18.09.2019

Gabriel Fehrenbach

Machen wir uns die Demokratie zu eigen!

Wie der Weg zu einer neuen Gesellschaft ausschaut.

Seien wir ehrlich: Politik und Wirtschaft haben bislang versagt. Sie sollen endlich alles tun, damit wir die Klimaziele einhalten. Stimmen Sie diesem Satz zu? Dann heiße ich Sie herzlich Willkommen im Kreise all jener, die am Status quo nichts ändern wollen. Und herzlich Willkommen im Kern unserer Krise. Mit unserem Verständnis von Demokratie und von Führung als einer Dienstleitung berauben wir uns selbst unserer Handlungsfähigkeit. Weshalb?

Delegieren – das Prinzip, das uns schwächt

Weil wir delegieren. Das ist das Prinzip, nach dem wir unsere politische Arbeit organisieren. Wir übertragen eine bestimmte Aufgabe – die Organisation unseres Zusammenlebens – anderen Personen. Sie haben den Auftrag, diese Arbeit in unserem Sinne zu übernehmen und zu lösen. Tun sie das nicht, dann sorgen wir für Kurskorrekturen. Wahlen und Demonstrationen sind dazu die Mittel der Wahl. Zweifelsfrei hat dieses Prinzip in den letzten siebzig Jahren funktioniert. Ja, es hat uns sogar große wirtschaftliche Prosperität beschert. Und dennoch hat es drei wesentliche Schwachstellen, deren Wirkungen sich jetzt deutlich zeigen:

a) Die Übereinstimmung der Interessen von Wählenden und Gewählten ist fiktiv geworden und funktioniert deshalb nicht mehr. Hat es früher eine hohe Übereinstimmung in den jeweiligen Milieus (christlich, sozial, liberal) gegeben, ist diese nun weggefallen. Denn die Milieus existieren nicht mehr. Zugleich sind die Fragestellungen, um die es heute geht, viel zu komplex, als dass sie sich durch die Orientierung an gemeinsamen Werten oder gar mit den einfachen Parolen eines Wahlkampfes abbilden ließen. Populisten haben das erkannt und versuchen deshalb, ihre Wählergruppen emotional an sich zu binden. Ihr Ansatz: statt von Milieus sprechen sie nun von Kulturen. Bestimmten, vermeintlich ethnischen Gruppen wird ein problematisches Verhalten zugeschrieben, bestimmte Bevölkerungsgruppen werden als gefährlich skizziert. So entsteht in der Abgrenzung das Bild einer eigenen Welt, einer eigenen, kraftvollen Kultur. Populisten können dadurch auf das Angebot von Lösungen verzichten. Was gut für sie ist, denn über die verfügen sie auch nicht.

b) Unser politisches System folgt eigenen Normen, die die Kooperation innerhalb einer Gesellschaft untergraben. Ihr System belohnt Profilierung, Abgrenzung und Konfrontation. Denn all das sichert eine höhere Aufmerksamkeit. Und das ist die Währung. Erkennen lässt sich das selbst in den kleinsten Gemeinden. Menschen, die zum Wohle aller zusammenarbeiten sollten, sind durch das Wahlsystem genötigt, gegeneinander anzutreten und anzukämpfen. Die Profilierung einzelner steht im Vordergrund statt der gemeinsamen Entwicklung tragfähiger Ideen.

c) Die Wählerinnen und Wähler können so tun, als ob sie nicht Teil der Entscheidungen sind. Wir sind zwar immer persönlich involviert. Doch wir ignorieren das. So wie wir ausblenden, dass wir durch unsere täglichen Entscheidungen selbst den wesentlichen Anteil an der Klimaerwärmung haben. Denn die Vorstellung von „denen in Brüssel“, „denen in Berlin“ oder „denen im Stadtrat“, die das alles zu verantworten haben, macht es uns leicht, unsere eigene Verstrickung auszublenden. Das aber macht uns passiv. Denn solange wir nicht erkennen, dass wir Teil des Problems sind, können wir auch nicht handeln und Einfluss nehmen. Nehmen wir doch nur die große Erzählung vom „Neoliberalismus“. Vieles an der Analyse der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und Strukturen ist vollkommen richtig. Tatsächlich diente der Abbau stabilisierender Regel- und Schutzmechanismen dem Machterhalt einer wirtschaftlichen und politischen Elite. Aber indem die Opponenten des Neoliberalismus einen Großteil der Bevölkerung als erleidendes Objekt und nicht als handelndes Subjekt beschreiben, nehmen sie ihm die Möglichkeit, zu gestalten und Änderungen herbeizuführen. Die Folge: Mit ihrer Erzählung stabilisieren die Kritiker des Neoliberalismus jene Strukturen, für deren Abschaffung sie eigentlich kämpfen.

Die Crux der Bürgerbeteiligung oder: Wann geht alle Macht vom Volke aus?

Das Grundgesetz ist eindeutig. In Artikel 20 heißt es, alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus. Doch die politische Realität ist eine andere. Denn damit die Menschen ihre Machtlosigkeit nicht erkennen, wird die Machtteilhabe des Volkes inszeniert. „Bürgerbeteiligung“ nennt sich das dann. Auch wenn unser politisches System auf dem Papier jedem zugesteht, politische Ämter zu erringen und darin Macht auszuüben, bleibt es in Wirklichkeit hierarchisch organisiert – Macht ist zentralisiert. Und die Struktur ermöglicht es denjenigen, die an der Macht sind, sich diese langfristig zu sichern. Die politischen Verwerfungen in der Bundesrepublik, die zahlreichen Emanzipationsbewegungen, vor allem aber die Dauer ihrer Kämpfe, sprechen Bände davon. Das bestehende politische System ist unfähig, die Krisen ganzheitlich zu lösen. Was die gleiche Teilhabe aller an der politischen Gestaltung unserer Lebenswelt angeht, befinden wir uns bloß auf einer weiteren Etappe. In der jahrhundertelangen Entwicklung von der feudalen oder klerikalen Herrschaft hin zu einer tatsächlichen Gestaltung geht es nun um den Schritt von der repräsentativen zur unmittelbaren Demokratie.

 

Damit die Menschen ihre Machtlosigkeit nicht erkennen, wird die Machtteilhabe des Volkes inszeniert. „Bürgerbeteiligung“ nennt sich das dann.

 

Wie schaut eine unmittelbare Demokratie aus?

Die Unmittelbarkeit dieser Demokratieform hat mehrere Aspekte:

  1. Unmittelbare Betroffenheit: Alle, die von einer Frage betroffen sind, gestalten und entscheiden die Lösung mit.
  2. Unmittelbare Einbindung: Sie handeln dabei direkt, ohne Mittler und Repräsentation.
  3. Unmittelbare Antwort: Die unmittelbare Demokratie beantwortet Fragen und Probleme, die jetzt anstehen.

Daraus ergeben sich einige wesentliche Merkmale der unmittelbaren Demokratie:

  • Vielfalt statt Gleichheit: Jede direkte demokratische Form ist einzigartig. Das Prinzip der Natur ist Vielfalt, nicht die Vervielfältigung. Es gibt in der Natur keine zwei Dinge, die vollkommen identisch sind. Wo wir als Menschen dieses Prinzip missachten, tragen wir zur Degenerierung unserer Systeme bei. Wer das verstehen will, schaue sich deutsche Gewerbegebiete oder Fußgängerzonen an.
  • Mut statt Kontrolle: Es geht um Potenzial. Die bisherigen demokratischen Formen basieren auf Kontrolle und auf Regeln, die einschränken und verteilen. Doch Kontrolle verhindert inneres Wachstum, Zugang zur spirituellen Dimension unseres Lebens und Mut zum Entfalten von Potenzial.
  • Mehren statt zehren: Im Potenzial erkennen wir, dass wir Wachstum anders begreifen und leben müssen. Nachhaltigkeit versucht, in den Systemen Stabilität herzustellen. Mit anderen Worten: nur so viel entnehmen wie nachwächst. Doch auch das trägt zur Degenerierung der ökologischen Systeme bei. Denn in lebendigen Systemen geht es um ein Mehr – ein Mehr an Substanz, an Komplexität, an Bewusstheit. Und die Aufgabe einer unmittelbaren Demokratie ist es, alle wesentlichen Systeme (Natur, Ort, Gemeinschaft und Lebewesen) zu stärken.
  • Teilen statt besitzen: Unmittelbare Demokratie findet neue Antworten auf die Eigentumsfrage. Denn neben dem Zugang zu frischer Luft und sauberem Wasser ist die Verfügung über gesunden Boden eine absolute Lebensnotwendigkeit, ohne die wir eine gesunde Ernährung nicht sicherstellen können. Das bestehende Eigentumssystem aber zerstört nicht nur unsere Lebensgrundlage, sondern auch den Zugang zu sauberer Luft und sauberem Wasser und trägt enorm zu sozialen Spannungen, Ausbeutung und Krieg bei.

 

 

Die bisherigen demokratischen Formen basieren auf Kontrolle und auf Regeln, die einschränken und verteilen.

 

Wie kommen wir zur unmittelbaren Demokratie?

Wir müssen uns die Demokratie aneignen und dabei das bestehende System sinnvoll und klug überwinden. Aber nicht, wie es die Populisten aller Couleur wollen, durch die Rückkehr zu einer hierarchischen und zentralistischen Form. Denn damit bedienen sie nur die Sehnsucht nach einer einfachen Ordnung, die vor allem ihnen selbst zugutekommen wird. Nein, wir müssen uns selbst befähigen, unsere Lebenswelt zu gestalten. Sinnvoll bedeutet dabei, dass wir die Strukturen, die dienlich sind, behalten und neue Strukturen daraufhin prüfen, ob sie dem Ziel einer unmittelbaren Teilhabe aller dienen. Klug heißt, das jetzige System mit legitimen Mitteln eben dieses Systems zu überwinden. Denn das bestehende System hat kein Interesse an der eigenen Abschaffung und wird deswegen seine Machtmittel mobilisieren.
Folgende Dinge können und müssen wir tun:

  1. Uns den Schattenseiten des bestehenden Systems zuwenden
  2. Uns trauen zu trauern
  3. Räume des Wandels ermöglichen
  4. Handlungsspielräume erkennen und ausweiten
  5. Neue Spielarten der Demokratie entwickeln
  6. Einfach anfangen

Wenden wir uns den Schattenseiten zu

Schattenseiten gibt es viele, etwa die strukturelle Gewalt, die unserem System innewohnt. Diese Gewalt zeigt sich in der langen und anhaltenden Geschichte polizeilicher Exzesse, in den Übergriffen und Skandalen der Bundeswehr, die sich nie vollständig aus der Tradition der Wehrmacht gelöst hat, in der Blindheit gegen rechten Terrorismus. Sie umfasst die endemische häusliche und sexuelle Gewalt, den Machtmissbrauch und die vielfältigen Gewaltformen an Schulen und Kirchen, die manchmal verheerende Arbeit von Jugendämtern ebenso wie den massiven Einsatz von Psychopharmaka. Wir können die konventionelle Form der Landwirtschaft darunter ebenso begreifen wie die vollkommen auf das Automobil ausgerichtete Stadtentwicklung und das suburbane Desaster aus Gewerbe- und Neubaugebieten. Wenn wir das Bestehende überwinden wollen, müssen wir uns mit den Schattenseiten unserer Gesellschaft konfrontieren.Weshalb? Jede Schattenseite ist eine Blockade, die sich, wenn sie nicht gelöst wird, vervielfältigt und so Teil hat an der Degenerierung unseres gesamten Ökosystems: Kinder, die geschlagen werden, werden später, wenn sie dieses Trauma nicht auflösen, selbst zu Tätern.Mit jeder Blockade berauben wir uns selbst eines Teils unseres Potentials als Menschen und damit der Kraft, Intelligenz und Kreativität, die wir für die Wende brauchen. Zudem bergen all diese Ängste, Traumen und Deformationen ganz wesentliche Erfahrungen; wenn wir uns ihnen stellen, verleihen sie unseren Entscheidungen erst die notwendige Tiefe. Sofern wir diese Schattenseiten deutlich sichtbar machen, zeigen wir auf, wo sich das bestehende System selbst schon längst delegitimiert hat. Auf diese Weise weist uns das System selbst den Weg, wie wir es überwinden können.

Trauen wir uns zu trauern

Die Beschäftigung mit den Schattenseiten bedeutet vor allem, dass wir bereit sind zu trauern. Denn was uns dort erwartet, ist vor allem Schmerz. Eine Geschichte von Bernie Glasman mag das verdeutlichen. Der amerikanische Zen-Meister hat mit Jugendlichen aus der Bronx gearbeitet. Um ihnen einen Zugang zu ihrer eigenen Erfahrung zu ermöglichen, bat er sie, für jeden Toten in ihrem Leben einen Stein in den Raum, in dem sie sich befanden, zu tragen. Es war die schiere Ansammlung der Steine, die das Leid greifbar werden ließ. Bei unserer Zuwendung zu den Schattenseiten geht es nicht primär um das Leid des oder der Einzelnen, sondern um die Erkenntnis, dass wir alle die Strukturen erschaffen und aufrechterhalten, die dieses Leid ermöglichen. Es geht um unseren individuellen wie unseren gesellschaftlichen Anteil an der Tat. Denn erst wenn wir uns als Täter erkennen, können wir auch handeln. Trauern ist dabei ein zentraler Schritt. Er hilft uns, uns aus der Angst zu lösen, uns von den alten Geschichten und Schmerzen zu verabschieden und frei zu werden. Trauern ist die Übung, sich auf das Neue einzulassen, ohne das Alte mitzunehmen.

 

 

Die Beschäftigung mit den Schattenseiten bedeutet vor allem, dass wir bereit sind zu trauern. Denn was uns dort erwartet, ist vor allem Schmerz.

 

Schaffen wir Räume des Wandels

Das Trauern ist kein individuelles Trauern, auch kein kollektives Schuldbekenntnis. Es geht dabei um die Versöhnung mit uns selbst. Und dafür müssen wir uns besondere Räume schaffen: Räume des Wandels, die geprägt sind von Vertrauen, Zuwendung, Klarheit, vor allem aber von Offenheit. Denn wenn wir uns den Schattenseiten zuwenden, wissen wir nicht, welche Erfahrungen und welche Erkenntnisse dort auf uns warten. Dafür braucht es besondere Prozesse und eine besondere Prozessbegleitung.

Nutzen wir Handlungsspielräume und Freiheiten

Das größte Geschenk aus der Konfrontation mit den Blockaden und Schattenseiten liegt darin, dass wir mehr Weite im Denken, Wahrnehmen und damit auch im Handeln erlangen. Denn unsere gesellschaftlichen Handlungsspielräume werden ja nicht durch Gesetze und Verordnungen begrenzt. Wir selbst begrenzen sie durch unser Denken. Aus dem Prinzip des Delegierens auszubrechen verlangt, dass wir selbst gestalten; dass wir uns auf die Suche nach eigenen Antworten auf unsere gesellschaftliche Situation machen; dass wir erkennen, wie groß unsere Handlungsspielräume in Wirklichkeit sind.Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass andere etwas für uns regeln. Mit unserem alltäglichen Handeln sind wir tief verstrickt in all die Krisen, in denen wir als Menschen stecken. Und das ist auch gut so. Denn nur weil wir verstrickt sind, können wir auch verändern. Denken wir etwa an die Hose, die wir online einkaufen – und mit der wir den weltweiten Logistikapparat, die industrielle Produktion von Baumwolle und das chinesische Regime am Laufen halten. Oder an die Art, wie wir beruflich Meetings durchführen und mit der wir uns weiter daran beteiligen, dass nur die Lautesten zu Wort kommen – mit all den negativen Folgen für die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder die Entwicklung von Produkten, die Kunden nicht wollen. Diese Dinge und Situationen können wir anders handhaben. Jeder Moment birgt die Chance, etwas über die Krisen und unsere direkte Teilhabe zu lernen. Und im Lernen erfahren wir auch, wie wir anders gestalten können. So können wir vom Täter zum Gestaltenden werden.

Entwickeln wir neue Spielarten des Demokratischen

Es wäre eine Illusion zu glauben, wir könnten ohne jegliche Auseinandersetzung von einer Gesellschaft des Zehrens zu einer des Mehrens übergehenDenn für die Menschen, die zehren, stellt jegliche Veränderung einen Verlust ihrer Ressourcen dar. Dagegen werden sie sich wehren. Zudem ändert eine Gesellschaft des Mehrens die europäische Machterzählung. Historisch betrachtet ist Macht etwas von Gott Gegebenes, das nach jahrhundertelangem Ringen schließlich dem Volk zugesprochen wurde. Und diese Vorstellung einer Macht von oben greift vielfach immer noch. Unmittelbare Demokratie ist aber eine Demokratie von unten, die ihre Legitimität aus der Gleichwertigkeit aller bezieht, aus der Erkenntnis, dass sich das Göttliche in allem Lebendigen vollzieht. Umso wichtiger ist es, dass wir in diesen neuen Handlungsspielräumen sichtbar werden und die Freiräume zu neuen Formen der Demokratie weiterentwickeln und auf diese Weise den Wandel verstetigen. Dabei sollten wir nicht in eine Konkurrenz um Macht verfallen. Denn im Gegensatz dazu, wie wir Macht bislang begriffen haben, ist Macht keine knappe Ressource. Macht ist Fülle [Link], und eine solche Betrachtungsweise hat ganz andere Auswirkungen. Die Entwicklung neuer Formen im Kontext einer weltweiten Vernetzung ist nur lokal möglich. Denn nur dann können wir die Individualität des Ortes und unserer Gemeinschaft wahren. Darin liegt die spannende Herausforderung: aus dem, was gegeben ist, und mit den entsprechenden konkreten Fragen eine eigene, eigenständige Lösung zu entwickeln.

 

 

Historisch betrachtet ist Macht etwas von Gott Gegebenes, das nach jahrhundertelangem Ringen schließlich dem Volk zugesprochen wurde. Und diese Vorstellung einer Macht von oben greift vielfach immer noch.

 

Der Weg formt das Ziel

Viele Ansätze beschäftigen sich mit der Frage: Wie schaut die Zukunft der Demokratie aus? Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus, mal geht es um mehr Solidarität, mal um mehr Weisheit. Aber was all diesen Vorstellungen fehlt, ist die Antwort auf die Frage: Wie kommen wir dahin? Die Vorstellung der unmittelbaren Demokratie hilft uns zu erkennen, dass das, was jetzt ist, nicht alternativlos ist. Diese Vision wird von Ort zu Ort, von Gemeinschaft zu Gemeinschaft anders ausschauen – einfach wegen der Vielfalt allen Lebens. Und dann kommt die zentrale Frage: Wie sieht der Weg dorthin konkret aus?In vielen Handwerksberufen war es früher üblich, sich das Werkzeug selbst zu schmieden. Das Gleiche gilt auch für unseren Weg. Wir dürfen hier nicht den Fehler machen, durch einen gleichförmigen Prozess eine Gleichförmigkeit der Ergebnisse zu provozieren. Bei allem, wonach wir uns richten oder woran wir uns orientieren, gilt, dass wir es uns aneignen, uns zu eigen zu machen. Nur so können wir sicherstellen, dass wir nicht aus der Starre des jetzigen Systems in die nächste Starre verfallen. Eine unmittelbare Demokratie ist eine reiche, reich auch an Formen.

Der Weg beginnt bei uns selbst

Der Anfang liegt bei uns selbst. Nur wenn wir uns ändern, wird auch die Welt sich ändern. Das aber geht nur, wenn wir selbst den Schritt vom Zehren zum Mehren machen. Wir müssen die Kontrolle verlieren. Denn nur dann können wir uns dem wahren Wachstum öffnen. Und dazu braucht es die kontinuierliche und hartnäckige Auseinandersetzung mit uns selbst. Wir müssen uns unseren eigenen Schattenseiten zuwenden, die Angst durchqueren und das Trauern erlernen. Dann können wir uns der wirklichen Freiheit zuwenden. Wir müssen lernen, uns mit allem zu verbinden und in unserer Arbeit das Potenzial aller entfalten zu wollen. Dann werden wir selbst zu einem wesentlichen Teil der unmittelbaren Demokratie.

Demokratie ist fragil

Das Ende der DDR ist gerade einmal 30 Jahre her und mit ihr die Erfahrung, welch hohes Gut Freiheit ist. Seither ist die Demokratie weltweit auf dem Rückzug. Wir bedrohen sie selbst: mit unserer gesellschaftlichen Unfähigkeit, elementare Entscheidungen zu treffen und durch die umfassende Weigerung, staatliche Regulierung als freiheit- und strukturschaffende Aufgabe nicht nur zu begreifen, sondern auch zu erfüllen. Mit all dem bringen wir das demokratische Modell selbst in Misskredit. Die populistischen Bewegungen, die von Polen über Ungarn bis nach Italien erstarken, nutzen die negativen Seiten des bestehenden Systems. Ihr Ziel ist es, unter dem demokratischen Deckmantel autokratische Strukturen zu etablieren. Doch einzig eine wirklich freiheitliche Struktur, eine gesellschaftliche Form, die sich zum Ziel setzt, das Potenzial aller Menschen zu entfalten, ist die Antwort auf unsere Krisen. Daher hilft uns bei der Entwicklung neuer Formen die Frage: Schafft das, was wir gerade entwickeln, größere Freiheitsräume? Hat es wirklich das Potenzial aller im Fokus?Die Lösung unserer gesellschaftlichen Krisen können wir nicht wegdelegieren. Wir sollten dies auch nicht. Zwar führt der Weg durch die Angst, doch er schenkt uns neue Formen der Gemeinschaft, der Begegnung mit uns selbst, eine größere Fähigkeit, Konflikte und Brüche fruchtbar zu machen, und die echte Koexistenz mit der Natur – eine Erfahrung, die wir nicht missen sollten. Das ist die unmittelbare Demokratie. Und wir selbst haben es in der Hand, sie zu bauen.

 

Doch einzig eine wirklich freiheitliche Struktur, eine gesellschaftliche Form, die sich zum Ziel setzt, das Potenzial aller Menschen zu entfalten, ist die Antwort auf unsere Krisen.

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21.11.2018

Gabriel Fehrenbach

Im Bürgerkrieg mit uns selbst

Wie wir unsere gesellschaftliche Blockade überwinden können

Erstmal scheint es nur eine verwahrloste Grünfläche zu sein. Ein kleines Stück Wiese am Rande des Bahnhofplatzes bei uns, ein Streifen von etwa acht auf zwei Metern. Der Bewuchs ist struppig, verblüht, wirkt ungepflegt. Und doch ist diese Wiese nicht verwahrlost, sondern gelebtes bürgerschaftliches Engagement. Zwei Schilder weisen darauf hin: „Hier blüht es für Bienen, Hummeln & Co!“, mit dem sich die Fläche als Teil des „Netzwerk blühende Landschaft“ ausgibt. Auf möglichst vielen Flächen sollen bienen- und insektenfreundliche Blumen und Gräser ausgesät werden, um dem Insektensterben zu begegnen. Die Webseite des Netzwerks bietet unter der Rubrik „So bringen Sie die Landschaft zum Blühen“ eine Reihe von Handlungsempfehlungen, sie reichen vom kleinen Balkon bis zum Ackerbau. Hier geht es also um den Erhalt unserer Lebensgrundlage.

Und doch ist diese Aktion nur Symptombekämpfung, weil sie sich der Komplexität des Themas verweigert. Das zeigen ein paar Schlaglichter:

Die Folgen sind so gravierend, dass blühende Landschaften inzwischen zu Marktstrategien der Chemiekonzerne geworden sind. Der Pflanzenschutzmittel- und Saatgutkonzern Syngenta startete 2009 sein Projekt „Syngenta Bienenweide“ und verteilte an Landwirte kostenfrei spezielle Saatgutmischungen zur Anlage von Bienenweiden. Das Agrarland, das über Jahrzehnte hinweg zerstört wurde, sollte nun wieder „ökologisch aufgewertet“ werden. Das „Netzwerk blühende Landschaft“ steht in der Tradition dieses Ansatzes, wenngleich es von einem Verein getragen wird. Dass so eine Wiese wie bei uns nichts bewirken kann, weil Insekten und Bienen die Bebauung rundherum gar nicht überwinden, ist ein weiteres Detail. Die Essenz des Ganzen: Die Menschen, die sich für den Erhalt von Natur und Ökologie einsetzen, schreiben nur den Status Quo fort. Denn das, was zu den tatsächlichen Zerstörungen führt, wird nicht hinterfragt, sondern akzeptiert und erduldet.

 

Wir betreiben nichts anderes als Symptombekämpfung. Das aber mit soviel Engagement, dass uns die Kraft und Ausdauer fehlen, um die wirklich notwendigen Veränderungen anzugehen. Egal welches gesellschaftliche Thema wir auch nehmen, wir finden dort den gleichen Widerspruch aus hohem Aktionismus und mangelnden Veränderungen: Flüchtlinge, Verkehrsbelastung, Mietpreisentwicklung, Antibiotikaresistenzen, Klimawandel. Bei allen Fragen haben wir Lösungen und Ideen, an Handlungsmöglichkeiten mangelt es uns nicht. Doch wir ergreifen sie nicht.

Weshalb also blockieren wir uns selbst?

Das können wir in bayerischen Grundschulen lernen. In der vierten Klasse sind die Kinder vor allem mit dem Schreiben von Proben beschäftigt, in jeder Woche etwa ein bis zwei. Diese Proben bereiten die Kinder nicht etwa auf den Übertritt in die nächsthöhere Schule vor. Ihr einziger Nutzen liegt in der möglichst gerichtsfesten Selektion der Kinder für die unterschiedlichen Schulzweige. Der Aufwand, der mit den Proben einhergeht, bindet enorme Kapazitäten bei Lehrerinnen und Schülern. Zeit und Kraft, die für das Lernen und die Entwicklung der Kinder verloren sind. „Grundschulabitur“ heißt das vierte Schuljahr deshalb im Elternjargon.

Maria Montessoris große Entdeckung war, dass Kinder lernbegierig sind. Die Hirnforschung zeigt inzwischen, dass die Fähigkeit des Menschen, sich lernend weiterzuentwickeln, bis zum Tode anhält. Die Lernbegeisterung ist jedoch fragil und unser Schulsystem zerstört diese Fähigkeit systematisch. Es geht in unseren Schulen nicht darum, Kinder in ihrer Einzigartigkeit zu fördern, sondern sie zu kontrollieren und zu sortieren. Ihre Fähigkeiten werden nicht entwickelt, sondern gemessen und verglichen. Und mit dem Messen gehen Urteil und Kritik einher. Der innere Antrieb wird zerstört und durch eine Motivation von außen ersetzt. Das bricht die Lernbegeisterung.

Das Bild, das dahintersteht, ist das eines Menschen, der erzogen werden muss, zu etwas hingebogen, das ihn für die Gesellschaft nützlich macht. Wir vertrauen nicht unserem Potenzial. Wir misstrauen uns selbst. Dieses Misstrauen aber hindert uns, die notwendigen Veränderungen, vor denen wir stehen, anzugehen. Denn es beraubt uns des größten Mittels zur Veränderung — uns selbst.

 

Misstrauen als soziale Grundstruktur

Dieses Misstrauen ist tief in unsere gesellschaftliche Struktur eingewoben:

  • Wir führen unsere Unternehmen nicht als einen Zusammenschluss von Menschen, die eigenständig und selbstgeführt handeln. Unsere Mitarbeiter müssen geführt werden. Wir stecken sie in siloartige Hierarchien und tauschen sie nach Belieben aus. Wir erwarten, dass sie keinerlei innere Motivation haben, sondern von außen gesetzte Reize in Form von Bezahlung oder Prestige brauchen, um überhaupt zu arbeiten. Die Forschung, auf die wir uns dabei berufen, basiert auf der Untersuchung von Ratten. Sie reduziert menschliches Verhalten auf seine tierischen Ursprünge und ignoriert, was uns von Ratten unterscheidet: unser menschliches Denk- und Interaktionsvermögen.
  • Den größten Anteil an unserer Mobilität hat das Auto. Es ermöglicht uns zwar, weite Strecken zu überwinden, ist darin aber ein Verhinderer von Kommunikation und Selbstbefähigung. Denn da, wo wir mit dem Überraschenden und Neuen, manchmal auch Unangenehmen konfrontiert werden könnten — etwa mit uns unbekannten Mitmenschen auf der Straße, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule –, verhindert es diesen Kontakt. Und als wären wir des Laufens nicht mächtig, als wären wir nicht in der Lage, Wind und Wetter standzuhalten, lullt es uns ein in seinen Komfort. Der Mittelklassewagen ist Ausdruck unseres Zweifels an unseren körperlichen und sozialen Fähigkeiten.
  • Die Medizin ist in der Lage, den Menschen bis aufs Feinste zu sezieren und Krankheiten zu diagnostizieren. Wir können Depressionen und Alzheimer präzise beschreiben, wir erfassen das Ausmaß an Burn-out, finden immer neue Erkrankungen. Doch heilen können wir sie nicht. Denn uns fehlt der Blick aufs große Ganze, auf die Zusammenhänge und auf das dynamische Spiel von allem mit jedem. Wir lassen uns reparieren, statt dass wir lernen, dass Heilung vor allem der Weg zu uns selbst bedeutet. Und geraten dabei in finanzielle wie persönliche Abhängigkeit zu einem Gesundheitssystem, das darauf ausgelegt ist, uns unmündig zu machen und zu halten.
  • Wir ernähren uns mit etwas, das wir „Convenience Food“ nennen, bequemes Essen. Es ist bequem, weil wir uns selbst aus dem Weg gehen können und uns nicht mit unseren inneren Schwierigkeiten konfrontieren müssen. Dies zeigt sich auch beim Kochen. Wir berauben uns des Reichtums an Fähig- und Fertigkeiten, die wir Menschen uns rund ums Essen über Jahrhunderte hinweg erarbeitet haben. Dazu zählt auch das Wissen, dass Nahrung ein Heilmittel ist, weil Ernährung einen Akt der Selbstfürsorge darstellt. Stattdessen werden wir Teil der industriellen Nahrungserzeugung, die auf so vielfältige Weise zur Degenerierung der Natur beiträgt. Und wir degenerieren selbst — denn ein industriell erzeugtes Lebensmittel erreicht bei weitem nicht die Qualität eines aus frischen Zutaten selbst gekochten Essens.
  • Ob Ernährung, Handel, Medizin oder Wissenschaft — all dies ist geformt und durchdrungen von unserem politischen System. Dieses System lebt in einem Diskurs, in dem wir uns vor allem selbst zensieren: „Im Namen der Verteidigung von Vielfalt darf nicht mehr alles gesagt werden“, beschreibt das Kenan Malik. Statt dass wir uns befähigen, Konflikte auszuhandeln und Meinungsverschiedenheiten auszutragen, definieren wir durch unser Recht, was gesagt werden darf und was nicht. Unsere Verwaltungen legen wir danach aus, Risiken zu minimieren, Verantwortung zu delegieren. Verwaltungen sind weder Ermöglicher noch Gestalter. So wird Freiheit nicht mehr als größtmöglicher Rahmen, sondern nur als kleinster gemeinsamer Nenner gedacht.
  • Das geht einher mit einem enormen Misstrauen zwischen Politikern und Bevölkerung, das schon lange die Form von körperlicher Gewalt gegen Politiker angenommen hat. Quell dieses Misstrauens sind zwei grundlegende Elemente unserer Demokratie: Repräsentation und Wettbewerb. Die Repräsentation folgt dabei dem Prinzipal-Agent-Prinzip. Mit der Folge, dass die repräsentative Demokratie für Wähler vor allem ein Verlust an Handlungsfähigkeit darstellt: Die Aufgaben, die wir an die Politik delegieren, dürfen wir selbst nicht mehr wahrnehmen. Doch die Politik handelt gegebenenfalls auch gegen unsere Interessen. Zugleich hat sich der politische Wettstreit von einem Ringen um die beste Idee zur reinen Personenkonkurrenz gewandelt. Für Populisten aller Couleur sind Diffamierung und persönliche Angriffe das Mittel der Wahl, denn sie schaffen die intensivste Verbindung zu den Wählern. Dabei geht es um Identitätspolitik, denn nicht über das Ringen um Ideen und Lösungen, sondern über die Gemeinsamkeit von Werten, Vorlieben und Gefühlen entsteht eine Beziehung zwischen Wählern und Gewählten. Dabei aber ist die Auseinandersetzung um Inhalte die eigentliche Aufgabe des politischen Diskurs und das, was Verbindung in aller Vielfalt herstellt.

Die Eskalationsmethoden, die die Populisten verwenden, sind keine Ausnahmeerscheinungen. Populisten leben das Misstrauen. Und sie bringen das Funktionsprinzip unserer Gesellschaft lediglich auf den Punkt. Eine perfekte Inszenierung, hinter der sich Machtkalkül verbirgt. Denn den Populisten geht es um den Umbau der Demokratie in Richtung autokratischer Strukturen, so wie wir es in Polen und Ungarn erleben. Das Ergebnis ist ein Staat, in dem unter dem Deckmantel der Sicherheit Misstrauen zunehmend in seine Verfasstheit und in den gelebten Alltag einschreiben wird.

 

Gelingt es uns, dieses Misstrauen zu überwinden? Vor dieser Frage stehen wir als Gesellschaft, wenn wir wirkliche Veränderungen ermöglichen wollen. Gelingt es uns also zum Beispiel, den Populismus zu überwinden mit Strategien, bei denen wir alle, auch den Gegner, ernst nehmen? Oder verfallen wir in einen Widerstand, der die Kultur der Diffamierung nur wiederholt? Schaffen wir uns einen politischen Rahmen, in dem wir die Probleme, die es zu lösen gilt, auch wirklich identifizieren? Damit wir dann von den Chancen, die für uns in diesen Herausforderungen liegen, ausgehen und tragfähige Lösungen realisieren?

Anfang August 2018 hat ein Gericht in Brasilien den Einsatz von Glyphosat ausgesetzt. Die Reaktion des Direktors des brasilianischen Agrarverbandes Abag, Luiz Lourenco, war eindeutig. „Ohne diese Produkte kann keine Landwirtschaft betrieben werden“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur. Klar ist, solch ein Weg ist auch in Deutschland schwierig und verlangt eine große Umstellung. Doch diese Umstellung braucht es vor allem im Denken. Denn unser Denken ist immer kulturell geprägt. Und die Art, wie wir Institutionen und Gesetze schaffen, die Art, wie wir über Jahrzehnte hinweg handeln, beeinflusst unser Denken. Deswegen spricht aus dem, was Lourenco sagt, vor allem die jahrzehntelange Abhängigkeit, die die Nutzung von Glyphosat bewirkt hat. Es ist ein Denken aus dem Verlust heraus, aus der Angst. Das es anders geht, zeigt ein Beispiel aus Indien. Dort hat seit 2016 der Bundesstaat Sikkim seine komplette Landwirtschaft auf biologischen Anbau umgestellt.

Denken, Handeln und der Rahmen, den wir unserem Handeln geben — diese drei Dinge bedingen sich wechselseitig und dynamisch. Noch sind sie durchzogen vom Misstrauen, das wir gegenüber uns selbst als Menschen haben. Wenn wir gestalten wollen, dann brauchen wir dazu Vertrauen. Jeder Akt des Misstrauens ist eine Einladung, ins Vertrauen zu gehen. Der Quell des Vertrauens sind wir selbst. Wenn es uns gelingt, uns selbst zu vertrauen und — wie es der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki formuliert hat — den Bürgerkrieg gegen uns selbst einzustellen, dann sind wir in der Lage, jede notwendige Veränderung anzugehen.

Die zentrale Frage in diesem Moment also lautet: Wo misstrauen Sie sich gerade?

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17.11.2018

Gabriel Fehrenbach

Gut gemeint ist nicht gut genug

Wieso Projekte so oft scheitern und was wir anders machen können

Projekte scheitern öfter, als dass sie gelingen. Doch was wir häufig als gegeben hinnehmen, hat seine Wurzeln in einem fundamentalen Missverständnis hinsichtlich der Ziele eines Projektes und der Zusammenhänge zwischen Prozess, Ergebnis und eigener Rolle. Um Klarheit zu erlangen, können wir bei jedem dieser Aspekte lernen und ihn verändern.

Als meine älteste Tochter eingeschult wurde, beschwerte sich ein befreundeter Vater über die Zusammensetzung der Klassen. Seine Tochter Anna sei als Einzige aus ihrem Freundeskreis in der D-Klasse gelandet, mitten unter Kindern aus sozial schwachen Familien. Seine Sorge war, dass seine Tochter dadurch einen schlechten Start ins Schulleben hätte. Da sie leistungsmäßig die weitaus Beste in ihrer Klasse sei, müsste sie die anderen mitziehen, was sich auf ihre Noten auswirken würde.
Die vier ersten Klassen waren, wie wir schnell feststellten, sozial geschichtet. Während in der A-Klasse alle Kinder aus Akademiker-Haushalten kamen, sank dieser Anteil in den anderen Klassen erheblich. Anna war dann in der D-Klasse die Einzige, deren Eltern Akademiker waren.
Wie kam es dazu?
Mit der Schulanmeldung bekamen die Kinder eine Einladung. Sie sollten jene Freundinnen und Freunde angeben, mit denen sie gerne in der Klasse sein wollten. Die Schulleitung stellte die Klassen diesen Angaben entsprechend zusammen. Den neuen Lebensabschnitt mit Freunden beginnen zu können, so lautete ihre Annahme, würde den Kindern den Umbruch, den der Schuleintritt darstellte, erleichtern.
Was die Schule damit allerdings ungewollt fortsetzte, war die soziale Auswahl, die die Eltern schon viel früher betrieben hatten – in der Wahl ihrer eigenen Freunde, der Auswahl der Kontakte in Krabbelgruppen und Krippen und der Wahl des Kindergartens, der ja häufig durch Empfehlungen aus dem Freundeskreis mitbestimmt wird. Mit ihren Angaben hatte Anna diese soziale Wahl bei der Schulanmeldung unbewusst unterlaufen und musste nun die – in den Augen der Eltern negativen – Folgen davon tragen.

Die Sorge von Annas Eltern war berechtigt. Allerdings weniger im Hinblick auf ihr eigenes Kind als auf alle Kinder. Von einer gemischten Schulklasse profitieren alle. Die Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Lernen haben, werden von den anderen mitgezogen, die zugleich im Weitergeben des Gelernten das eigene Wissen verstärken. Und die Konfrontation mit anderen sozialen Konstellationen erweitert das Weltbild aller und ermöglicht den Kindern eine freiere Lebensgestaltung.
Jetzt hingegen war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die sozialen Konstellationen der Kinder verfestigten, groß; und das würde sich auf ihre gesamte Schullaufbahn auswirken. Das entsprang vor allem zwei Gründen. Die Schulleitung hatte sich bei der Zusammensetzung der Klassen ein kurzfristiges Ziel gesetzt: Die Kinder sollten einen guten Start in der Schule haben. Dabei hatte sie jedoch nicht die Zusammenhänge dieser Auswahl berücksichtigt: Ihr waren die Muster entgangen, die sie mit den Gruppierungen fortsetzen würde, weshalb ihr auch die langfristigen Folgen dieser Entscheidung nicht bewusst werden konnten.

 

 

Das Ende des Prozess ist immer ein Anfang

 

Gut gemeint ist nicht immer gut – das gilt für einen Großteil der Prozesse, die wir bewusst oder, wie so häufig, eher nebenbei gestalten und entstehen lassen. Es gibt unzählige Ansätze und Methoden zum richtigen Prozessdesign, die entwickelt und veröffentlicht wurden.Doch scheitert die Umsetzung häufig an einer mangelnden Kenntnis der Zusammenhänge von Prozess und Prozessdesign. Wie bei der Schuleinschreibung der Tochter meines Freundes wird der Prozess weder von seinem wirklichen Ende her, noch wird die Wirkung jedes einzelnen Schrittes auf das Gesamtergebnis bedacht.

Das wirkliche Ende eines Prozesses

Bei der Schuleinschreibung geht es ja nicht um den sanften Start einer Gruppe von Erstklässlern in ihr Schulleben. Die eigentliche Frage ist, in welchem Lernkontext die Kinder aufwachsen und wie sich das auf ihr gesamtes Leben auswirkt.
Das, was wir zumeist als das Ende eines Prozesses betrachten, ist in Wirklichkeit nur der Anfang eines großen Wirkzusammenhangs. Und den gilt es zu erkennen, wenn wir über das wirkliche Ergebnis unserer Arbeit nachdenken. Wenn wir ein Produkt entwickeln, dann ist nicht das Produkt – das Fahrrad, der 3D-Drucker, das Flugzeug – das Ergebnis des Produktentwicklungsprozesses, sondern das, was dieses Produkt im Leben unserer Kunden und im gesamten ökologischen Kontext bewirkt. Wir müssen unsere Kunden als Integratoren begreifen, weil sie unsere Produkte in ihren Lebensalltag integrieren und sich davon eine Veränderung erhoffen. Wie kann eine Mutter von zwei Kindern ihr Leben mit dem Fahrrad organisieren? Erleichtert es ihren Familienalltag? Oder nervt sie das Gewicht des Rades nach zwei Monaten so sehr, dass sie nach jeder Fahrt zur Krippe ihr Kind gereizt verabschiedet, statt es noch einmal liebevoll in den Arm zu nehmen?
Das Gleiche gilt auch, wenn wir Arbeitsabläufe innerhalb von Firmen entwickeln. Selbst die Frage, welche Entwicklungsumgebung ich meinen Software-Teams zur Verfügung stelle, hat Auswirkungen auf das Leben meiner Kunden – über eine einfache Wirkungskette. Denn die Freiheit und Unterstützung oder aber die Blockade und Gängelung, die mit der Arbeitsausstattung einhergehen, beeinflusst die Programmierer in der Entwicklung ihres Produktes und wirkt sich auf die Qualität ihrer Arbeit aus. Deswegen ist die Vorstellung eines „internen Kunden“, die in großen Firmen oft zur Beschreibung der Abhängigkeit von Abteilungen untereinander verwendet wird, so irreführend. Man glaubt, die Abteilung, der man zuarbeitet, sei der Kunde. Doch der Kunde ist immer außerhalb; intern sind es Kolleginnen und Kollegen, die alle zusammen an einem Produkt für den Kunden arbeiten. Selbst, wenn ihre Tätigkeit vermeintlich keinen direkten Bezug zum Kunden hat, weil sie „nur“ die Reisen für die Vertriebler buchen.

Das Kleine im Großen und umgekehrt

Wenn ich Klarheit darüber habe, was das tatsächliche Ergebnis ist, geht es darum, ob der Prozessschritt, an dem ich gerade arbeite, dieses Ergebnis reflektiert. Wenn ich als Sozialunternehmen für faire Arbeitsbedingungen in der Textilbranche in Asien kämpfe, gleichzeitig aber meinen Mitarbeiterinnen hierzulande keine angemessenen Löhne zahle, dann wirkt sich das auf das Ergebnis meines Bemühens aus. Wenn ich mehr Engagement meiner Mitarbeiter möchte, dieses Vorhaben aber sehr direktiv und hierarchisch umsetzen will, dann werde ich damit scheitern – weil mein Handeln konträr zu meinem Ziel ist. Und wenn ich als Moderatorin mein Team in einer schwierigen Phase während eines Workshops drängele, statt ihm einen sicheren Rahmen zur Reflexion und zur Klärung zu geben, wird dies das Miteinander der Kollegen langfristig untergraben.
Das Schwierige an derlei „gut gemeinten“ Interventionen sind die unbewussten Muster, die darin einfließen. Kindern einen sanften Start in ihr Schulleben mit den bekannten Freundinnen zu sichern, drückt eigentlich einen Mangel an Vertrauen aus. Wir trauen es den Kindern nicht zu, eine Situation, die sie herausfordert, aus sich selbst heraus zu bewältigen. Kinder sind soziale Wesen, die, wenn sie in einer vertrauensvollen Umgebung aufwachsen, leicht Kontakt zu anderen aufnehmen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, stellt der Schuleintritt nicht eine Bürde dar, sondern eine Gelegenheit, zu wachsen, sich in einer fremden Umwelt neu zu orientieren und die Chance zu erhalten, neue Begegnungen zu haben. Dann kann Schule für Kinder die Möglichkeit sein, aus der vielleicht engen Welt ihrer Eltern herauszutreten und Weite zu erleben.
Was am Beispiel des Schuleintritts so spannend ist, ist die Verknüpfung unterschiedlicher Muster, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene: die Haltung der Schulleitung, die ihr Handeln formt, und die gesellschaftliche Tendenz der sozialen Auswahl und Abgrenzung. Letzteres ist ein Muster, das unser Leben durchzieht, das wir aber verschweigen. Und dieses Schweigen hat die Schule verlängert. Ich konnte das an mir selbst beobachten. Meine erste Reaktion ob der Geschichte meines Bekannten war Erleichterung – darüber, dass das nicht meiner Tochter passiert war.

Damit Vorhaben – welcher Art auch immer – gelingen, sind vier Schritte notwendig:

  • das Projekt vom Ende her denken
  • sich fragen, was es für dieses Ergebnis braucht
  • von Anfang an das Ende mitgestalten
  • die eigene Aufgabe klären

Vom Ende her denken

Das Projekt vom Ende her zu denken heißt, dass wir herausfinden, worin das wirkliche Ergebnis unseres Vorhabens liegt: Was wollen und was können wir damit erreichen?
Nehmen wir uns nochmals das Beispiel Fahrrad vor. Das Ergebnis unserer Produktentwicklung als Fahrradmanufaktur ist nicht das Fahrrad, sondern die Veränderung, die dieses Fahrrad im Leben unserer Kunden bewirkt. Will ich kleinen städtischen Handwerksbetrieben ermöglichen, ihre Kunden per Fahrrad zu beliefern, dann werde ich ein anderes Fahrrad bauen, als wenn ich Menschen auf dem Land den Arbeitsweg per Rad schmackhaft machen möchte. Und nicht nur das Fahrrad ist jeweils anders. Möglicherweise werde ich meinen Kundinnen unterschiedliche Dienstleistungen anbieten – den Handwerksbetrieben zum Beispiel einen Rund-um-die-Uhr-Ersatzservice bei Ausfall des Fahrrades.
Wichtig ist beim Nachdenken über das Ende, dass wir uns fragen, welches Potenzial im Ergebnis steckt: Was ist uns möglich – jenseits dessen, was wir heute wissen? Vom Ende her zu denken bedeutet, das eigene Denken zugleich zu erweitern und herauszufordern.

Was braucht dieses Ende?

Wenn wir wissen, welches Ergebnis wir erzielen wollen, können wir klären, was wir dazu benötigen. Welche Kultur brauchen wir in unserer Organisation oder im Team? Welche Prozesse sind notwendig und wie sollten wir diese gestalten? Welche Partner müssen wir an Bord holen (welche Perspektiven und Interessen haben diese)? Und welche Grenzen und Tabus sind notwendig, damit das Projekt stabil bleibt?
Beispiel Reaktivierung einer Ortsmitte: Wenn ich als Bürgermeister möchte, dass meine Gemeinde aus sich heraus ihren Ortskern wieder mit Leben und Aktivität füllt, dann brauche ich einen Prozess, der das reflektiert. Dann sollten die Bürgerinnen und Bürger von Beginn an zu Gestaltern und Entscheidern werden. Möglicherweise brauche ich einen Prozessbegleiter, der mich darin unterstützt, diejenigen mit einzubeziehen, die sich sonst von solchen Dingen fernhalten. Denn als Bürgermeister bin ich an der Stelle befangen. Zudem muss ich Sorge dafür tragen, dass die politischen Gremien die Arbeit nicht durch gegenläufige Beschlüsse torpedieren.

Von Anfang an das Ende mitgestalten

Wir betrachten Projekte häufig als eine lineare Abfolge von einzelnen Schritten. Was heißt es dann, im Anfang schon das Ende umzusetzen? Es bedeutet, dass ich mich schon von Beginn an mit den zentralen Aspekten meines Ergebnisses beschäftige. Wenn ich in meinem Unternehmen die Eigenverantwortung und die Eigenständigkeit meiner Mitarbeiter fördern will, diese Veränderung aber von oben bestimme und durch die Hierarchie nach unten weitergebe, untergrabe ich mit einem solchen Auftakt bereits das Vertrauen, das ich für den Kulturwandel brauche. Stattdessen muss ich von Anfang an die bestehende hierarchische Struktur ignorieren und die notwendige Kultur etablieren. Das gelingt mir zum Beispiel, indem ich ein hierarchieübergreifendes Kernteam bilde und dieses Team befähige, aus sich heraus eigenverantwortlich die nächsten Schritte anzugehen.

 

 

Bei jedem Prozess haben drei Aspekte wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis: das Ziel, der Prozess und diejenigen, die den Prozess entwerfen.

Den eigenen Einfluss verändern

Bei jedem Prozess haben drei Aspekte wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis: das Ziel, der Prozess und diejenigen, die den Prozess entwerfen. Wann immer wir also etwas beginnen und damit die Gelegenheit haben, die Zukunft zu gestalten, sollten wir jeden Versuch, dem Lauf der Dinge zu vertrauen, unterlassen. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dadurch alte, unproduktive Muster verstärken. Unsere eigenen blinden Flecken werden sich als Mängel in das Prozessdesign einschleifen, werden die Kultur und das Miteinander im Team negativ beeinflussen.
Damit geht es um die innere Dimension unseres Handelns: Wie können wir das, was unser Handeln unbewusst formt, erkennen? Was wir dafür brauchen, ist ein Rahmen, der uns selbst Widerstand gibt. Denn nur durch den Widerstand können wir die Kräfte, die wirklich walten, erkennen und verändern. Der Rahmen dient dazu, dass wir uns selbst begegnen auch mit und in dem, was wir als Schwächen und Fehler betrachten. Und diese Begegnung kann nur in Achtsamkeit und Wertschätzung gelingen. Diese Qualität muss der Rahmen gewährleisten. Und er muss uns über die ganze Zeit des Vorhabens begleiten. Denn erst im Handeln selbst werden wir erkennen, was uns daran hindert zu erreichen, was wir erreichen wollen.
Es gibt viele Formen, die ein solcher Rahmen haben kann. Kollegiale Beratung ist eine Möglichkeit, wenn sie dabei hilft, das eigene Verhalten zu reflektieren. Spirituelle Praktiken wie Meditation oder Yoga können ebenfalls Wege sein, mit denen wir die Selbstbeobachtung und -veränderung lernen. Aber auch ein Denkraum, wie ihn das Thinking Environment® ermöglicht, schafft einen solchen Rahmen.
Welcher Rahmen für Sie passt, können nur Sie selbst herausfinden. Er muss zu Ihrer Einzigartigkeit passen und diese unterstützen. Das zu lernen, ist schon die erste Aufgabe dieses Schrittes.

Wir sind in unserer täglichen Arbeit immer noch vom linearen Denken geprägt. Und die Arbeit in Projekten unterstützt das, allein schon durch die Vorstellung, dass es etwas zu erreichen gilt. Doch das Leben ist nicht linear, und auch Ursache und Wirkung stehen nicht immer in direkter Verbindung miteinander. Vom Ende her zu denken ist eine Einladung, ein anderes Denken auszuprobieren. Welche Erfahrungen machen Sie damit? Lassen Sie es mich wissen, ich bin gespannt.

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24.06.2020 Gabriel Fehrenbach
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04.04.2018

Gabriel Fehrenbach

„Die Ökonomiebrille trage ich nicht gerne“

Er nennt sich Raumunternehmer, ist ein Architekt, der eine Landwirtschaft und Metzgerei betreibt und damit seine heimatliche Mühle zusammen mit seiner Frau zu einem Begegnungsort der ganz eigenen Weise entwickelt. Rudolf Finsterwalder bewegt sich zwischen und in den Welten von Wirtschaft, Architektur, Stadt und Land. Was erfährt er dort? Gabriel Fehrenbach: Geht das, gutes Wirtschaften? Rudolf Finsterwalder: Es geht, aber es darf dabei nicht um Gewinnmaximierung gehen. Es muss für alle funktionieren. Die Genossenschaft ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie dabei alle am Unternehmen beteiligen können und mehr Potential schöpfen können. Die Menschen, die sich daran beteiligen, sind ganz anders motiviert. Ein Unternehmen, das sich ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausrichtet, ist zum Sterben verurteilt. Immer mehr und mehr zu machen, funktioniert nicht.

Die Landlmühle

Was wir hier in der Landlmühle machen, entspricht einem mittelständischen Unternehmen, aber wir organisieren das anders. Ich wollte kein Unternehmen mit 300 Mitarbeiter haben, da geht Dir die Zeit aus. Ich will Ideengeber sein, etwas zum Laufen bringen und dann etwas Neues machen. Das ist ein anderes Denken. Bei uns gibt es die unterschiedlichsten Konstellationen. Wir haben die Genossenschaft, wir haben selbstständige Unternehmer, die Struktur muss zu den Menschen passen. Wie entstehen solche Strukturen? Durch nachdenken und nicht hektisch werden. Das mag anstrengend sein, weil dann Sachen auch wieder verworfen werden. Aber es braucht Zeit, bis alles zusammenpasst. Als Unternehmer sind meine Frau und ich erst einmal unser eigenes Korrektiv. Aber will wollen, dass die ganze Gruppe das Korrektiv ist. Das verlangt, dass wir mit allen reden. Was heißt Macht für Sie? Das mag banal klingen, aber es ist wichtig, dass, wenn man Macht hat, sie nicht mißbraucht. Das muß nicht zwingend demokratisch sein. Wenn Sie ein kluger Unternehmer sind, der nachhaltig denkt, werden Sie Ihre Macht nicht mißbrauchen. Nachhaltig sein heißt für mich, dass ich etwas über einen langen Zeitraum funktionieren lassen kann,. Die Menschen, die zu uns kommen, spüren, da gibt es eine Vision, die lange trägt. Das ist ein Ort mit Geschichte und einem Konzept, das Sinn ergibt. Welche Rolle spielt dabei der Ort? Der Ort ist ganz wesentlich, es geht darum, das Potential eines Ortes zu erkennen. Ich hatte kürzlich jemandem, der wollte, dass wir unsere Häuser Ginger und Fred bei ihm am Bodensee bauen. Dabei ist jeder Ort, jedes Grundstück anders. Und die Frage ist, wie kann eine Lösung dort ausschauen? Viele Immobilienentwickler arbeiten zu eindimensional. Die erkennen nicht das Potential eines Ortes, auch gar nicht die individuellen Schwierigkeiten. Das verstehen sie nicht, weil sie nur ihre Ökonomiebrille aufhaben. Jeder Mensch hat ja seine Brille auf, aber die Ökonomiebrille ist nicht die, die ich gerne habe.

Ginger und Fred

Was bedeutet Natur für Ihre Arbeit? Natur ist eine unendliche Inspirationsquelle für meine Arbeit und gleichzeitig der Kontext, in dem Architektur steht. Die Verortung von Architektur ist zwingend für mich, sie muss auf ihre Umgebung reagieren. Ich meine damit nicht eine romantisch verklärte Vorstellung von Natur , sondern eine intellektuelle Auseinandersetzung mit ihr. F. L. Wright hat vor allem in seinen ersten Bauten einen extremen Naturbezug gesucht. Er hat mit den Materialien, die es vor Ort gab gebaut, hat auch die Architekturen als Teil des Naturraum geplant. So waren diese Gebäude vor allem horizontal entwickelt, um das landschaftliche Motiv aufzugreifen, vertikale Gebäude lehnte er in dieser Phase ab. Diesem Denken fühle ich mich sehr nahe. Ich arbeite ähnlich, verwende Materialien aus der Region, greife lokale architektonische Themen auf. Was kann die Architektur? Das wird oft unterschätzt. Es ist wie bei guter Kunst, es berührt die Menschen, auch wenn sie es nicht genau benennen können. Unsere Metzgerei zum Beispiel hat eine Holzverschalung, die ein wenig aussieht wie geschindelt. Die Leute können das nicht einordnen, weil sie es noch nie gesehen haben. Aber sie finden es toll. Für unsere Gemeinde haben wir eine Gestaltungsfibel entwickelt. Denn die herkömmlichen Mitteln wie Bebauungsplan und Festsetzungen funktionieren alleine nicht. Es ist ein Fehler, dass restriktiv anzugehen. Sie können an einem Genehmigungsplan nicht erkennen, ob es gute Architektur wird oder nicht. Gute Architektur lebt von den Details, von den Materialien, von der handwerklichen Qualität. Daraus entsteht dann eine regionale Identität. Neben dieser Identität geht es in Architektur auch um Schönheit. Das mag ein schwieriger Begriff sein, aber wenn ich das nicht befriedige, bin ich als Architekt fehl am Platz. Ich habe einen sehr vielschichtigen, komplexen Begriff von Architektur. Sinnlichkeit gehört dazu, Spannung – gute Architektur wird auch nach längerem Betrachten nicht langweilig. Und dann gibt es all die pragmatischen Aspekte. Ein Gebäude ist ein Gebrauchsgegenstand und als solcher muss er funktionieren. Wohin muss sich Architektur entwickeln? Architektur muss wieder eine Bedeutung erlangen. Sie ist in der Krise, weil sie so belanglos geworden ist. Architekten müssen ihr Selbstbewusstsein wiederfinden und dürfen nicht mehr nur Erfüllungsgehilfe von Bauträgern und Bauherren sein. Dazu gehört, dass wir eine Vision haben, von dem, was wir tun. Auf dem Land haben wir einen totalen Ausverkauf, weil wir der Ökonomie das Feld überlassen. Dabei sind gute Architektur und gute Raumplanung vereinbar mit ökonomischen Interessen. Aber es fehlt uns dafür an funktionierenden Beispielen. Was ist essenziell für gute Raumplanung? Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung, die das Ganze vereint und mit der das Sozialleben befördert wird. Die Auftrennnung der Bereiche, der Funktionen, der Disziplinen, der Menschen, diese Segregation ist einfach der Tod. Eigentlich ist es einfach, eine Gemeinde gut zu entwickeln. Aber in Wahrheit ist es fast unmöglich, weil alles so spezialisiert ist, aufgespalten ist. Für diese Komplexität bräuchten wir Generalisten, die aber gibt es nicht. Wohin muss sich die Landwirtschaft entwicklen? Die Landwirtschaft muss umdenken, dass ist vielen Menschen inzwischen klar geworden. Und auch da geht es darum, gute funktionierende Beispiele zu schaffen, um zu zeigen, es gibt Alternativen. Dass Verbraucher sehen, so kann man auch arbeiten. Deswegen machen wir das hier. Wir haben ein Planungs- und Beratungsteam gegründet für Landwirte und Metzger. Es hängt immer an den Menschen, auch in der Ökonomie. Sie müssen merken, wenn die Prämisse Rendite oder Gewinnmaximierung ist, es nicht gut ist für sie selbst und für ihr Unternehmen. Jeder Unternehmer braucht Mitarbeiter, und wenn er merkwürdig arbeitet und wirtschaftet, wird er immer mehr Probleme bekommen, gute Mitarbeiter zu finden. Wir sind schon mitten im Paradigmenwechsel. Das haben nur noch nicht alle gemerkt. RUDOLF FINSTERWALDER, Architekt, betreibt zusammen mit seiner Frau das Architekturbüro Finsterwalderarchitekten. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Simsseer Weidefleisch eG. Aus der Auseinandersetzung unter anderem mit der Arbeit von Frei Otto entstanden Ausstellung und Buch „form follows nature“.

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14.03.2018

Gabriel Fehrenbach

Eigenmächtig machtlos

Das Wort Macht hatte etwas Widerwärtiges für ihn. Eigentlich wollte er es nicht in den Mund nehmen. Nachdem es aber nun im Raum stand, weil ich es gesagt hatte, mußte er sich dazu verhalten. Und er tat es, in dem er es richtiggehend ausspuckte: „Macht“, so sagte er, „lehne ich ab. Einfluss, dieses Wort lasse ich gelten. Aber Macht? Nein! Der Begriff ist inakzeptabel.“ In unserer Haltung diesem Wort gegenüber sind wir eindeutig. Wir teilen die Welt klar ein, in jene, die Macht haben, und jene, die davon ausgeschlossen sind. Und sollten wir uns unversehens auf der Seite derjenigen wiederfinden, die Macht haben, einfach, weil wir über Bildung oder gewisse finanzielle Mittel verfügen, so ist dieser Zustand zumindest verbal zu überwinden. Denn das richtige Leben findet immer auf Seiten der Machtlosen statt, ihnen gilt unsere Solidarität. Wie aber soll diese Solidarität gelebt werden, ohne die Macht zu erlangen, um die gegebene Verhältnisse zu verändern? Wir ignorieren, dass dies paradox ist. Wir gestalten, aber nicht unter dem Begriff Macht, denn das hieße ja, auf der falschen Seite zu stehen. Wir verwenden andere Wörter und höhlen damit, bewusst oder unbewusst, den Machtbegriff aus. Machtlosigkeit ist eine zutiefst menschliche Erfahrung. Wir werden geboren als Wesen, die alles in sich tragen und zugleich doch zutiefst abhängig sind von der Fürsorge anderer – unserer Eltern und unserer Gemeinschaft. Zu wachsen und erwachsen zu werden ist jener Prozess, in dem wir unsere Hilflosigkeit überwinden und Selbstwirksamkeit erlangen. Und doch ist dieser Weg gepflastert mit Momenten der Ohnmacht und der Begrenzung, der Erfahrung, dass wir nicht gegen die anderen, sondern nur in Verbindung mit ihnen wirksam sein können. Wir erlangen Macht -vor allem über unser eigenes Leben – nur, wenn wir unsere Machtlosigkeit anerkennen. Und erfahren dann am Ende, im Tod, dass wir tatsächlich machtlos sind angesichts der Vergänglichkeit allen Lebens. Und doch ist die Erfahrung, dass es Macht gibt, so greifbar für uns – vor allem, wenn wir nicht die Macht selbst, sondern deren Ergebnisse anschauen – Reichtum, Besitz, Einfluss. Dann finden wir in unserem Alltag genügend Beispiele von Menschen, die zu Macht gelangen, die besitzen, die Erfolg haben: mein Haus, mein Auto, mein Boot. Wir können lesen, hören und sehen, wie ungleich der Reichtum verteilt ist und welche gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Ungleichgewicht hat. Es gibt viele Geschichten rund um die Macht, und ihre Beziehung zum „Haben“ ist eine von vielen Perspektiven. Da geht es auch um Machtkonzentration, um die Fülle dieser Macht, die Geschichten erzählen von „Freiheit“, dem „Selfmademan“, dem Kapitalismus als einzig helfende Wirtschaftsform. Die andere Seite spricht vom Neoliberalismus, von der Ohnmacht des „kleinen Mannes“, dem System der Ausbeutung, Unterdrückung und Machtkonzentration, die stets bei den anderen zu finden ist. Alle Perspektiven eint dabei die gleiche Vorstellung von Macht: als eine Ressource, die nur eingeschränkt vorhanden und daher sehr wertvoll ist. Der einen Seite geht es dann um die Konzentration dieser Ressource in ihren Händen, die andere beklagt genau jene Anhäufung und den Einfluss, den dadurch die wenigen auf das Leben der anderen haben. Und allen Perspektiven liegt die gleiche Angst zugrunde: Angst, das zu verlieren, was ich habe, Angst, dass andere mehr haben als ich, Angst, dass ich nicht genug bekomme. Mangel und Angst gehen einher. Doch was wäre, wenn wir diese Annahme einmal umkehren? Was, wenn wir uns Macht nicht als knappes Gut, sondern als Fülle vorstellen, eine Fülle, die aus dem Miteinander, der Gegenseitigkeit und der Großzügigkeit entsteht? Wenn ich davon profitiere, wenn Du mächtig wirst, und Du profitierst, wenn ich Macht erhalte? Dann taucht plötzlich die Frage auf: Weshalb bin ich nicht mächtig? Und was hat das mit mir – und eben nicht mit den anderen – zu tun? Und welche Wirkungen haben unsere Geschichten, die wir uns aus der Perspektive der Machtlosigkeit erzählen? Geht es ihnen wirklich um die Befreiung? Oder manifestieren wir nur unsere Machtlosigkeit mit ihnen? Denn solange die Verantwortung bei den anderen, beim System, beim Neoliberalismus oder wem auch immer liegt, geben wir die Verantwortung und damit zugleich auch die Möglichkeit zum Gestalten ab. Übernehme ich aber die Verantwortung, dann muss ich mich fragen: Welche Macht habe ich denn jetzt schon? Welche Macht kann ich erreichen? Und: was mache ich dann mit dieser Macht? Was gestalte ich damit und aus welchen Motiven heraus? Fragen, die wesentlich schwieriger zu beantworten sind, weil ich sie mir und nicht den anderen stellen muss.

Der Schleier der Macht

Ich war an einem Winterwochenende mit meiner sechsköpfigen Familie in den Bergen unterwegs und befand mich Sonntagmittag plötzlich in einer Zwickmühle. Denn als wir darüber sprachen, wer denn noch was unternehmen wollte, war sehr schnell klar: Jeder von uns, Eltern wie Kinder, hatte seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn die einen rodeln, die anderen aber nur heimfahren wollen, nur ein Auto da ist und zuhause noch Hausaufgaben und Vorbereitungen warten, dann gibt es keine Lösung, die alles befriedet. Diejenigen aber, die Macht und Verantwortung hatten, die Entscheidung zu treffen, waren meine Frau und ich. Im Gespräch mit Kolleginnen später wurde mir klar, dass sich das Dilemma vor allem aus der Größe der Gruppe ergab. Eltern mit einem oder zwei Kindern stellen sich solche Fragen eher selten. Und wenn, dann werden sie meist durch Ausgleich geregelt. Deshalb werden wir in unserer Gesellschaft viel seltener mit familiären Machtfragen konfrontiert werden, wenngleich wir sie alle tagtäglich haben. Nur erlauben uns unsere Situationen, ihnen aus dem Weg zu gehen und uns ihren Fragen nicht stellen zu müssen. Wir blenden die natürliche und auch notwendige Hierarchie zwischen Eltern und Kindern aus, behandeln unsere Kinder als Partner, betrachten sie als gleichwertig, wo sie es doch in manchen Situationen einfach nicht sind. Uns als Eltern erwächst aus diesen Situationen eine Verantwortung, der wir durch vermeintlich partnerschaftliche Lösungen nicht gerecht werden. Wie schwer fällt es uns, ein klares Nein zu formulieren und dabei zu bleiben? Wir können innerhalb von Organisationen ein ähnliches Phänomen der Machtverschleierung beobachten, wenn wir die zwei Großdiskussionen der vergangenen Jahre betrachten: agiles Arbeiten und darüber hinaus Selbstorganisation, wie sie insbesondere bei Frédéric Laloux abgehandelt wird. Bei der Agilität geht es um Ermächtigung und Selbstermächtigung, aber über Macht wird nicht gesprochen, oder wenn, wird sie mit dem Begriff der Selbstorganisation umschrieben. Die Rollen, die es gibt, haben entweder eine fachlich begrenzte Macht oder sind explizit machtlos gestaltet. Damit wird ein System der Kontrolle und des Ausgleichs geschaffen, das innerhalb seines eigenen Kosmos funktionieren kann. Aber auch nur, weil es die Machtstrukturen des bestehenden Systems ausblendet: Die Teams sind selbstorganisiert, aber die hierarchische Organisation und die Kapitalstruktur der Unternehmen bleibt erhalten. Auch die sich selbst als „Teal“ bezeichnenden Organisationen nach Laloux, die sich damit gerne einer höheren Bewusstseinsstufe zuordnen, blenden die Machtfrage vollkommen aus. Holokratie lässt sich aus der Perspektive der Machtfrage als der Versuch betrachten, Macht durch ihre kleinteilige Verteilung in Rollen und Regeln einzudämmen. Das Ergebnis ist Bürokratie, die mit Intransparenz einhergeht. Herkömmliche Organisationen arbeiten derweil mit unterschiedlich flachen Hierarchien, bei denen insbesondere Macht als Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und über Ressourcen zu verfügen, zentralisiert und deutlich beschränkt wird. Auf politischer Ebene können wir schon länger zwei Bewegungen erkennen. Die eine nenne ich „Diffusion von Verantwortung“, die bürokratische Absicherung von Gefahren und Risiken durch Verordnungen. Dahinter verbirgt sich eine Verschiebung von Macht und Einfluss hin zu denjenigen, die Kapital haben. Denn alle Regelungen kosten in ihrer Umsetzung. Die Hygiene-Auflagen z. B., die Metzgereien heutzutage erfüllen müssen, können sich kleine Betriebe häufig nicht mehr leisten – sie sind auch gar nicht für ihre Dimension gemacht. Was daraus folgt, ist eine schleichende Marktbereinigung hin zu Großeinheiten. Machtgestaltung per Verordnung. Die zweite Bewegung ist die „Rehierarchisierung“, die sich vor allem bei den Populisten aller Couleur findet. Denn ihre Forderungen nach einer Wiederbelebung früherer Zustände ist nichts anderes als eine Monopolisierung der Macht durch Ausgrenzung, ganz egal, ob es sich dabei um Flüchtlinge, Schwule und Lesben oder kulturelle Minderheiten handelt.

Nach Macht fragen

In keinem dieser Kontexte können wir Machtfragen lösen, indem wir sie ignorieren oder ausblenden. Denn unsere Vorstellung von Macht ist tief in unsere sozialen Regeln, unsere Institutionen und Organisationsformen eingewoben. Zugleich stellen sich die Machtfragen mehr denn je. Denn alle Herausforderungen, vor denen wir stehen – ob sozial, ökologisch oder wirtschaftlich –, lassen sich am Ende auf die Verteilung von Macht und Ressourcen herunterbrechen. Die Strukturen in der Kreativindustrie, die in der #MeToo-Debatte zum Vorschein kommen, sind Formen patriarchalischer Machtausübung. Unternehmen können die ökologischen Folgen ihrer Produktion nur deshalb ignorieren, weil unsere Gesetzeslage so ist. Und unsere Städte sind so unwirtlich, weil sich das Denken und die Entscheidungsprozesse, die zu den Planungen führen, allein auf die ökonomische Effizienz berufen und damit jeglichen Gestaltungsraum klein machen. Machtfragen zu beantworten aber verlangt, Macht anders zu denken. Denn im Denken beginnt alles. Und nur mit anderem Denken, mit dem stetigen Hinterfragen unserer Annahmen und Vorstellungen, in der Konfrontation mit unserer Angst können wir anders handeln. Was also bedeutet es, wenn wir uns Macht nicht als knappes Gut, sondern in Fülle vorstellen?

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24.06.2020 Gabriel Fehrenbach
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21.02.2018

Gabriel Fehrenbach

„Wir müssen uns selbst innerhalb des Ganzen erkennen“

Als Berater und Moderator verfügt Adam Kahane über enorme internationale Erfahrung. Er thematisiert zentrale Fragen von Führung, Scheitern und In-Beziehung-Sein und entwickelt innovative Ansätze. Sein Schreiben gewährt tiefe Einblicke in seine Erfahrungen und seine Arbeit. Wir sprachen mit ihm über sein neuestes Buch „Collaborating with the Enemy“.

Gabriel Fehrenbach: Statt die anderen zu ändern, müssen wir an uns arbeiten. Adam, das ist der Grundgedanke deines neuesten Buches. Was ist der Grund für diese Angewohnheit, sich vor allem auf andere zu konzentrieren?

Adam Kahane: Dazu gibt es viele Ideen. René Girard schrieb über das Phänomen des Sündenbocks – nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass dies nicht nur ein essentielles psychologisches, sondern auch moralisches Thema ist. Ich ordne es der Machtlosigkeit oder Verantwortungslosigkeit zu. Es ist einfach zu sagen, dass nicht ich für die Situation verantwortlich bin, mit der ich konfrontiert bin, sondern andere. Und es ist zu schwer, zuzugeben, dass ich verantwortlich sein könnte.

Was könnte den Menschen helfen, diese Angewohnheit zu überwinden? Wie können wir an uns selbst arbeiten?

Wir müssen uns selbst innerhalb des Ganzen erkennen und uns fragen, wie wir Teil davon und nicht außerhalb sind. In meinen letzten Workshops habe ich die Teilnehmer gebeten, zwei Versionen einer schwierigen Situation zu beschreiben. In der ersten nehmen sie die Perspektive desjenigen ein, der draußen steht und sich darauf konzentriert, wer die anderen sind und was sie tun sollten. In der zweiten Version nehmen sie die Innenperspektive ein und schreiben als jemand, der die Situation mitgestaltet. Auf diese Übung reagieren die Leute auf zweierlei Art: Zum einen sagen sie: „Oh, ja, jetzt sehe ich, dass ich verantwortlich bin.“ Und sie sagen – und das habe ich nicht erwartet: „Jetzt habe ich Handlungsmacht.“

Wie verändert dieses Konzept, dass ich für mich Verantwortung übernehme, die Rolle, die wir als Berater, als Moderatoren haben?

Das ist eine schwierige Frage. Der Berater oder Moderator ist ein offensichtliches Beispiel für jemanden, der sich als außerhalb der Situation stehend betrachtet.

Vor ein paar Jahren habe ich begonnen, Moderatoren zu fragen: Wenn ein Team begleitet wird, dann gibt es nur eine oder zwei Personen im Raum, für die die Aufgabe der Gruppe und ihre eigenen Interessen identisch sind. Wer sind diese Personen? Der Moderator und eventuell der Chef. Für alle anderen im Raum sind die Ziele der gesamten Gruppe und ihre eigenen Interessen mehr oder weniger unterschiedlich.

Ein Schritt also ist es, zu erkennen, woran ich ein Interesse habe und dann dies transparent zu machen. Dann sollte ich den Interessen anderer genau so viel Achtung entgegenbringen, statt so zu tun, als wären meine Interessen wichtiger oder bedeutender.

Zweitens sollte ich erkennen, dass ich sogar im Kleinen Teil aller Systeme bin. Mein Handeln wie mein Nichthandeln gehen daher immer mit Verantwortung einher.

Du hast einmal geschrieben: Wenn du nicht Teil des Problems bist, kannst du nicht Teil der Lösung sein. Wenn man sich selbst als Moderator betrachtet, vielleicht aus der Ferne, wie kann man da Teil des Problems sein?

Das habe ich noch nicht vollständig durchdrungen. Zurzeit arbeite ich in einem Projekt im nördlichen Cauca-Tal Kolumbiens. Das ist eine ländliche Gegend, die sich schwer damit tut, das Friedensabkommen umzusetzen. Das Beispiel könnte zwei Antworten auf deine Frage geben. Erstens: Aus der Entfernung bin ich Teil des Problems. Die Lage im nördlichen Cauca-Tal hängt mit der Aufmerksamkeit oder Nicht-Aufmerksamkeit von Bürgern in anderen Ländern zusammen, vom Drogenkonsum in anderen Ländern, von der Rolle, die kanadische Bergbauunternehmen in Kolumbien spielen, von der Rolle der UN in Kolumbien und so weiter. Zweitens: Vorausgesetzt, dass ich nur entfernt am Problem beteiligt bin, sollte ich meinen Anteil an der Lösung nicht übertreiben. Ich kann eine freundliche, neutral moderierende Funktion übernehmen, aber meine Fähigkeit, das System zu verändern, ist stark beschränkt. Tatsächlich werden 95 Prozent der Veränderung aus dem Handeln der Akteure vor Ort resultieren – oder eben nicht.

Sind Lösungen möglich oder sind Lösungen das falsche Ziel?

Das Wort Lösung ist problematisch. Mein erstes Buch hatte den Titel „Solving tough problems“ (deutsch etwa: „Schwierige Probleme lösen“) und Peter Senge weigerte sich erst, das Vorwort zu schreiben. Er sagte, es gehe nicht um Probleme, die Lösungen haben, deshalb stimme der Titel nicht. Damit hat er recht. Die Begriffe – Problem und Lösung – passen nicht, so wie eine Ehe kein Problem darstellt, zu dem es eine Lösung gibt. Sie ist eine Situation, eine Verbindung, ein Werden, mit dem ich gut oder weniger gut umgehen kann. All das sind Situationen, die verschiedene Leute auf verschiedene Weisen und aus verschiedenen Gründen schwierig finden. Und nein, sie sind für Lösungen nicht zugänglich. Wir können damit arbeiten, sie durcharbeiten, weiterentwickeln. Wie ein Leben, eine Ehe, wie Kinder, wie alles Organische.

Du zitierst einmal die Bhagavad Gita: Du hast das Recht auf Arbeit, aber niemals auf die Früchte der Arbeit. Wie verhält sich das zu deiner eigenen Erfahrung als Facilitator?

Die meiste Zeit sind die Dinge nicht abgeschlossen. Ich werde nicht mal in der Lage sein zu erfahren, ob sie beendet oder gelöst sind. Also muss ich das Beste geben, was ich kann, und versuchen, so geschickt und richtig und hilfreich zu agieren, wie es mir möglich ist. Und ich muss zwei Dinge erkennen: Erstens, ich weiß nie sicher, ob etwas erfolgreich gewesen ist oder nicht. Man kann ein Geschehen nicht auf der Ebene des Geschehens beurteilen. Du kannst eine tolle Sitzung leiten, die zu keinen Ergebnissen führt, und du kannst ein fürchterliches Treffen haben, das den Impuls gibt für großartige spätere Ergebnisse. Zweitens: Auch wenn es ein Erfolg ist, dann entsteht dieser nicht notwendigerweise durch mich. Und auch wenn es ein Misserfolg ist, dann ebenfalls nicht notwendigerweise durch mich. Ich versuche also, mich nicht so sehr mit der Frage des Ertrags, des Ergebnisses zu befassen, sondern konzentriere mich darauf, die bestmögliche Arbeit zu machen.

Liegt in dieser Haltung oder Perspektive nicht auch Hilflosigkeit?

Im Englischen hat hilflos die Assoziation von „Es gibt nichts, was ich tun kann“ und damit von Schwäche. Das Zitat aus der Bhagavad Gita besagt, dass ich die Ergebnisse nicht in der Hand habe, was aber nicht heißt, dass es nichts gibt, was ich tun kann, oder nichts, was ich tun sollte. Diese Perspektive betrachte ich als das Gegenteil von Hilflosigkeit. Du gibst dein Bestes und dann schaust du und siehst, was passiert. Und natürlich weißt du es solange nicht, bis du es versuchst.

ADAM KAHANE ist einer der Geschäftsführer von Reos Partners. Seine Beratung, Moderation und Lehrtätigkeit richtet sich darauf, Menschen, die miteinander arbeiten, dabei zu helfen, ihre wichtigsten und schwierigsten Herausforderungen anzugehen. Auf die Weise hat er in mehr als fünfzig Ländern gearbeitet, mit Führungskräften und Politikern, Generälen und Partisanen, Beamten und Gewerkschaftlern, Gemeindeaktivisten und Geistlichen. Er hat vier Bücher geschrieben: „Collaborating with the Enemy“ (deutsch etwa: „Mit dem Feind zusammenarbeiten“), „Transformative Scenario Planning“ (deutsch etwa: „Transformative Szenarioplanung“), „Power and Love“ (deutsch etwa: „Macht und Liebe“) und „Solving Tough Problems“ (deutsch etwa: „Schwierige Probleme lösen“). Homepage, Twitter.

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20.12.2017

Gabriel Fehrenbach

„Übrig bleiben alleinstehende Männer in riesigen Gebäuden mit viel zu großen Traktoren“

Der Mann ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für lebendige Orte. Dem sogenannten „Donut-Effekt“, dem Ausbluten von Innenstädten und Ortszentren, begegnet er mit der Arbeit am „Krapfen“: Orte mit süßem Leben in der Mitte wachzuküssen. Mit seinem Büro „nonconform“ praktiziert Roland Gruber eine intensive wie sehr praxisnahe Form der Bürgerbeteiligung. Er hat Architektur und Kulturmanagement studiert und kann profund Auskunft darüber geben, was zwischen Stadt und Dorf passiert. Gabriel Fehrenbach: Das Land bewahren, geht das noch? Roland Gruber: Natürlich geht das. Es hängt aber davon ab, welches Land Du meinst. Es gibt ja so viele unterschiedliche Arten von Land: das touristisch geprägte, das industrielle, das landwirtschaftliche, das Brachland, das alpine Land. Und das Land, das im prosperierenden Umfeld von Ballungsräumen liegt oder eben sehr peripher davon. Generell gilt, je weiter weg von Orten, wo etwas ist, desto mehr Herausforderung ist es. Der wichtigste Faktor ist der Mensch. Er prägt diese Orte, diese Räume am Land. Wir erleben das bei unserer Öffentlichkeitsbeteiligungsarbeit. Es sind überall die gleichen Bürger, Gemeinderäte, Kirchengemeinderäte, in einem touristischen Ort ticken sie aber anders. Dort gibt es zum Beispiel viel mehr Selbstständige, und die haben gelernt, mit dem zu überleben und das zu verkaufen, was es vor Ort gibt. Daher tun sie was dafür. Denen sind die Schönheit eines Ortes und der öffentliche Raum wichtiger als Anderen, die in ihrem Ort nur schlafen gehen. Das Gießkannen-Prinzip, nach dem Förderungen über alle Orte, alle Dörfer, alle Landstriche gleich ausgeschüttet werden, funktioniert deswegen nicht. Denn bei diesem Anreizsystem muss sich niemand anstrengen. Ist es die Besonderheit des Landes, dass man sich dort engagieren muss? Ja. Wenn auf dem Land etwas passieren soll, müssen die Menschen überproportional aktiv sein. In der Stadt mit ihrer höheren Dichte und dem größeren Angebot brauchen sie das nicht. Wenn ich in einem Dorf leben und gute Filme nicht nur alleine, sondern mit Anderen gemeinsam sehen will, dann muss ich das selbst in Angriff nehmen. Ich nehme dann einen hohen Energieaufwand für die Organisation in Kauf, denn es gibt ja keine Infrastruktur, auf die ich zurückgreifen kann. Ich habe dann aber auch eine ganz andere Leidenschaft für die Sache. Ich will damit sagen: Am Land können wenige Einzelne, drei oder vier Leute, mit ihrem Engagement einen Ort zum Positiven drehen und andere mitreissen, wenn sie zusammenarbeiten und eine tolle Vision davon haben, wo die Zukunftsreise hingehen soll. Und es ist am Land definitiv familiärer. Bei unseren Beteiligungsprozessen spüren wir große Unterschiede, je nachdem, wo wir sind – ob im Dorf, in einer Kleinstadt oder in einer größeren Stadt. Wir haben andere Adressaten und eine andere Stimmung. Aus jahrelanger Erfahrung in Österreich und Deutschland weiß ich, dass auf dem Land viel mehr Leidenschaft und eine positivere Atmosphäre vorherrschen. Die Unmittelbarkeit Deines Gegenübers ist spürbar. Da freuen sich alle, weil irgendetwas gelöst wird, das man lange nicht lösen konnte. In der Stadt merken wir eher das Gegenteil. Es herrscht neben der Anonymität auch mehr Angst, weil meist ein Stück Freiraum weggenommen wird, weil auf weniger Raum mehr Menschen leben sollen und so weiter. Das schlägt sich auf die Stimmung bei der Beteiligungsarbeit nieder. Aber Familie ist etwas, das die einen raustreibt und die anderen erst gar nicht reinlässt. Ja, das ist Realität. Eine Familie kann aber auch ein sehr spannender Organismus sein, den man verstehen, lieben und wertschätzen kann. Es gibt eine Geschichte aus den Vereinigten Staaten, die ich mal gelesen habe. Da ist eine ganze Gruppe von Menschen, Singles wie Familien, an die 100 Menschen, quer über das Land gewandert. Irgendwann ist das Essen ausgegangen, dann die Energie. Als Erstes sind nicht die alten und schwachen sondern die alleinstehenden Menschen gestorben, weil die Familienmitglieder sich gegenseitig extrem gestützt haben. Überlebt haben schliesslich nur wenige Familienclans. Jetzt gibt es aber Orte, meist rund um Großstädte, in denen die Stadt mit ihrer Anonymität nicht funktioniert, genauso wenig wie das alte Dorfprinzip, nachdem die Familien entscheiden, wer reinkommt und wer nicht. Du meinst die Räume im Speckgürtel oder besser gesagt: die Donut-Orte. Hier boomt es gerade gewaltig, weil es für viele eine Entscheidung mit dem kleinsten Widerstand ist. Ich kann da von beiden Welten etwas haben. Ein bisschen im Grünen wohnen, aber nicht zu weit weg von der coolen City. Ich kann dieses „sowohl als auch“ sehr gut verstehen. Die Frage ist nur, stellt das auf die Dauer zufrieden, wenn man eigentlich nichts wirklich hat? Da entsteht so eine Zone aus nicht Stadt und nicht Land. Eine Mischung aus Vorort-Stimmung, Tankstellen dazwischen, Gewerbezonen, Büroquartier, Reihenhaus- und Einfamilienhausgebiet, ein bisschen Dorfcharakter, wenig Dichte. Man will raus aus der Stadt, Grün haben. Aber ganz draußen traut man sich nicht zu, da ist man ja am Arsch der Welt. Sozusagen draussen im Grünen schlafen und drinnen in der Stadt das Leben geniessen. Das werden die großen Herausforderungsräume für die nächsten Jahrzehnte, solchen Orten echtes Leben einzuhauchen, damit sie nicht zu Mega-Schlafzonen werden. Im Gegensatz hierzu geht in kleineren Dörfern so richtig die Post ab. Aus Eurer Erfahrung: Was geht in den Dörfern schief?

 

Der Donut-Effekt © Bundesstiftung Baukultur, Design: Heimann + Schwantes

 

Donut-Effekt / Baukulturbericht16-17 Jeder Ort, ob das ein Dorf ist oder ein Stadtquartier, hat seinen eigenen Lebenszyklus, seine Höhen und Tiefen. Es gibt Entwicklungsphasen und blühende Zeiten, aber auch Phasen wo etwas stirbt. Das ist allgemein so. Aber was geht schief? Es fehlt oft an Innovationsgeist. Vielfach glauben die Leute, dass es am Land so sein soll, wie es einmal war. Es braucht eh niemand mehr einen Dorfplatz, weil das Leben ja im digitalen Raum oder in den unzähligen Vereinsräumen stattfindet. Und doch wollen viele als Belebungsmaßnahmen den Platz verschönern und einen Brunnen dazu bauen und einen Baum in der Mitte pflanzen, wie man es aus den Kinderbüchern kennt. Eine neue Pflasterung bringt zwar Atmosphäre, wird aber die Probleme nicht lösen. Wir können nämlich die Entwicklung in unserer vernetzten und globalisierten Welt nicht zurückdrehen. Deshalb geht es da um ganz andere Fragen: Wohin entwickelt sich der Ort? Welche Zukunftsthemen stehen im Mittelpunkt einer positiven Entwicklung? Sollen Menschen nur gehalten oder neue Menschen für Zuzug gewonnen werden? Welche Form von Arbeit bzw. Arbeitsstätten kann im Dorf in der vernetzen Welt angeboten werden? Welche Beziehung baut ein Ort mit den Ausheimischen, also den weggezogenen ehemaligen Einheimischen auf? Wie können deren Wissen und deren Netzwerk für den Ort aktiviert werden? Da muss ich substanziell darüber nachdenken, wie ich meinen Ort in die Zukunft transferieren kann. Ist das ein Kommunikationsproblem oder ein Denkproblem? In Dörfern, die weiter weg von den Ballungszentren sind, ist es definitiv zu einem Problem geworden, dass viele brillante Köpfe, also die mutigen Leute und Antreiber von alternativen Projekten und schrägen Initiativen, weggegangen und nicht mehr vor Ort verfügbar sind. Das schränkt den Denkhorizont ein, die Möglichkeitsgrenzen sind schon spürbar. Es wird dann zu sehr an Details festgeklammert, es fehlt an Offenheit für Neues und ein überlegter Blick auf das Gesamtsystem. Das kann dann schnell kippen: mangelnde Arbeitsplätze, schwierige politische Konstellationen, Resistenz gegen Zuwanderung, schlechte Stimmung. Die jungen Menschen sind heute viel ungebundener, insbesondere die Frauen im gebärfähigen Alter, die eigentlich für die Sesshaftigkeit sorgen. Wenn denen die Infrastruktur fehlt, wie ein Ort zum Kaffeetrinken, der nicht verraucht ist und wo sie mit anderen Leuten kommunizieren können, dann sind die weg. Manchmal sind das ganz banale Dinge, die zum Wegzug bewegen. Übrig bleiben dann alleinstehende Männer in riesigen Gebäuden mit viel zu großen Traktoren, deren Frustrationsgrad natürlich sehr hoch ist. Das Thema Zukunftsraum Land ist also ziemlich vielschichtig, einfache Antworten sind nicht so leicht zu geben. Wir haben in den letzten Jahren in rund 70 Dörfern, Klein- und Mittelstädten und auch an vielen Schulen gearbeitet und jeder von denen ist anders. Jeder Ort hat seine eigene DNA! Euer Slogan lautet: Nach drei Tagen ist alles anders. Aber wie lange dauert Veränderung wirklich? Echte Veränderung dauert, bis sie wirklich greift, etwa zehn Jahre. Da braucht es am Beginn einen sehr starken und kollektiven Moment des Aufbruchs. Den können wir mit unserer Arbeit auch erzeugen, so dass die Menschen aus einem Ort mit einer Zukunftseuphorie und einem Leitkorridor von Strategien, Projekten, Maßnahmen ausgestattet werden. Dann braucht es das Bekenntnis aus der Politik und Verwaltung, das voll zu unterstützen und das Ziel Realität werden zu lassen. Und dann beginnt die harte Arbeit! Da heißt es durchhalten, Geld organisieren, Qualität umsetzen und ordentlich feiern. Ein wesentlicher Motor dafür sind Leuchtturmprojekte, also Projekte, die auch über die regionalen Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen. Um das zu ermöglichen, braucht es kluge und motivierte Akteure, die sich darum kümmern und die auch professionell begleitet werden. Nach zehn Jahren, das zeigen viele Beispiele, ist die Veränderung im Ort sichtbar, spürbar und erlebbar. Und dann besteht die Gefahr, dass es wieder Richtung Krise geht, weil die Luft draussen ist. Dann kann die Akteurskonstellation, die zehn Jahre fantastisch zusammengearbeitet hat, sehr leicht zerbröseln, weil sich die Lebenssituationen der Beteiligten ändern. Das bedeutet, es sind rechtzeitig neue Impulse zu setzen, damit das nicht passiert.

Bürgerbeteiligung lernen? Das geht, ab kommendem Jahr 
auch in der „Nonconform-Akademie“,
wo das nonconform-Team seine gesammelte Erfahrung 
als Weiterbildung anbietet.

Welche Rolle haben die Architekten? Ich würde da lieber von Planern in einem umfassenderen Sinn sprechen, also Menschen, die sich mit Fragen zu Raum und Zukunft auch beruflich beschäftigen. Sie können Phänomene, die die Bürger zwar wahrnehmen können, aber nicht leicht formulieren, verständlich aufbereiten und von einer Bauch- auf eine Sachebene heben: Warum ist z.B. ein Bauwerk oder ein Ensemble erhaltenswert? Welches Raumpotential steckt in Bauwerken oder Freiräumen? Wie kann man neue Durchwegungen im öffentlichen Raum erzeugen? Es gibt, das fällt mir immer wieder auf, im ländlichen Raum eine reduzierte emotionale Bindung zu alten Bauwerken. Es ist egal, ob man ein altes Bauernhaus wegschiebt und was Neues baut. Wichtig ist, dass man wohnen kann. Das wichtigste ist aber die intensive Zusammenarbeit zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den Planern. Bürgerideen sind der wertvollste Humus eines Ortes. Planer haben einen anderen Fokus, sie sehen nicht nur Details. Ihr geschulter Blick erlaubt ihnen, den Ort im Gesamten zu erfassen. Ohne den Blick auf das Gesamte ist eine gute Zukunftsentwicklung schwer möglich. Und: gute Planer haben die Kompetenz im Umgang mit Planungsprozessen. Sie können vermitteln, dass nicht die erste Skizze schon das fertige Projekt ist. Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, Pläne zu lesen. Sie gehen meist davon aus, dass eine Planskizze bereits das fertige Projekt ist. Dieses prozesshafte Vermitteln, dass eine Idee lange braucht und harte Arbeit bedeutet, bis etwas Konkretes und Realisierbares daraus wird, ist etwas ebenso Wesentliches. Als Architektinnen und Architekten sind wir deshalb zentrale Akteure in der Lösung von Zukunftsfragen für einen Ort. ROLAND GRUBER, Architekt, Mitbegründer von „Nonconform“, einem österreichischen Architekturbüro, das Vorreiter ist für kreative und nachhaltigen Bürgerbeteiligungsprozesse. Er ist Mitgründer und Obmann von „Landluft“, einem Verein zur Förderung der Baukultur in ländlichen Regionen. Er hat die Leerstandskonferenz ebenso mitinitiiert, wie die „Zukunftsorte“, einer Plattform der innovativen Gemeinden in Österreich

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01.06.2017

Gabriel Fehrenbach

„Wir müssen lernen, heikle Fragen zu stellen“

Büro für Zukunftsfragen — ein unscheinbarer Name für eine Innovationszelle der Demokratie. Seit Jahrzehnten für das Land Vorarlberg aktiv, setzt das Büro Impulse für Partizipation und Bürgerbeteiligung im politischen Alltag. Wir sprachen mit dem Leiter, Dr. Manfred Hellrigl, über die Zukunft der Demokratie und was wir Einzelne dazu beitragen können. Ob in kleinen Gemeinden oder großen Städten, die Politik stößt an Grenzen. Wir können das an den vielen Problemen sehen, die in politischen Projekten auftreten. Befindet sich unser politisches System in einer Krise? Definitiv. Das demokratische System, so wie wir es jetzt kennen, ist ganz auf repräsentative Demokratie konzentriert. Es zeigt dabei ähnliche Tendenzen wie seinerseits die Monarchie, die Mühe hatte, Macht abzugeben. Wir sind in einer Übergangsphase. In zwanzig Jahren können wir uns gar nicht mehr vorstellen, so viele Menschen aus Entscheidungsfindungsprozessen auszuschließen. Das sind Ressourcen, auf die wir besser zurückgreifen, die wir besser nützen sollten. In den bisherigen Prozessen konzentriert sich nicht nur viel Macht, viel Knowhow und Wissen bleiben unberührt. Der ganze Aufschwung der Rechtspopulisten, die Spaltung ganzer Staaten in zwei Gruppen ist das direkte Resultat eines demokratischen Systems, das auf Wettbewerb aufbaut und nicht auf Zusammenarbeit. Auch die parlamentarische Praxis baut auf Wettbewerb auf. Da geht es nicht darum, wer hat die beste Idee, sondern vom wem kommt die Idee. Daher ist es legitim, von einer Krise der Demokratie zu sprechen. Wenn wir in Verwaltungen gehen oder mit Bürgermeisterinnen sprechen, können wir oft eine Abwehrhaltung beobachten: Partizipative Bürgerbeteiligung wird da als Angriff auf die eigene Position gesehen. Das hat viel mit dem Selbstverständnis zu tun. Wenn sie in solch einem Wettbewerbsystem groß geworden sind, dann sind sie darauf bedacht, ihre Macht abzusichern. Sie sehen sich an der Spitze, das haben sie sich erstritten und erkämpft und dass wollen sie nicht leichtfertig aufgeben. Das ist aber kein Generationenproblem, bei dem nur die Jungen verstehen und die Alten nicht. Das hat viel mehr mit der Persönlichkeit zu tun: Haben Sie ein Gespür, andere Menschen einzubinden, Ihnen zuzuhören? Oder sind Sie eher ein Machtpolitiker, der die Fäden gerne selber in der Hand hat? Wie können wir die Krise lösen? Wir denken gerne in Antagonismen. Hier das alte Modell, da das neue Modell und beide stehen scheinbar unversöhnlich nebeneinander. Partizipation stellt eine dringend notwendige Innovation dar in der Demokratie. Das heißt nicht, die repräsentative Demokratie aufzugeben, sondern sie zu ergänzen. Das sind komplementäre Systeme. Genauso die direkte Demokratie, die dazu gut passt. Dazu muss man aber das Ganze in den Blick nehmen und nicht nur die kurzfristigen Machtinteressen. Wo sehen sie die größten Hindernisse in der Umsetzung? In den etablierten Machtverhältnissen. Wenn sie am Ruder sind und meinen, sie können diesen Zustand noch prolongieren, dann werden sie nicht anfangen, mit etwas anderem zu experimentieren. Wenn sie merken, dass sie ihre Macht auf die alte Art und Weise nicht erhalten können, dann müssen sie nach anderen Strategien suchen, dann sind sie offener. In einer Gemeinschaft gibt es immer zwei Gruppierungen, die für Innovationen offen sind. Die einen sind die, die von sich aus innovativ und immer auf der Suche nach neuen Ansätzen sind. Die zweiten sind die, denen das Wasser bis zum Hals steht, die nicht mehr weitermachen können. Die müssen sich verändern, weil sie sonst untergehen. Und dann gibt es die große Masse in der Mitte. Die jammern auf hohem Niveau, aber die haben kein Interesse an irgendeiner Veränderung. Der erste Schritt ist schmerzhaft: Ich muss anerkennen, da komme ich nicht weiter. Viele verbinden damit Gesichts- und Machtverlust. Sie kennen das aus eigenen Erfahrungen: wenn sie das eigene Verhalten ändern wollen, sind sie zuerst einmal mit großen inneren Widerständen konfrontiert. Und es braucht etwas, um aus Gewohnheitsmustern rauszukommen. Die Person muss selbst soweit sein, zu erkennen, dass es so nicht weitergeht. Es ist dabei der prinzipielle Vorteil eines demokratischen Systems, dass die Eliten regelmäßig zu Disposition stehen. Aber Ich sehe das nicht notwendig als einen Verlust an, denn Sie gewinnen im Gegenzug etwas. Was ist ihre Rolle als Büro für Zukunftsfragen? Unser wichtigster Lernpartner ist nicht die Bevölkerung, sondern das politische System. Die Politik braucht Lernerfahrungen, in denen sie Vertrauen in die neuen Verfahren gewinnen können. Vertrauen ist die Grundvoraussetzung. Vertrauen bekommen sie nicht, wenn sie es einfordern. Hier müssen wir der Politik helfen. Wenn sie Bürgerräte machen, ist die wichtigste Frage von Seiten der Bürgerschaft, was mit den eigenen Ideen und Vorschlägen passiert. Werden die ernst genommen, werden die umgesetzt? Die Glaubwürdigkeit der Politiker hängt davon ab, dass sie sagen können, ja wir haben das schon mal gemacht, wir haben dabei das ernst genommen, was von den Bürgern gekommen ist. Sie können das um so besser belegen, je gehaltvoller die Themen sind, die sie den Bürgern zur Bearbeitung geben. Wenn sie sich aber selbst nicht trauen, gehaltvolle Fragen zu stellen, weil sie der Beteiligung kritisch gegenüberstehen, dann kriegen sie auch nur allgemeine Antworten, an denen sie nicht beweisen können, dass sie es ernst meinen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wie begleiten Sie dann das politische System? Wir müssen darauf hinwirken, dass die Politik es wagt, heikle Fragen zu stellen, die für die Bürger interessant sind. Für diese politischen Lernprozesse braucht es eine Moderationsrolle. Wenn Bürger und Politiker zusammentreffen, dann ist da a priori Misstrauen. Für den Bürger ist die Politik völlig unglaubwürdig und dubios. Und für die Politik, wenn sie ehrlich ist, ist der Bürger ein Störfaktor, der macht das Ganze nur komplizierter. Wenn jetzt Angebote kommen zum Miteinander reden, dann glaubt keiner dem anderen. Deswegen braucht es einen Dritten, der moderiert und vermittelt und die Parteien zusammenbringt. Das sehen wir als unsere Aufgabe an: Als neutraler Dritter, das Vertrauen der Bürger und der Politiker in die Beteiligungsverfahren zu gewinnen. Jetzt haben sie als Büro für Zukunftsfrage eine offizielle Stelle. Sie haben einen Namen, eine Struktur. Was lässt sich in einer politischen Gegebenheit machen, in der es solch eine Struktur nicht gibt? Wir blicken inzwischen zurück auf 26 Jahre Arbeit, in denen wir Vertrauensnetzwerke aufgebaut und verschiedenste Kampagnen in enger Kooperation mit Gemeinden durchgeführt haben. So haben wir uns einen guten Ruf aufgebaut in der Bevölkerung und zugleich das Vertrauen der Politik gewonnen. Dabei haben wir gar nicht mit Partizipation begonnen. Die Regierung hatte ein Glaubwürdigkeitsproblem in Umweltfragen und man hatte mich damals angeheuert, um eine bessere Öffentlichkeitsarbeit zu machen für das Land. Als ich die Situation analysiert habe, bin ich zu meinem eigenen Erstaunen draufgekommen, dass in der Landesverwaltung keine Downer sitzen, die die Wirklichkeit verdrehen, sondern hochintelligente Fachleute, die aber nicht in der Lage waren, in einer Sprache zu sprechen, dass sie von der Bevölkerung verstanden werden konnten. Deshalb haben wir mit Übersetzungsleistungen begonnen. Wir haben den ganzen Fachjargon ausgekippt, sind mit den Politikern und Fachleuten hinausgegangen zu den Bürgern, um denen zu erklären, was Sache ist. So ist es uns gelungen, die Diskussion zu entemotionalisieren. Dann haben wir gemerkt: Es reicht nicht, nur zu informieren. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger für ein anderes Verhalten gewinnen. Und dann haben wir begonnen in enger Zusammenarbeit mit den engagierten Leuten in den Gemeinden, mit den Ökos, Netzwerke aufzubauen, um dort Motivationskampagnen zu spielen. Im Zuge dieser Arbeit hat die Regierung gemerkt, dass die Grünen nicht lauter Spinner sind, sondern dass es dort sehr wohl ein paar intelligente Leute gibt. Und dass diese Leute, denen Ökologie ein Anliegen ist, auch nicht auf ein paar radikale Umweltgruppen beschränkt sind, sondern dass es durchaus auch Bürgermeister gibt, denen dies ein Anliegen ist. So haben wir angefangen, Koalitionen zu schmieden und andere Arten von Gesprächszirkeln aufzubauen, wo wir unterschiedlichste Leute zusammengebracht haben. Das ist unser rote Faden bis heute. Das Kunststück besteht darin, Räume zu schaffen, in denen gute Gespräche stattfinden, in denen Menschen zusammenkommen, die ganz unterschiedliche Ansichten haben. Das sind wir nicht mehr gewöhnt. Jeder schwebt in seiner Blase und wir vermeiden jeden Kontakt mit Andersdenkenden. Und wenn wir solche Räume schaffen, dann kommen wir verblüffender weise drauf, das wir gar nicht so weit auseinanderliegen, wie wir glauben, und dass es sehr wohl möglich ist, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Das ist der Beginn einer anderen Art von Zusammenarbeit. Wir Menschen im Allgemeinen und die Demokratie im Speziellen neigen dazu, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Das Dazwischen zu erforschen, diese Mühe tun wir uns selten an. Das ist aber eine notwendige Voraussetzung. Wenn Sie von vornherein glauben, Ihr Gegenüber ist verachtenswert oder nicht ganz dicht, dann werden Sie ganz schwer mit dem eine Einigung erzielen. Welchen Rahmen braucht es, damit Selbstorganisation entsteht, wie lässt sich das gestalten? Nehmen sie den Kreisverkehr, der an einer Kreuzung die Selbstorganisation des Verkehrs ermöglicht. Das Äquivalent zum Kreisverkehr in einem sozialen Setting ist die Art, wie Sie einen Raum herrichten. Es macht einen großen Unterschied, ob sie z.B. im Kreis mit jemandem zusammensitzen. Wenn Sie mit jemandem ein Gespräch führen, der am Schreibtisch sitzt, dann manifestiert das eine geistige Haltung. Wenn wir darauf achten, können wir Selbstorganisation erleichtern. Das Wesentliche aber ist nicht die Methode. Sie können im Kreis genau soviel falsch machen wie in einem Saal mit Kinobestuhlung. Es ist die innere Haltung, mit der sie drangehen. Darauf will ich eigentlich hinaus. Wir brauchen eine Grundhaltung der Wertschätzung. Wir müssen versuchen, sichere Räume zu schaffen, wo wir nicht nur die Public Voice herauslassen, sondern wo es tiefer geht. Es gibt viele Beispiele von Prozessen, die scheinbar ins Stocken geraten und sich verändern, wenn es gelingt, die Menschen auf eine andere Ebene zu bringen, wo sie mehr von sich und vom Herzen sprechen anstatt nur Interessen zu vertreten. Eine Politikerin hat mir einmal gesagt: In dem Moment, wo ich den Raum betrete, bin ich nicht mehr ich. Ich vertrete meine Rolle als Politiker. Wenn das bei allen so ist, dürfen wir uns nicht wundern, wenn bei den Gesprächen nichts herauskommt. Da prallen dann nur die bekannten Standpunkte aufeinander. Man kann Räume schaffen, wo gute Gespräche möglich sind über Dinge, die uns wirklich berühren, und wo es um Sinn geht. Das müssen wir für uns reklamieren. Dieser Sinn ist uns verloren gegangen. Wir müssen die Zusammenhänge sehen und über die Kästchen hinausgehen und die Sinnfrage stellen: Warum machen wir Dinge so, wie wir sie machen, was steht da hinter? Weshalb verfolgen wir die einen Projekte, andere aber nicht? Die Kunst, diese Räume zu schaffen: entsteht die aus dem Erlernen der Haltung, oder gibt es da noch mehr zu lernen? Da gibt es viel zu lernen. Die Haltung, die Methoden, eine Sprache gehört dazu. Aber die Sprache und die Methoden nützen ihnen nichts, wenn die Haltung nicht stimmt. Was meinen Sie mit der Sprache, ist das die Fähigkeit, zu übersetzen? Eine Sprache sprechen, die mein Gegenüber verstehen kann und ihn nicht abweist. Wo ich nicht versuche, ihn mit Jargon — wie z.B. in der juristischen Sprache — zu bevormunden. Eine Sprache, mit der ich mich nicht über oder unter ihn stelle, sondern ihm auf Augenhöhe begegne. Die Arbeit als Faciliator ist dann im Wesentlichen eine Arbeit an sich selbst? Nicht nur, aber sie beginnt dort. Und sie ist nicht nur auf Bürgerbeteiligung beschränkt. Das haben sie als Partner, Vater, als Vorgesetzter in einer Abteilung, einem Unternehmen, das hat der Lehrer in der Schule, der Pfarrer in der Kirche. Die alle leiden am gleichen Problem. dass die alte Rolle, die wir gewohnt sind, gerade als Männer, als Chef, als Vorgesetzte, nicht mehr zeitgemäß ist. Wir müssen Führung neu definieren, ein neues Selbstverständnis finden. Wir haben wenig neue Modelle, an denen wir uns orientieren können. Und gleichzeitig wissen wir, dass wir unsere Frau nicht so behandeln können, wie unser Vater das gemacht hat. Und wir können unsere Kinder nicht so behandeln, wie wir selbst behandelt wurden. Genauso ist es mit der Bürgerschaft. Die Bürger können nicht mehr so behandelt werden wie vor dreißig Jahren. Das ist eine Haltungsfrage. Wenn ich soweit bin, dass ich erkenne, dass das alte Paradigma nicht mehr taugt und es einen neuen Ansatz braucht, kann ich anfangen, zu experimentieren. Das ist ein Lernfeld. Das Prinzip haben sie intellektuell schnell verstanden, das müssen sie aber ein Leben lang üben. Da gibt es keine Trennung mehr von Beruf und Privatem. Das ist eine umfassende kulturelle Herausforderung, in der wir stecken. Wenn Sie mit Ihrer Frau zusammenkrachen und schauen, ob man im Notfall eine Methode wie Dynamic Facilitation ausprobieren kann um zu sehen, ob sie hilft, einen Konflikt zu lösen. Oder regelmäßig einen Familienrat zu machen und im Kreis zu sitzen, darauf zu achten, wer wie sitzt, mit einem Redesymbol zu arbeiten und zu sehen, ob das akzeptiert wird, ob das etwas bringt. Letztlich ist es aber nicht wichtig, wie man sitzt, sondern ob es gelingt, eine Gesprächskultur zu entwickeln, bei der man einander zuhört und auch einmal etwas Unangenehmes über sich ergehen lässt. Es ist mühsam, aber so lohnend. Wenn Sie in einem Team arbeiten und alle mitdenken, wie man mit Problemen umgeht, ist das viel lustiger und angenehmer, als wenn alles auf Ihren Schultern ruht und Sie von dieser Verantwortung erdrückt werden.

MANFRED HELLRIGL leitet das Büro für Zukunftsfragen, eine Stabstelle im Amt der Vorarlberger Landesregierung, das sich den Themen Bürgerschaftliches Engagement, Sozialkapital und Nachhaltige Gemeinde- und Regionalentwicklung widmet. Er studierte Politikwissenschaft, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg.

Interview: Gabriel Fehrenbach

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