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Regenerierend handeln

Über Nachhaltigkeit hinausgehen - wirklich vom Wald lernen!

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Wie wir das wirkliche Potenzial unserer Arbeit ausschöpfen

Can we live with a forest in a way that makes it possible for the forest to evolve? To me, that’s very different from asking how to harvest the forest appropriately.

(Können wir mit einem Wald so leben, dass sich der Wald entwickeln kann? Für mich unterscheidet sich das gänzlich von der Frage, wie wir einen Wald angemessen bewirtschaften.)

Charles G. Krone1

Als 1731 Carl von Carlowitz (Oberberghauptmann des Erzgebirges) fragte, „wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen (ist), daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentbehrliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse (Wesen) nicht bleiben mag“, ging es ihm nicht um die ökologische Erhaltung des Waldes. Es ging ihm um die wirtschaftliche Sicherung seines Landes, das mitten in einer Energiekrise steckte. Die Erzgruben und Schmelzhütten des Erzgebirges brauchten Holz. Das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Verstädterung – nicht nur in seinem Land – kamen hinzu. Europa drohte der Holzmangel durch den unkontrollierten Kahlschlag der Wälder.

Von Carlowitz’ Rechnung war sehr einfach: Der Raubbau zerstört unsere wirtschaftliche Grundlage, also müssen wir dafür sorgen, dass uns immer genug zur Verfügung steht. Sei es durch einen effizienten und sorgsamen Umgang mit dem Rohstoff, sei es durch eine langfristige Bewirtschaftung der Wälder.

Für seine Zeit war von Carlowitz’ Ansatz radikal – und er ist es, überraschenderweise, großteils heute immer noch. Noch überraschender ist aber die Idee, Nachhaltigkeit sei ein ökologisches Konzept.

Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Auffassung von Nachhaltigkeit entspringt einem zutiefst wirtschaftlichen Denken. Das können wir lernen, wenn wir Carlowitz lesen. Und sie entspringt der westlichen Sicht, nur über die Details und nicht im Ganzen eine Lösung zu finden. Nachhaltigkeit reduziert unser Handeln auf eine Logik, die kontrolliert, statt ermöglicht.

Natur ist nicht nachhaltig, sie ist dynamisch

Es geht in der Natur nicht um den Erhalt eines Gleichgewichts, wie Vertreter der Nachhaltigkeit vermeintlich annehmen. Die Natur ist hochdynamisch, es gibt Wachstum ebenso wie Zerstörung und Degeneration. Vor allem aber geht es ihr um Entwicklung. Darum, ihr Potenzial, das Mögliche, das noch nicht da ist, zu verwirklichen.

Wir suchen aber nicht nach Potential und Möglichkeit. Nein, wir versuchen den Einfluss, den wir Menschen auf die Welt haben, zu verringern. Das ist die Grundmelodie aller Nachhaltigkeitsdiskussionen. Doch wir können unseren Einfluss nicht zurücknehmen. Wir sind Leben und Natur. Und alles, was uns möglich ist, ist, diesen Einfluss zu gestalten.

Sei es nun der Wasser- oder CO2-Fußabdruck: Wo auch immer wir „nachhaltig“ handeln, konzentrieren wir uns auf einzelne Aspekte. Auf Details, die wir meinen, beeinflussen zu können. Das ist ebenfalls Teil des westlichen, wirtschaftlichen Denkens. Wir nehmen den einen Aspekt, isolieren ihn und arbeiten damit. Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten die Erfahrung gemacht, dass das erfolgreich ist. Jetzt aber lernen wir schmerzhaft, dass dieses Vorgehen großen Erfolg hatte. Aber noch größere Schäden mit sich bringt, die wir erst jetzt in ihrer Gesamtheit verstehen.

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Ein Beispiel: Wir können ein Schulgebäude hoch energieeffizient bauen und damit seinen CO2-Fußabdruck klein halten. Wenn wir aber beim Bau nicht auf eine regionale Herstellung und eine erdölfreie Dämmung achten, kann das CO2, das bei der Produktion der Bauteile erzeugt wird, wesentlich höher sein als die CO2-Reduzierung über die Lebensspanne des Gebäudes. Und wenn wir nicht auf eine verkehrsgünstige Lage achten, wenn wir den Kindern nicht ermöglichen, gut zu Fuß oder mit Rad und Bus herzukommen, dann ruft dieses Schulgebäude langfristig nur weitere Ressourcenverschwendung hervor.

Was kann eine Schule alles ermöglichen?

Eine Schule in ihrem Zusammenhang

Über nachhaltiges Denken hinauszugehen, regenerativ zu handeln, heißt, nach dem Potential zu fragen. Andere Fragen, die ein anderes Denken hervorrufen: Besteht die Grundschule am Ort nur aus Klassen und Lehrern, für die der Schulträger Mittel zu Verfügung stellen muss? Ist es ein politischer Ort, weil unsere Kinder der Schulpflicht unterliegen? Ein Ort, in dem wir Kinder unser altes Denken beibringen oder ihnen ermöglichen, neues zu entwickeln? Können wir die Schule als ein ganz konkretes Gebäude an einem bestimmten Platz in einer Stadt oder einer Gemeinde sehen? Sehen wir die Rolle, die die Schule innerhalb einer Gemeinde einnehmen kann, die Mannigfaltigkeit an Funktionen und Aufgaben? Als architektonischen Bezugspunkt ebenso wie als Treffpunkt für Jugendliche zum nachmittäglichen Abhängen, als Raum, in dem sich Gemeinschaft bildet, sei es in Vereinen, sei es im VHS-Unterricht? Funktionen, die sich zumeist zufällig und im Nachhinein ergeben, aber auch gezielt gefördert werden können, wenn wir bei der Planung andere Fragen stellen.

 

Regenerierend handeln geht über Nachhaltigkeit weit hinaus

Wenn wir beim – engen – Begriff der Nachhaltigkeit bleiben, fragen wir nur, wie wir Dinge reduzieren und weniger schlimm machen können. Denken wir jedoch regenerativ, so akzeptieren wir, dass wir als Menschen immer Einfluss haben. Deshalb geht es darum, diesen Einfluss bewusst und in seiner ganzen Mannigfaltigkeit zu gestalten. Dann lautet die Frage so, wie sie Pamela Mang und Ben Haggard in ihrem Buch „Regenerative Design“ stellen:

„How can wie increase human impacts in ways that are consciously beneficial?“

(Wie können wir den menschlichen Einfluss erhöhen, auf eine Weise, die bewußt und dienlich ist?)

Wenn wir in den Wald gehen, nicht um ihn nachhaltig zu bewirtschaften, sondern um im Wald etwas über unsere Orte und Gemeinschaften, über unser Wirtschaften und Handeln zu lernen, dann ist das eine Einladung, anders zu denken, andere Fragen zuzulassen und auf die  Antworten gespannt zu sein. Es verlangt von uns, alles um uns herum, ob Ort, Verein oder Firma, als lebenden Organismus zu begreifen und aus dieser Erfahrung heraus anders zu handeln.

Wir betrachten einen einzelnen Baum, betrachten ihn mit unseren wirtschaftlichen, auch ökologischen Maßstäben und geben ihm einen Wert. Nachhaltigkeit heißt dann, den Wert des Baumes zu erhalten oder zu ersetzen. Betrachten wir einen Baum allerdings in seinem Wald, vor allem in seinen Beziehungen, dann geht es nicht um Gleichgewicht, sondern um Dynamik. Der Baum steht immer in Wechselbeziehung zu seiner Umgebung – und aus dieser Wechselbeziehung heraus schafft er die Grundlage für sein eigenes Wachstum. Er nimmt eine Aufgabe innerhalb des Waldes wahr, die den ganzen Wald stärkt, Pflanzen in seiner Umgebung die Möglichkeit zum Wachsen gibt – sei es, indem er Wasser bindet, Sauerstoff erzeugt, Schatten spendet. Indem er seine Umgebung stärkt, stärkt er zugleich sich. Nicht in einer Eins-zu-eins-Beziehung – ich helfe dir, du hilfst mir –, sondern im Kreislauf ganz unterschiedlicher Elemente, die sich vernetzt versorgen. Dadurch entsteht etwas vollkommen Neues. Es sind nicht die Bäume und Pflanzen alleine, die einen Wald ausmachen, es sind die Beziehungen, die vielfältigen Formen des Austausches, die den Wald erst ermöglichen.

Die Fragen, die wir im Wald finden, können wir uns in vielerlei Hinsicht stellen: ob wir Neubaugebiete entwickeln, Heimatministerien gründen oder benachteiligte Gebiete fördern. Wir können sie uns auch in unseren Familien stellen: Wie betrachten wir uns innerhalb unserer Familie? Wie betrachten wir unsere Familie innerhalb unserer Hausgemeinschaft oder Nachbarschaft? Sehen wir uns als Teil einer anonymen Masse, in der sich Kontakte nur zufällig ergeben, oder als Teil einer Dynamik, die wir mitgestalten? Je nachdem, wie wir uns verhalten? Wie betrachten Sie sich – gerade jetzt, als Leserin, als Leser? Und wie noch können Sie sich betrachten?

Regenerierend handeln heißt, anders zu denken, heißt ausprobieren und lernen. In der folgenden Serie wollen wir das anhand sechs unterschiedlicher Aspekte tun:

Wir werden dann diese sechs Aspekte anhand eines Arbeitsmodells in eine Ordnung bringen. Eine Ordnung, die uns ermöglichen soll, regenerierendes Handeln in den unterschiedlichsten Zusammenhängen anzuwenden und auszuprobieren. Abschließend betrachten wir jenen Aspekt, der am meisten Einfluss auf unser Handeln hat: uns selbst. Und fragen uns: Wie müssen wir uns ändern, damit wir regenerierend handeln?

  1. Mang, Pamela; Haggard, Ben; Regenesis, Regenerative Development and Design, 2016, S. 9

Weiterlesen:

Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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