinrichtungen, und weshalb verwenden die Konsumenten ihre wachsenden Einkommen immer noch dazu, ihre Wohnfläche auszuweiten? Eigentümlicherweise wachsen die Wohnflächen und der Wert ihrer Ausstattung sprunghaft, während das, was in der Wohnung notwendigerweise noch erledigt werden muss, rapide zu schrumpfen scheint.“ Hartmut Häußermann, Walter Siebel 1

37,2 Quadratmeter. So viel Wohnfläche hatte jede und jeder in Deutschland zur Verfügung, als die beiden Soziologen Häußermann und Siebel 1996 ihr Buch über das Wohnen schrieben. Verglichen mit der Situation nach dem Krieg war das luxuriös. Damals standen jedem gerade einmal 14,9 Quadratmeter qm zur Verfügung.

Doch bei 37,2 war nicht Schluss. Das Bedürfnis, die eigene Wohnfläche auszuweiten, hält an. Inzwischen sind wir bei mehr als 46 Quadratmetern angelangt. Die Mehrheit der Menschen in Großstädten lebt alleine, auf 68,3 Quadratmetern. Die 14,9 Quadratmeter von 1950 sind nur unwesentlich mehr als jene 13 Quadratmeter an Parkplatz, die ein Auto in der Stadt im Durchschnitt braucht. Und während sich wenige Jahre nach dem Krieg 4,7 Menschen eine Wohnung teilten, sind es heute nur noch zwei Personen pro Haushalt. Wir leben auf mehr Platz mit weniger Menschen. Die Frage also der beiden Soziologen, warum wir unsere Wohnfläche immer mehr ausweiten, ist hochaktuell. Obgleich sie inzwischen 20 Jahre alt ist.

Die Frage nach dem Flächenverbrauch ist dabei nur eine, die Häußermann und Siebel stellen. Die Frage nach der Wohnungsnot ist die zweite, der sie in ihrem Buch nachgehen. Und auch die ist, obgleich sie sich über die Jahrzehnte gewandelt hat, weiterhin aktuell: 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen laut einer aktuellen Studie in deutschen Großstädten.

Es lohnt sich also, beide Fragen zusammenzudenken: Wieso wohnen bei uns immer weniger Menschen auf immer mehr Fläche? Und weshalb haben wir in vielen Städten nicht genügend Wohnraum? Nicht, um die scheinbar naheliegende Antwort zu geben. Sondern um an den beiden Fragen zu erproben, wo wir verschwenderisch mit Boden umgehen. Und weshalb wir die Probleme, die damit einhergehen, nicht lösen.

Die Welt hinter den Zahlen

Untersuchen wir doch einmal die 46,5 Quadratmeter, auf denen jeder einzelne von uns wohnt — Sie genauso wie ich. Und betrachten wir dabei vor allem, welcher Flächenverbrauch damit tatsächlich einhergeht. Denn die 46,5 Quadratmeter sind die einzige Fläche, die wir statistisch einer Person direkt zurechnen können. Aber nicht die einzige, die wir für unser Leben benötigen. Mit den 46,5 Quadratmetern beginnt der Verbrauch. Und sie führen uns zu all den anderen Flächen, die wir verwenden, konsumieren, überplanen und zubetonieren, damit wir uns ein derart funktionsloses Wohnen, wie wir es leben, leisten können.

Funktionslos ist unser Wohnen, weil unser Leben funktionell ausdifferenziert ist. Denn fast alles, was wir zum Leben benötigen, erarbeiten wir uns nicht selbst. Weder die Nahrung noch die Kleidung noch die Dinge des täglichen Lebens. Wir lassen sie machen. Und leben dadurch in einer großen Abhängigkeit.

Bis die Lebensmittel auf unserem Tisch landen, haben sie einen langen Weg hinter sich. Bei einem Liter naturtrübem Apfelsaft können das zwischen 565 und 1.908 Kilometer sein, wie die Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik 2007 herausgefunden hat. Und diese durchschnittlich 1.145 Kilometer bedeuten viele Stationen, viel Fläche. Angefangen bei der Tier- und Pflanzenzucht, die einhergehen mit weiteren Flächen für Futterpflanzen, plus dem Flächenverbrauch für die Technik. Daran schließen sich die verarbeitenden Industrien an (weitere Fläche), mit ihrem je eigenen Bedarf an Rohstoffen und Vorprodukten, Verpackungs- und Büromaterial, Maschinerien (weitere Flächen und Ressourcen). Es folgen der Handel mit seinen unterschiedlichen Lager und Zwischenstationen bis hin zu den großen Supermärkten (Flächen, Flächen, Flächen). Dort holen wir die Nahrung dann ab, bringen sie nach Hause und lagern sie im Kühlschrank oder in der Vorratskammer (weitere Flächen).

Der ganze Ablauf ist nur durch einen vielfältigen Transport möglich, der seinerseits — genau — Fläche verbraucht: direkt in Form von Straßen, Park-, Logistik- und Umschlagpätzen. Indirekt, weil jeder Transport Energie in Form von Strom oder Öl benötigt. Und für deren Erzeugung wir wiederum auf Fläche angewiesen sind.

Jede unserer Lebensäußerungen ist inzwischen in eine derartige Kette eingebunden, jede mit dem dazugehörigen Flächenverbrauch:

  • Die Begleitung unserer Kinder (Krippe, Hort, Schulen, diverse andere Bildungsangebote wie Sportvereine etc., Verkehr)
  • Unsere medizinische Versorgung (Arztpraxen, Krankenhäuser, Verkehr) und die Betreuung der Alten in Pflegeheimen und Anlagen für betreutes Wohnen (Flächen).
  • Unsere Arbeit (Büro, Technik, dazugehörende Dienstleister, Verkehr etc.)
  • Unsere Freizeitangebote (Sportaktivitäten, Kulturangebote, der Medienmarkt, die ganze Tourismusbranche mit ihren sehr vielfältigen Ausformungen, die inzwischen so weit gehen, dass ganze Städte und Gebiete zu touristischen Sonderzonen werden. Gehen Sie nur einmal nach Venedig oder in einen der Disneyland-Parks).
  • Dienstleistungen wie Wasser, Abwasser und Müllentsorgung oder Telekommunikation, die wiederum eigene Fläche benötigen.

Je weniger wir also Zeit in unseren Wohnungen verbringen, desto mehr Fläche brauchen wir außerhalb. Und dahinter verbergen sich auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Denn Boden ist eine nicht vermehrbare Ressource. Boden ist inzwischen sehr knapp.

In Regionen mit hohem Zuzug wie München, Stuttgart oder Frankfurt, aber auch in kleineren Orten wie Augsburg und Regensburg, führt das zu einem massiven Preisanstieg. Nicht nur bei den Mieten, sondern auch bei den Bodenpreisen. Boden ist schlicht zu einem Spekulationsobjekt geworden ist, obgleich er — neben Luft und frischem Wasser — zu den Grundvoraussetzungen menschlichen Lebens gehört.

Die wirtschaftlichen Interessen sind vielfältig. Alle, die an der Herstellung von Wohnraum beteiligt sind, profitieren davon, wenn mehr Fläche verbraucht wird: die Bauträger, die Baustoffindustrie, die Architekten. Bei ihren Kosten verweisen sie in der Regel auf die gestiegenen Bodenpreise und verschleiern dabei, dass sie mittels Standardisierung und Qualitätsminderung ihre Gewinnspanne erheblich vergrößern.

Dann kommen all jene, die die ganze Bauwirtschaft finanzieren: die Banken, die Bausparverträge verkaufen, Kredite an die zukünftigen Besitzer vergeben und die Bauindustrie mitfinanzieren. Es gibt die Kommunen, für die Flächenverkauf und Flächenbebauung immer einhergehen mit entsprechenden Steuereinnahmen. Den Staat, der über die Umsatzbesteuerung ebenfalls davon profitiert. Und dann gibt es weniger offensichtlich Beteiligte, für die die Automobilindustrie ein gutes Beispiel ist. Jedes Baugebiet, das fern von Innenstädten und Ortszentren erschlossen wird und mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht zu erreichen ist, macht uns abhängig von privater Mobilität. Auf Jahrzehnte. Jede Zwischenstufe, die im Handel eingezogen wird, jedes Land, das in unser Wirtschaftssystem integriert wird, bedeutet mehr Transport und folglich mehr Bedarf an entsprechenden Transportmitteln.

Die 46,5 Quadratmeter stehen noch für eine weitere Dimension, die unserer Kultur. Dann erzählt diese Zahl von der Art und Weise, wie wir uns das Wohnen vorstellen, wie wir konkret leben und welche Annahmen und Weltbilder wir damit ausdrücken.

Vor allem ein Modell hat sich im letzten Jahrhundert durchgesetzt, nämlich das bürgerliche mit der Zwei-Generationen-Familie: Vater, Mutter und ein bis zwei Kinder. In ihrer Soziologie des Wohnens beschreiben Häußermann und Siebel sehr genau die unterschiedlichen Interessen und Ansätze, die zu diesem dominanten Lebensmodell geführt haben. Staatlicherseits war es das Interesse, am Ende des 19. Jahrhunderts die soziale Not und die Unruhen in den wachsenden Städten zu befrieden. Bei den Industriellen gab es die Erwartung, die firmenzugehörigen Arbeitskräfte möglichst effizient zu nutzen. Das traf auf eine Bevölkerung, deren großer Wunsch es war, am entstehenden Wohlstand teilzuhaben. Und der drückte sich zuvorderst im Eigentum oder zumindest im eigenen Wohnraum aus. Eine dritte Bewegung — die frühsozialistische, die soziale Befreiung anstrebte — wurde dabei gesellschaftlich an den Rand gedrängt.

Und in der Welt unserer Neubaugebiete und in den Katalogen der Fertighaushersteller gilt dieses kulturelle Modell immer noch, obgleich die gesellschaftliche Realität längst eine andere ist. Da ist die Kernfamilie nur noch ein Lebensentwurf unter vielen, aber nicht mehr der dominante. In Großstädten überwiegen inzwischen die Single-Haushalte. Die Ehe für alle anerkennt auch andere Beziehungsformen als die von Mann und Frau. Und lebenszyklisch betrachtet ist das Modell, wenn es tatsächlich gelebt wird, nur eine Phase, die etwa 25 bis 30 Jahre umfasst. Das ist nicht einmal die Hälfte unserer durchschnittlichen Lebenszeit.

Kleinfamilien sind nur ein Zwischenschritt eines kulturellen Prozesses. Zu den Familienverbänden gehörten früher Dienstmägde und Gesellen ebenso wie Wanderer und Menschen auf der Flucht, die nur kurzfristig am Leben des Großverbandes teilhatten. Heute sind Bedienstete nicht mehr Teil des Haushaltes, werden nur bei Bedarf hinzugezogen, vor allem haben sie eine eigene Wohnwelt. Und auch die unproduktiven Familienmitglieder, die arbeitsunfähig gewordenen Großeltern, sind nicht mehr Teil der Familie. Am Ende dieses Prozesses der Ausschließung und Auflösung steht wohl der Single-Haushalt.

Ein Denken auf Messers Schneide

Realer Verbrauch, wirtschaftliche Interessen, kulturelle Bedingungen — diese drei Perspektiven auf die Komplexität unseres Wohnens helfen uns, die vielfältigen Prozesse und Dynamiken zu verstehen, die zu dem führen, was wir „unsere vier Wände“ nennen. Es sind eben nicht einfach nur Gewohnheiten und Bedürfnisse, die zu unserer Art des Wohnens führen. Denn auch sie sind geprägt und gestaltet, durch kulturelle Vorstellungen ebenso wie durch unser Rechtssystem, durch technische Entwicklungen ebenso wie durch den Reichtum, den wir erworben haben.

Jede Frage, die wir klären wollen, sei sie politisch, ökonomisch, sozial oder ökologisch, steht immer in einer solchen Komplexität. Wir kommen um diese Komplexität nicht herum. Und wenn wir meinen, die Welt herunterbrechen zu können auf das Einfache und Verständliche, richten wir Schaden an. An der Welt und an unserer Fähigkeit, in der Welt zu handeln. Antworten, die der Realität angemessen sind, finden wir dann, wenn wir uns dieser Komplexität aussetzen und unser Denken durch sie verändern lassen. Weshalb? Weil unser bisheriges Denken in Rastern, Details und Strukturen selbst Teil des Problems ist. Neues Denken entsteht jedoch dann, wenn wir unser herkömmliches Denken an der ganzen Widersprüchlichkeit der Welt, die nur eine Widersprüchlichkeit dieses Denkens ist, zerschellen lassen. Wenn wir uns — wie es das Sprichwort beschreibt — auf Messers Schneide bewegen.

Was uns dabei hilft, sind Fragen. Fragen, die unser Denken öffnen, die uns unsere Blockaden, Annahmen und Sackgassen aufzeigen. Fragen, die uns helfen, unsere Ideen zu betrachten und erneut zu hinterfragen:

Wie können wir bewusst und aus uns selbst heraus handeln?

Es mag überraschen, hier mit einer Frage nach uns selbst und unserem eigenen Handeln zu beginnen. Aber keine Lösung, kein Weg, den wir einschlagen, wird funktionieren, wenn wir unser eigenes Handeln ignorieren. Wenn wir gegen unsere innere Motivation arbeiten, statt unsere Besonderheit und Einzigartigkeit auszudrücken. Der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki hat es einmal so formuliert, dass wir keinen anderen Kopf über unserem eigenen haben sollen. Unsere innere Motivation, unseren Ruf zu vernehmen und danach zu handeln — darum geht es. Tun wir das nicht, werden wir krank oder depressiv. Und am Ende ziehen nicht nur wir uns zurück, sondern auch unser Umfeld degeneriert.

Um zur Essenz unseres Lebens zu gelangen, müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein. Daniel Pink hat in seinem Buch Drive2 drei benannt: Autonomy/Selbstbestimmung, also der Wunsch, dass wir unser Leben selbst bestimmen und gestalten. Mastery/Perfektionierung als der Wunsch, dass wir uns in dem, was wir tun, stetig verbessern. Purpose/Sinnerfüllung als der Wunsch, dass wir mit unserer Arbeit etwas dienen, das größer ist als wir selbst.

Wie stärken wir damit unsere Einzigartigkeit?

Ein wesentliches Merkmal aller lebenden Systeme (und dazu gehören Organisationen ebenso wie Kommunen, Firmen ebenso wie Familien, Plätze ebenso wie Projekte) ist, dass sie einzigartig sind. Und dass sie ihr volles Potential nur dann entfalten, wenn sie sich dieser Einzigartigkeit bewusst sind und sie auch leben können. Unterdrücken wir diese Einzigartigkeit durch Konformismus, Standardisierung oder autoritäre Führung, mindern wir das Leben und lassen es degenerieren.

Die Frage nach der Einzigartigkeit führt weiter: Wie gelingt es uns, in dem, was wir tun, alle zu stärken? Wie können wir also nicht nur unsere eigene Einzigartigkeit befördern, sondern auch die all jener, die daran beteiligt sind? Ein Perspektivwechsel kann uns dabei helfen. Er führt weg von der Frage, wer was macht, hin zur Frage: Was ist der Beitrag, den nur Du und kein anderer leisten kannst?

Wie mehren wir unsere natürlichen Grundlagen?

Unsere Art zu wirtschaften und zu handeln basiert auf der Ausbeutung von Ressourcen. Damit entziehen wir uns langfristig selbst die Grundlagen, die wir zum Leben brauchen. Die Vermüllung der Meere, der Verlust der Artenvielfalt, Klimaveränderungen — die Folgen unseres Handels zeigen uns das tagtäglich. Nur nachhaltig zu sein, reicht dabei nicht aus. Denn das Konzept der Nachhaltigkeit missversteht lebende Systeme. Und es limitiert uns in dem, was wir leisten können. Wie jedes andere lebende System haben wir Menschen ebenfalls die Fähigkeit, die Strukturen, die wir zum Leben brauchen, zu stärken. Mehren statt zehren. Das ist der Maßstab.

Wie lösen wir ressourcenverbrauchende Abhängigkeiten auf?

Unser Leben basiert darauf, dass wir die meisten Funktionen und Aufgaben auslagern und an andere abgeben. Unsere Form des Wohnens spricht diesbezüglich Bände. Je weitreichender und tiefer diese Abhängigkeiten sind, desto größer ist der Flächenverbrauch. Denn jede Form von Auslagerung bedeutet Entfernung, Transport, weitere Ressourcen. Ein einfaches Beispiel: Welchen Aufwand und welcher Ressourcen bedarf es, wenn ich mir eine Suppe mit Tomaten aus meinem Garten koche? Und welcher Aufwand, welcher Ressourcenverbrauch steht hinter der Tomatensuppe, die ich mir als Konserve im Supermarkt kaufe?

Spannend aber ist, was dabei mit mir passiert. Denn statt Ressourcen zu verbrauchen, befähige ich mich plötzlich selbst. Das Kochen der Suppe erfordert weitaus mehr Fähigkeiten als das schlichte Erwärmen einer Konserve. Und diese Fähigkeiten zu erlernen und zu praktizieren, stärkt. Die gleiche Erfahrung können wir in Kommunen und Gemeinschaften machen, ja auch in Organisationen. Es ist ein viel größerer Akt der Gemeinschaftsstiftung, wenn eine Gemeinde ihre Turnhalle mit großem ehrenamtlichem Engagement weitgehend selbst baut, als wenn sie sie von einem Bauträger errichten lässt. Und ein solches, mit den eigenen Händen errichtete Haus nimmt in der Gemeinde einen ganz anderen Platz ein.

Wie stärken wir das Ganze?

Notwendig ist auch, unsere Strukturen und Rahmenbedingungen zu verändern. Wir erschaffen uns häufig Ordnungen, die zerstören. Weil sie (kurzfristig) zwar eine gute lokale Entwicklung hervorbringen. Langfristig aber dem größeren Zusammenhang schaden, und damit am Ende auch uns vor Ort. Ein Beispiel ist die kommunale Eigenständigkeit. Politisch ein hohes und wertvolles Gut. In Verbindung aber mit den Einnahmequellen der Gemeinden führt sie zu massiven ökologischen Fehlentwicklungen, vor allem in Ballungsräumen. Denn statt einer übergeordneten Flächensteuerung, die den Belangen der ganzen Region Rechnung trägt, schaffen wir einen kommunalen Wildwuchs, der allen schadet. In jeder Gemeinde ein Gewerbegebiet, ein Einkaufsgebiet. Viel Flächenverbrauch, viel Verkehr ist die Folge. Und zugleich sterben die Zentren aus: der Donut-Effekt.

Wenn wir über Ordnung nachdenken, müssen wir uns fragen, in welchen größeren Zusammenhang wir eingebunden sind. Welche Dynamiken herrschen sowohl in Bezug auf das Größere als auch all jene Elemente, die mit uns auf einer Ebene stehen? Und auf welcher Ebene muss die Frage, die ich mir stelle, überhaupt beantwortet werden?

Wie stärken wir unsere politischen Strukturen?

Wirtschaftliches Denken ist durchdrungen von der Unvereinbarkeit von Markt und staatlicher Ordnung. Deshalb zieht alles Handeln auf das Schwächen von politischen Strukturen ab. Oftmals lautet das Argument, staatliches Handeln würde nie die gleiche Effizienz hervorbringen wie der Markt. Nur, der Markt befreit nicht von Ordnung, vielmehr ersetzt er die staatliche durch seine eigene, die wesentliche Beteiligte am Geschehen systematisch ausblendet und ausgrenzt: die Natur, Kommunen und lokale Gemeinschaften, Mitgestaltende wie Arbeiter und Zulieferer, sozial Benachteiligte, Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft. Dabei gibt es sehr viele Beispiele, die zeigen, dass Wohlstand insbesondere dann entsteht, wenn eine starke Wirtschaft auf eine starke staatliche Ordnung trifft. Die deutsche Wirtschaft ist gerade wegen der Sozialpartnerschaft so stark. Dank der Integration der Arbeitnehmerinteressen in die Unternehmen, sei es im Aufsichtsrat oder durch die Betriebsräte, haben wir weitaus weniger Streiks als in Frankreich und Italien.

Politisch heißt das, verlorenes Terrain zurückzugewinnen und neue Formen stärkender Regulierung zu entwickeln. Es heißt, politische Strukturen wie Ämter und Prozesse weiterzuentwickeln und wo nötig zu ergänzen. Eine regionale Flächensteuerung z.B. kann nur mit einer hohen Bürgerbeteiligung entstehen. Und wir müssen unsere ehrenamtlichen Räte in Städten und Gemeinden in die Lage versetzen, die komplexen Entscheidungen, vor denen sie inzwischen stehen, tatsächlich treffen zu können.

Jedes Projekt, wie klein auch immer, hat Einfluss auf das System, in das es eingebunden ist. Sein ganzes Potenzial kann es nur dann entfalten, wenn es seine Beziehung zum Ganzen und zu den anderen Elementen, mit denen es dieses Ganze bildet, versteht und gestalten kann. Gemeint ist hier politische Gestaltung: Ein Haus ist nicht nur ein Haus. Sondern es gestaltet seine Straße, seine Nachbarschaft mit.

Wie gewinnen wir großen Einfluss?

Mit geringem Aufwand große Wirkung erzielen: Wenn wir wirklich etwas bewegen wollen, müssen wir wissen, welchen Hebel wir nehmen und wo wir ihn ansetzen. Wollen Sie ein Gerücht streuen, dann suchen Sie sich die ein, zwei Personen in einem System, die die entscheidenden Verteiler sind. Erzählen Sie ihnen die Geschichte. Und der Rest geschieht von allein. Auf politischer Ebene können wir das bei den rechtspopulistischen Parteien beobachten. Ihr Einfluss, Themen zu setzen und anderen ihre Agenda aufzunötigen, ist weit größer als ihr Wählerpotential.

Viele Projekte hingegen berauben sich selbst ihres Einflusses. Sie konzentrieren sich nur auf sich selbst. Würden sie das Größere, in das sie eingebunden sind, sorgfältig beobachten, dann würden sie lernen, wie sie mit der gleichen Arbeit, dem gleichen Aufwand wesentlich größere Veränderungen bewirken. Das aber verlangt den Mut, in größeren Maßstäben zu denken, und die Bereitschaft, sich die notwendige Ausdauer anzueignen.

Lösungen, die mehr sind als Lösungen

Kommen wir von diesen Fragen noch einmal zurück auf unsere Ausgangsfrage: Wieso wohnen wir auf immer mehr Fläche? Und weshalb haben wir in vielen Städten nicht genügend Wohnraum? Wenn der Wohnungsmarkt große Flächen anbietet, werden diese auch gekauft. Und wenn Menschen, die in einer großen Wohnung mittlerweile allein leben, weniger Miete zahlen als in einer kleineren Wohnung, dann bleiben sie in der alten. Für sie ist das wirtschaftlicher, für die Gesellschaft nicht. Das, was bei diesen beiden Fragen auf der Hand zu liegen scheint, führt nicht zu Lösungen, sondern in die Irre. Wie aber sehen Lösungen aus, die tatsächlich wirken?

So vielseitig das Wohnen und der damit einhergehende Flächenverbrauch ist, so vielseitig können auch die Lösungen sein. Und da sich die bestehende Konstellation über einen langen Zeitraum entwickelt hat, müssen wir bei unseren Lösungen Geduld und Ausdauer aufbringen und die Fähigkeit entwickeln, über den eigenen Rahmen hinauszugehen.

In ihrem Bericht über die Battleboro Cooperation erzählt Beatrice Ungard, wie so etwas gelingen kann. Eine Lebensmittelgenossenschaft wollte ein energieeffizientes Verwaltungsgebäude bauen. Am Ende initiierte die Genossenschaft ein regionales Wirtschaftssystem, stärkte die Biolandwirtschaft am Ort, schuf ein Haus, das nicht nur einen neuen Bioladen und die eigene Verwaltung beherbergte, sondern auch eine Kochschule und 24 Wohnungen. Zudem wurden 6.000 Genossenschaftsmitglieder intensiv in die Arbeit eingebunden. Ein Projekt wirkt auf den vielfältigsten Ebenen.

Wo immer Sie gerade stehen — ob Sie als Familie bauen wollen, als Gemeinderat ein Baugebiet entwickeln, als Ladenbesitzerin ihre Gemeinde versorgen oder als Programmierer eine Webseite entwickeln — Sie können dort anfangen, wo Sie gerade sind. Wo verbrauchen Sie welche Flächen? An welchem Knoten dieses ganzen Geflechts stehen Sie gerade? Und welchen Faden haben Sie in der Hand, an dem Sie ziehen können? Nehmen Sie die Komplexität des Themas als Einladung, an möglichst vielen Stellen gleichzeitig Veränderungen anzustoßen. Dann kommen wir alle in Bewegung.


Hartmut Häußermann und Walter Siebel, Soziologie des Wohnens, 1996, S.14.

Daniel H Pink, Drive, 2011.

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24.06.2020 Gabriel Fehrenbach
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30.04.2020 Gabriel Fehrenbach
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Gabriel Fehrenbach

Regenerierend handeln

Wie wir das wirkliche Potenzial unserer Arbeit ausschöpfen

Can we live with a forest in a way that makes it possible for the forest to evolve? To me, that’s very different from asking how to harvest the forest appropriately. (Können wir mit einem Wald so leben, dass sich der Wald entwickeln kann? Für mich unterscheidet sich das gänzlich von der Frage, wie wir einen Wald angemessen bewirtschaften.)

Charles G. Krone1

 

Als 1731 Carl von Carlowitz (Oberberghauptmann des Erzgebirges) fragte, „wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen (ist), daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentbehrliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse (Wesen) nicht bleiben mag“, ging es ihm nicht um die ökologische Erhaltung des Waldes. Es ging ihm um die wirtschaftliche Sicherung seines Landes, das mitten in einer Energiekrise steckte. Die Erzgruben und Schmelzhütten des Erzgebirges brauchten Holz. Das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Verstädterung – nicht nur in seinem Land – kamen hinzu. Europa drohte der Holzmangel durch den unkontrollierten Kahlschlag der Wälder. Von Carlowitz’ Rechnung war sehr einfach: Der Raubbau zerstört unsere wirtschaftliche Grundlage, also müssen wir dafür sorgen, dass uns immer genug zur Verfügung steht. Sei es durch einen effizienten und sorgsamen Umgang mit dem Rohstoff, sei es durch eine langfristige Bewirtschaftung der Wälder. Für seine Zeit war von Carlowitz’ Ansatz radikal – und er ist es, überraschenderweise, großteils heute immer noch. Noch überraschender ist aber die Idee, Nachhaltigkeit sei ein ökologisches Konzept. Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Auffassung von Nachhaltigkeit entspringt einem zutiefst wirtschaftlichen Denken. Das können wir lernen, wenn wir Carlowitz lesen. Und sie entspringt der westlichen Sicht, nur über die Details und nicht im Ganzen eine Lösung zu finden. Nachhaltigkeit reduziert unser Handeln auf eine Logik, die kontrolliert, statt ermöglicht.

Natur ist nicht nachhaltig, sie ist dynamisch

Es geht in der Natur nicht um den Erhalt eines Gleichgewichts, wie Vertreter der Nachhaltigkeit vermeintlich annehmen. Die Natur ist hochdynamisch, es gibt Wachstum ebenso wie Zerstörung und Degeneration. Vor allem aber geht es ihr um Entwicklung. Darum, ihr Potenzial, das Mögliche, das noch nicht da ist, zu verwirklichen. Wir suchen aber nicht nach Potential und Möglichkeit. Nein, wir versuchen den Einfluss, den wir Menschen auf die Welt haben, zu verringern. Das ist die Grundmelodie aller Nachhaltigkeitsdiskussionen. Doch wir können unseren Einfluss nicht zurücknehmen. Wir sind Leben und Natur. Und alles, was uns möglich ist, ist, diesen Einfluss zu gestalten. Sei es nun der Wasser- oder CO2-Fußabdruck: Wo auch immer wir „nachhaltig“ handeln, konzentrieren wir uns auf einzelne Aspekte. Auf Details, die wir meinen, beeinflussen zu können. Das ist ebenfalls Teil des westlichen, wirtschaftlichen Denkens. Wir nehmen den einen Aspekt, isolieren ihn und arbeiten damit. Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten die Erfahrung gemacht, dass das erfolgreich ist. Jetzt aber lernen wir schmerzhaft, dass dieses Vorgehen großen Erfolg hatte. Aber noch größere Schäden mit sich bringt, die wir erst jetzt in ihrer Gesamtheit verstehen. Ein Beispiel: Wir können ein Schulgebäude hoch energieeffizient bauen und damit seinen CO2-Fußabdruck klein halten. Wenn wir aber beim Bau nicht auf eine regionale Herstellung und eine erdölfreie Dämmung achten, kann das CO2, das bei der Produktion der Bauteile erzeugt wird, wesentlich höher sein als die CO2-Reduzierung über die Lebensspanne des Gebäudes. Und wenn wir nicht auf eine verkehrsgünstige Lage achten, wenn wir den Kindern nicht ermöglichen, gut zu Fuß oder mit Rad und Bus herzukommen, dann ruft dieses Schulgebäude langfristig nur weitere Ressourcenverschwendung hervor.

Über nachhaltiges Denken hinauszugehen, regenerativ zu handeln, heißt, nach dem Potential zu fragen. Andere Fragen, die ein anderes Denken hervorrufen: Besteht die Grundschule am Ort nur aus Klassen und Lehrern, für die der Schulträger Mittel zu Verfügung stellen muss? Ist es ein politischer Ort, weil unsere Kinder der Schulpflicht unterliegen? Ein Ort, in dem wir Kinder unser altes Denken beibringen oder ihnen ermöglichen, neues zu entwickeln? Können wir die Schule als ein ganz konkretes Gebäude an einem bestimmten Platz in einer Stadt oder einer Gemeinde sehen? Sehen wir die Rolle, die die Schule innerhalb einer Gemeinde einnehmen kann, die Mannigfaltigkeit an Funktionen und Aufgaben? Als architektonischen Bezugspunkt ebenso wie als Treffpunkt für Jugendliche zum nachmittäglichen Abhängen, als Raum, in dem sich Gemeinschaft bildet, sei es in Vereinen, sei es im VHS-Unterricht? Funktionen, die sich zumeist zufällig und im Nachhinein ergeben, aber auch gezielt gefördert werden können, wenn wir bei der Planung andere Fragen stellen.

 

Eine Schule in ihrem Zusammenhang

 

Regenerierend handeln geht über Nachhaltigkeit weit hinaus

Wenn wir beim – engen – Begriff der Nachhaltigkeit bleiben, fragen wir nur, wie wir Dinge reduzieren und weniger schlimm machen können. Denken wir jedoch regenerativ, so akzeptieren wir, dass wir als Menschen immer Einfluss haben. Deshalb geht es darum, diesen Einfluss bewusst und in seiner ganzen Mannigfaltigkeit zu gestalten. Dann lautet die Frage so, wie sie Pamela Mang und Ben Haggard in ihrem Buch „Regenerative Design“ stellen:

„How can wie increase human impacts in ways that are consciously beneficial?“ (Wie können wir den menschlichen Einfluss erhöhen, auf eine Weise, die bewußt und dienlich ist?)

Wenn wir in den Wald gehen, nicht um ihn nachhaltig zu bewirtschaften, sondern um im Wald etwas über unsere Orte und Gemeinschaften, über unser Wirtschaften und Handeln zu lernen, dann ist das eine Einladung, anders zu denken, andere Fragen zuzulassen und auf die  Antworten gespannt zu sein. Es verlangt von uns, alles um uns herum, ob Ort, Verein oder Firma, als lebenden Organismus zu begreifen und aus dieser Erfahrung heraus anders zu handeln. Wir betrachten einen einzelnen Baum, betrachten ihn mit unseren wirtschaftlichen, auch ökologischen Maßstäben und geben ihm einen Wert. Nachhaltigkeit heißt dann, den Wert des Baumes zu erhalten oder zu ersetzen. Betrachten wir einen Baum allerdings in seinem Wald, vor allem in seinen Beziehungen, dann geht es nicht um Gleichgewicht, sondern um Dynamik. Der Baum steht immer in Wechselbeziehung zu seiner Umgebung – und aus dieser Wechselbeziehung heraus schafft er die Grundlage für sein eigenes Wachstum. Er nimmt eine Aufgabe innerhalb des Waldes wahr, die den ganzen Wald stärkt, Pflanzen in seiner Umgebung die Möglichkeit zum Wachsen gibt – sei es, indem er Wasser bindet, Sauerstoff erzeugt, Schatten spendet. Indem er seine Umgebung stärkt, stärkt er zugleich sich. Nicht in einer Eins-zu-eins-Beziehung – ich helfe dir, du hilfst mir –, sondern im Kreislauf ganz unterschiedlicher Elemente, die sich vernetzt versorgen. Dadurch entsteht etwas vollkommen Neues. Es sind nicht die Bäume und Pflanzen alleine, die einen Wald ausmachen, es sind die Beziehungen, die vielfältigen Formen des Austausches, die den Wald erst ermöglichen. Die Fragen, die wir im Wald finden, können wir uns in vielerlei Hinsicht stellen: ob wir Neubaugebiete entwickeln, Heimatministerien gründen oder benachteiligte Gebiete fördern. Wir können sie uns auch in unseren Familien stellen: Wie betrachten wir uns innerhalb unserer Familie? Wie betrachten wir unsere Familie innerhalb unserer Hausgemeinschaft oder Nachbarschaft? Sehen wir uns als Teil einer anonymen Masse, in der sich Kontakte nur zufällig ergeben, oder als Teil einer Dynamik, die wir mitgestalten? Je nachdem, wie wir uns verhalten? Wie betrachten Sie sich – gerade jetzt, als Leserin, als Leser? Und wie noch können Sie sich betrachten? Regenerierend handeln heißt, anders zu denken, heißt ausprobieren und lernen. In der folgenden Serie wollen wir das anhand sechs unterschiedlicher Aspekte tun:

Wir werden dann diese sechs Aspekte anhand eines Arbeitsmodells in eine Ordnung bringen. Eine Ordnung, die uns ermöglichen soll, regenerierendes Handeln in den unterschiedlichsten Zusammenhängen anzuwenden und auszuprobieren. Abschließend betrachten wir jenen Aspekt, der am meisten Einfluss auf unser Handeln hat: uns selbst. Und fragen uns: Wie müssen wir uns ändern, damit wir regenerierend handeln?

Mang, Pamela; Haggard, Ben; Regenesis, Regenerative Development and Design, 2016, S. 9

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Gabriel Fehrenbach

„Die Ökonomiebrille trage ich nicht gerne“

Er nennt sich Raumunternehmer, ist ein Architekt, der eine Landwirtschaft und Metzgerei betreibt und damit seine heimatliche Mühle zusammen mit seiner Frau zu einem Begegnungsort der ganz eigenen Weise entwickelt. Rudolf Finsterwalder bewegt sich zwischen und in den Welten von Wirtschaft, Architektur, Stadt und Land. Was erfährt er dort? Gabriel Fehrenbach: Geht das, gutes Wirtschaften? Rudolf Finsterwalder: Es geht, aber es darf dabei nicht um Gewinnmaximierung gehen. Es muss für alle funktionieren. Die Genossenschaft ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie dabei alle am Unternehmen beteiligen können und mehr Potential schöpfen können. Die Menschen, die sich daran beteiligen, sind ganz anders motiviert. Ein Unternehmen, das sich ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausrichtet, ist zum Sterben verurteilt. Immer mehr und mehr zu machen, funktioniert nicht.

Die Landlmühle

Was wir hier in der Landlmühle machen, entspricht einem mittelständischen Unternehmen, aber wir organisieren das anders. Ich wollte kein Unternehmen mit 300 Mitarbeiter haben, da geht Dir die Zeit aus. Ich will Ideengeber sein, etwas zum Laufen bringen und dann etwas Neues machen. Das ist ein anderes Denken. Bei uns gibt es die unterschiedlichsten Konstellationen. Wir haben die Genossenschaft, wir haben selbstständige Unternehmer, die Struktur muss zu den Menschen passen. Wie entstehen solche Strukturen? Durch nachdenken und nicht hektisch werden. Das mag anstrengend sein, weil dann Sachen auch wieder verworfen werden. Aber es braucht Zeit, bis alles zusammenpasst. Als Unternehmer sind meine Frau und ich erst einmal unser eigenes Korrektiv. Aber will wollen, dass die ganze Gruppe das Korrektiv ist. Das verlangt, dass wir mit allen reden. Was heißt Macht für Sie? Das mag banal klingen, aber es ist wichtig, dass, wenn man Macht hat, sie nicht mißbraucht. Das muß nicht zwingend demokratisch sein. Wenn Sie ein kluger Unternehmer sind, der nachhaltig denkt, werden Sie Ihre Macht nicht mißbrauchen. Nachhaltig sein heißt für mich, dass ich etwas über einen langen Zeitraum funktionieren lassen kann,. Die Menschen, die zu uns kommen, spüren, da gibt es eine Vision, die lange trägt. Das ist ein Ort mit Geschichte und einem Konzept, das Sinn ergibt. Welche Rolle spielt dabei der Ort? Der Ort ist ganz wesentlich, es geht darum, das Potential eines Ortes zu erkennen. Ich hatte kürzlich jemandem, der wollte, dass wir unsere Häuser Ginger und Fred bei ihm am Bodensee bauen. Dabei ist jeder Ort, jedes Grundstück anders. Und die Frage ist, wie kann eine Lösung dort ausschauen? Viele Immobilienentwickler arbeiten zu eindimensional. Die erkennen nicht das Potential eines Ortes, auch gar nicht die individuellen Schwierigkeiten. Das verstehen sie nicht, weil sie nur ihre Ökonomiebrille aufhaben. Jeder Mensch hat ja seine Brille auf, aber die Ökonomiebrille ist nicht die, die ich gerne habe.

Ginger und Fred

Was bedeutet Natur für Ihre Arbeit? Natur ist eine unendliche Inspirationsquelle für meine Arbeit und gleichzeitig der Kontext, in dem Architektur steht. Die Verortung von Architektur ist zwingend für mich, sie muss auf ihre Umgebung reagieren. Ich meine damit nicht eine romantisch verklärte Vorstellung von Natur , sondern eine intellektuelle Auseinandersetzung mit ihr. F. L. Wright hat vor allem in seinen ersten Bauten einen extremen Naturbezug gesucht. Er hat mit den Materialien, die es vor Ort gab gebaut, hat auch die Architekturen als Teil des Naturraum geplant. So waren diese Gebäude vor allem horizontal entwickelt, um das landschaftliche Motiv aufzugreifen, vertikale Gebäude lehnte er in dieser Phase ab. Diesem Denken fühle ich mich sehr nahe. Ich arbeite ähnlich, verwende Materialien aus der Region, greife lokale architektonische Themen auf. Was kann die Architektur? Das wird oft unterschätzt. Es ist wie bei guter Kunst, es berührt die Menschen, auch wenn sie es nicht genau benennen können. Unsere Metzgerei zum Beispiel hat eine Holzverschalung, die ein wenig aussieht wie geschindelt. Die Leute können das nicht einordnen, weil sie es noch nie gesehen haben. Aber sie finden es toll. Für unsere Gemeinde haben wir eine Gestaltungsfibel entwickelt. Denn die herkömmlichen Mitteln wie Bebauungsplan und Festsetzungen funktionieren alleine nicht. Es ist ein Fehler, dass restriktiv anzugehen. Sie können an einem Genehmigungsplan nicht erkennen, ob es gute Architektur wird oder nicht. Gute Architektur lebt von den Details, von den Materialien, von der handwerklichen Qualität. Daraus entsteht dann eine regionale Identität. Neben dieser Identität geht es in Architektur auch um Schönheit. Das mag ein schwieriger Begriff sein, aber wenn ich das nicht befriedige, bin ich als Architekt fehl am Platz. Ich habe einen sehr vielschichtigen, komplexen Begriff von Architektur. Sinnlichkeit gehört dazu, Spannung – gute Architektur wird auch nach längerem Betrachten nicht langweilig. Und dann gibt es all die pragmatischen Aspekte. Ein Gebäude ist ein Gebrauchsgegenstand und als solcher muss er funktionieren. Wohin muss sich Architektur entwickeln? Architektur muss wieder eine Bedeutung erlangen. Sie ist in der Krise, weil sie so belanglos geworden ist. Architekten müssen ihr Selbstbewusstsein wiederfinden und dürfen nicht mehr nur Erfüllungsgehilfe von Bauträgern und Bauherren sein. Dazu gehört, dass wir eine Vision haben, von dem, was wir tun. Auf dem Land haben wir einen totalen Ausverkauf, weil wir der Ökonomie das Feld überlassen. Dabei sind gute Architektur und gute Raumplanung vereinbar mit ökonomischen Interessen. Aber es fehlt uns dafür an funktionierenden Beispielen. Was ist essenziell für gute Raumplanung? Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung, die das Ganze vereint und mit der das Sozialleben befördert wird. Die Auftrennnung der Bereiche, der Funktionen, der Disziplinen, der Menschen, diese Segregation ist einfach der Tod. Eigentlich ist es einfach, eine Gemeinde gut zu entwickeln. Aber in Wahrheit ist es fast unmöglich, weil alles so spezialisiert ist, aufgespalten ist. Für diese Komplexität bräuchten wir Generalisten, die aber gibt es nicht. Wohin muss sich die Landwirtschaft entwicklen? Die Landwirtschaft muss umdenken, dass ist vielen Menschen inzwischen klar geworden. Und auch da geht es darum, gute funktionierende Beispiele zu schaffen, um zu zeigen, es gibt Alternativen. Dass Verbraucher sehen, so kann man auch arbeiten. Deswegen machen wir das hier. Wir haben ein Planungs- und Beratungsteam gegründet für Landwirte und Metzger. Es hängt immer an den Menschen, auch in der Ökonomie. Sie müssen merken, wenn die Prämisse Rendite oder Gewinnmaximierung ist, es nicht gut ist für sie selbst und für ihr Unternehmen. Jeder Unternehmer braucht Mitarbeiter, und wenn er merkwürdig arbeitet und wirtschaftet, wird er immer mehr Probleme bekommen, gute Mitarbeiter zu finden. Wir sind schon mitten im Paradigmenwechsel. Das haben nur noch nicht alle gemerkt. RUDOLF FINSTERWALDER, Architekt, betreibt zusammen mit seiner Frau das Architekturbüro Finsterwalderarchitekten. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Simsseer Weidefleisch eG. Aus der Auseinandersetzung unter anderem mit der Arbeit von Frei Otto entstanden Ausstellung und Buch „form follows nature“.

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