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„Im Zupfen erfahre ich, dass sich das Netz verändert“

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In seiner Arbeit wie in seinem Schreiben dehnt er die Grenzen des systemischen Denkens weit aus. An einer Stelle schreibt der Psychotherapeut Siegfried Essen: „Zentrale Konzepte des Systemischen Denkens wie Konstruktivismus, Ressourcenorientierung und Vernetztheit können als spirituelle Konzepte gelesen werden“. Ist das Getrennt oder Eins? Ein Grenzspaziergang als Interview.

Gabriel Fehrenbach: Herr Essen, wem begegnen wir im Selbst?

Siegfried Essen: Der Verbundenheit mit allem, mit der Erde, mit der Luft. Alle Prozesse der Rückkoppelung und der Vernetzung nenne ich das Selbst. Das Atmen ist ein solches Geschehen, die Schwerkraft ebenso.

Sie schreiben an einer Stelle, die Arbeit in der Aufstellung sei eigentlich eine Form der Trennung, die uns ermöglicht, Verbundenheit zu erleben. Müssen wir uns mit dem Selbst auseinandersetzen, damit wir uns im Selbst begegnen können?

Ja, nehmen wir einmal das Wort „auseinandersetzen“ wörtlich. Bewusstheit entsteht durch Unterscheidung. Wenn das Weltall ein Mansch ist, gibt es keine Unterschiede. Indem sich Dinge unterscheiden, also scheinbar trennen, entsteht die Möglichkeit, dass sie sich begegnen. Dabei gibt es die Gefahr der übertriebenen Trennung, wenn wir glauben, die sind wirklich auseinander, die gehören nicht zusammen. Dann haben wir das Spiel übertrieben. Spätestens im Tod merken wir dann, dass die Trennung doch nur ein Spiel war.

Jetzt erfahren wir primär das Getrenntsein, nicht das Verbundensein.

Primär erfahren wir das Atmen und das Gewicht, das heißt, die Verbundenheit. Aber wir beachten sie nicht. Wir haben das Verbundensein vergessen, wie Platon sagt. Deshalb brauchen wir die Erinnerung.

Ist dann Krise eine Form von Erinnerung?

Jedes Symptom, jede Krise bedeutet eine Erinnerung daran, dass Mangel und Getrenntsein Konstruktionen sind, die wir nutzen können, um die Verbundenheit noch mehr zu spüren. Wenn wir unser Mangeldenken nutzen, dann merken wir, wir wollen wirklich Fülle erleben.

Wie können wir dem Mangel begegnen?

Alle Methoden beruhen darauf, sich auszudrücken, einen sprachlichen, symbolischen Ausdruck zu finden, zum Beispiel zu malen oder aufzustellen. In der Unterscheidung den Mangel erst einmal zu benennen. Dann können wir erkennen, dass er nur eine Formatierung ist. Ich stelle, zum Beispiel, die Angst vor Hunger oder den Hunger in der Welt auf. Und mich dazu. Dann habe ich plötzlich zwei Verkörperungen. Und kann dann nicht mehr sagen, das ist jetzt die Katastrophe schlechthin. Sondern ich kann mich damit auseinandersetzen, kann hinschauen oder wegschauen. Und erfahre so: das sind alles Konstruktionen, die ich mir gemacht habe, weil ich Angst davor habe.

Auch die Meditation ist eine Form des Bewusstmachens. Ich öffne mich der Quelle aller Negationen, der Leerheit, ich gehe hinein und habe keine Angst.

Die Begegnung mit dem Selbst ist ja weniger eine Erfahrung des “ich führe”, als “ich werde geführt”. Wo entsteht für Sie Autonomie und freies Handeln?

Ich bin vernetzt und verbunden. Wenn ich jetzt Ihre Worte nehme „ich werde geführt“, liege ich in einer Hängematte und kann mich völlig determiniert erleben durch die Verbundenheit. Plötzlich aber merke ich, da gibt es Spielraum. Ich muss die Vernetzung nicht verleugnen. Sondern ich kann hier und dort zupfen, kann mich in dieser Hängematte bewegen. Das sind für mich die Ich-Prozesse, die Möglichkeiten, mich zu entfalten.

Welche Rolle hat in dem Spiel die Absichtslosigkeit, so wie es der Buddhismus lehrt?

Das ist das Spielerische. Im Zupfen erfahre ich, dass sich das Netz verändert, nur kann ich das nicht vorhersehen oder kontrollieren. Dennoch erfahre ich darin eine Erweiterung meines Weltbildes, meines Gottesbildes, meines Selbstbildes. Eine Zunahme von Freiheit, von Freiraum – durch Praxis.

Heißt Absichtslosigkeit dann “ich will die Struktur nicht überwinden, sondern ich gebe mich ihr hin“?

Ja. Über die Hingabe entsteht Vertrauen. Ich entscheide mich für die Hingabe und in ihr erfahre ich Vertrauen. Und so entstehen ganz starke Entschiedenheiten.

“Heilung ist nicht möglich durch Bekämpfung von Krankheit“, auch ein Zitat von Ihnen. Wie entsteht Heilung?

Ich habe einen Satz geprägt, in dem es auch um Absicht geht. “Wähle, was du willst und lehne nicht ab, was du nicht willst”. Darin gibt es die Unterscheidung zwischen wählen und wollen, im dem Sinne, wie wir das vorhin gesagt haben. Wählen heißt dabei, aus den vielen Wünschen und Möglichkeiten in Entschiedenheit und Freiheit etwas wählen, dann loslassen und dem Himmel übergeben, dem Größeren und Intelligenterem. Und dann gehört noch dazu: nicht bekämpfen, was du nicht willst. Ich habe zum Beispiel eine Krankheit, und ich will gesundwerden. Ich wähle Gesundheit. Ich habe in den Gruppen, also vor Zeugen, ein Ritual, da sagt der Leidende oder Beleidigte: “ich übergebe dir, dem SELBST, die Verantwortung für meine Gesundheit, und zwar vollständig und unwiderruflich”. Und dann kümmere ich nicht mehr großartig um meine Gesundheit. Wenn ich jetzt irgendwo einen Schmerz habe, oder sonst was, dann frage ich mein Selbst. Und dann bin ich neugierig und gespannt, was das Selbst antwortet.

Aber Sie lassen ja dann nicht nur das Interesse an dem los, was Sie nicht wollen, sondern auch an dem was Sie wollen.

Ja, das ist paradox, das macht es leicht.

Wenn ich die Radikalität dieses Ansatzes versuche zu ermessen, meldet sich sofort eine Stimme: „Und wer handelt dann?“

Und was antwortet das Selbst?

Das Selbst will mir in den Arsch treten.

Ja, was das Selbst antwortet ist immer überraschend. Das Wesen des Selbst ist Neuheit, die Überraschung, das Leben selbst.

In der radikalen Präsenz hat das Wollen als Wählen eine neue Funktion. Aus der Präsenz, aus der Demut, der Verbundenheit heraus treffe ich eine Entscheidung, die nicht mehr rational begründet ist. Sie kommt aus der Freiheit heraus.

Das heißt, das Wollen ist nicht mehr auf ein Ziel bezogen. Stattdessen nehme ich das, was da ist, und treffe eine Entscheidung. Und dann lasse ich auch diese Entscheidung fallen.

Ja, und dann handle ich danach.

Was sind gute Strukturen, die solche Prozesse ermöglichen?

Die Gemeinschaft, die Gruppe, das Gespräch, bei dem wir nicht in die Diskussion, sondern in die Resonanz gehen. Für Paare das Zwiegespräch als Form, das dialogische Prinzip nach Buber. Da erfährt auch das Zuhören eine Aufwertung.

Welche Rolle hat dann Führung in diesen Strukturen?

Die Erinnerung an die Form und die Struktur. Ich stelle autopoetisch auf. Die Hauptinstruktion ist dabei: “Ihr seid vollständig, Ihr seid ganz”. Die Ganzheit ist da repräsentiert. Ihr braucht nichts von außen. Die zweite Instruktion ist: “Ihr seid frei”. Das wiederum heißt eigentlich, es gibt keine Instruktion. Ihr seid wirklich frei. Daran muß ich immer wieder erinnern. Wenn dann jemand sagt: „Ich bin wie gelähmt, stecke fest“, antworte ich: “Wir haben genau gesehen, dass du mit zwei Beinen dahingegangen bist. Das stimmt nicht.”

Erinnerung an die Freiheit und Erinnerung an die Ganzheit. Wenigstens in Bezug auf Aufstellungen, ist das die Rolle des Leiters. Genauer, Erinnerung daran, dass alles andere eine Illusion ist. Erinnerung daran, dass wir Glaubenssätzen und Konstruktionen nachjagen, wenn wir uns – auch in Betrieben – als Opfer darstellen. Wenn wir keinen Spielraum sehen.

SIEGFRIED ESSEN, Studium der Psychologie, Theologie und Philosophie, Psychotherapeut; ausgebildet in Systemischer Familientherapie; Aus- und Weiterbildung in spirituell-systemischer Aufstellungsarbeit, Verkörperung politischer, sozialer und wirtschaftlicher Systeme, philosophische Aufstellungen. Lehrtherapeut für systemische Familientherapie. Sein Buch „Selbstliebe als Lebenskunst. Ein systemisch-spiritueller Übungsweg“ erschien beim Carl-Auer-Verlag. Homepage

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Gabriel Fehrenbach

Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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