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„Die Ökonomiebrille trage ich nicht gerne“

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Er nennt sich Raumunternehmer, ist ein Architekt, der eine Landwirtschaft und Metzgerei betreibt und damit seine heimatliche Mühle zusammen mit seiner Frau zu einem Begegnungsort der ganz eigenen Weise entwickelt. Rudolf Finsterwalder bewegt sich zwischen und in den Welten von Wirtschaft, Architektur, Stadt und Land. Was erfährt er dort?

Gabriel Fehrenbach: Geht das, gutes Wirtschaften?

Rudolf Finsterwalder: Es geht, aber es darf dabei nicht um Gewinnmaximierung gehen. Es muss für alle funktionieren. Die Genossenschaft ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie dabei alle am Unternehmen beteiligen können und mehr Potential schöpfen können. Die Menschen, die sich daran beteiligen, sind ganz anders motiviert. Ein Unternehmen, das sich ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausrichtet, ist zum Sterben verurteilt. Immer mehr und mehr zu machen, funktioniert nicht.

Die Landlmühle

Was wir hier in der Landlmühle machen, entspricht einem mittelständischen Unternehmen, aber wir organisieren das anders. Ich wollte kein Unternehmen mit 300 Mitarbeiter haben, da geht Dir die Zeit aus. Ich will Ideengeber sein, etwas zum Laufen bringen und dann etwas Neues machen. Das ist ein anderes Denken. Bei uns gibt es die unterschiedlichsten Konstellationen. Wir haben die Genossenschaft, wir haben selbstständige Unternehmer, die Struktur muss zu den Menschen passen.

Wie entstehen solche Strukturen?

Durch nachdenken und nicht hektisch werden. Das mag anstrengend sein, weil dann Sachen auch wieder verworfen werden. Aber es braucht Zeit, bis alles zusammenpasst. Als Unternehmer sind meine Frau und ich erst einmal unser eigenes Korrektiv. Aber will wollen, dass die ganze Gruppe das Korrektiv ist. Das verlangt, dass wir mit allen reden.

Was heißt Macht für Sie?

Das mag banal klingen, aber es ist wichtig, dass, wenn man Macht hat, sie nicht mißbraucht. Das muß nicht zwingend demokratisch sein. Wenn Sie ein kluger Unternehmer sind, der nachhaltig denkt, werden Sie Ihre Macht nicht mißbrauchen. Nachhaltig sein heißt für mich, dass ich etwas über einen langen Zeitraum funktionieren lassen kann,. Die Menschen, die zu uns kommen, spüren, da gibt es eine Vision, die lange trägt. Das ist ein Ort mit Geschichte und einem Konzept, das Sinn ergibt.

Welche Rolle spielt dabei der Ort?

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Ginger und Fred

Der Ort ist ganz wesentlich, es geht darum, das Potential eines Ortes zu erkennen. Ich hatte kürzlich jemandem, der wollte, dass wir unsere Häuser Ginger und Fred bei ihm am Bodensee bauen. Dabei ist jeder Ort, jedes Grundstück anders. Und die Frage ist, wie kann eine Lösung dort ausschauen? Viele Immobilienentwickler arbeiten zu eindimensional. Die erkennen nicht das Potential eines Ortes, auch gar nicht die individuellen Schwierigkeiten. Das verstehen sie nicht, weil sie nur ihre Ökonomiebrille aufhaben. Jeder Mensch hat ja seine Brille auf, aber die Ökonomiebrille ist nicht die, die ich gerne habe.

 

Was bedeutet Natur für Ihre Arbeit?

Natur ist eine unendliche Inspirationsquelle für meine Arbeit und gleichzeitig der Kontext, in dem Architektur steht. Die Verortung von Architektur ist zwingend für mich, sie muss auf ihre Umgebung reagieren. Ich meine damit nicht eine romantisch verklärte Vorstellung von Natur , sondern eine intellektuelle Auseinandersetzung mit ihr. F. L. Wright hat vor allem in seinen ersten Bauten einen extremen Naturbezug gesucht. Er hat mit den Materialien, die es vor Ort gab gebaut, hat auch die Architekturen als Teil des Naturraum geplant. So waren diese Gebäude vor allem horizontal entwickelt, um das landschaftliche Motiv aufzugreifen, vertikale Gebäude lehnte er in dieser Phase ab. Diesem Denken fühle ich mich sehr nahe. Ich arbeite ähnlich, verwende Materialien aus der Region, greife lokale architektonische Themen auf.

Was kann die Architektur?

Das wird oft unterschätzt. Es ist wie bei guter Kunst, es berührt die Menschen, auch wenn sie es nicht genau benennen können. Unsere Metzgerei zum Beispiel hat eine Holzverschalung, die ein wenig aussieht wie geschindelt. Die Leute können das nicht einordnen, weil sie es noch nie gesehen haben. Aber sie finden es toll.

Für unsere Gemeinde haben wir eine Gestaltungsfibel entwickelt. Denn die herkömmlichen Mitteln wie Bebauungsplan und Festsetzungen funktionieren alleine nicht. Es ist ein Fehler, dass restriktiv anzugehen. Sie können an einem Genehmigungsplan nicht erkennen, ob es gute Architektur wird oder nicht. Gute Architektur lebt von den Details, von den Materialien, von der handwerklichen Qualität. Daraus entsteht dann eine regionale Identität.

Neben dieser Identität geht es in Architektur auch um Schönheit. Das mag ein schwieriger Begriff sein, aber wenn ich das nicht befriedige, bin ich als Architekt fehl am Platz. Ich habe einen sehr vielschichtigen, komplexen Begriff von Architektur. Sinnlichkeit gehört dazu, Spannung – gute Architektur wird auch nach längerem Betrachten nicht langweilig.

Und dann gibt es all die pragmatischen Aspekte. Ein Gebäude ist ein Gebrauchsgegenstand und als solcher muss er funktionieren.

Wohin muss sich Architektur entwickeln?

Architektur muss wieder eine Bedeutung erlangen. Sie ist in der Krise, weil sie so belanglos geworden ist. Architekten müssen ihr Selbstbewusstsein wiederfinden und dürfen nicht mehr nur Erfüllungsgehilfe von Bauträgern und Bauherren sein. Dazu gehört, dass wir eine Vision haben, von dem, was wir tun.

FORM FOLLOWS NATURE, erschienen bei Birkhäuser.

Auf dem Land haben wir einen totalen Ausverkauf, weil wir der Ökonomie das Feld überlassen. Dabei sind gute Architektur und gute Raumplanung vereinbar mit ökonomischen Interessen. Aber es fehlt uns dafür an funktionierenden Beispielen.

Was ist essenziell für gute Raumplanung?
Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung, die das Ganze vereint und mit der das Sozialleben befördert wird. Die Auftrennnung der Bereiche, der Funktionen, der Disziplinen, der Menschen, diese Segregation ist einfach der Tod. Eigentlich ist es einfach, eine Gemeinde gut zu entwickeln. Aber in Wahrheit ist es fast unmöglich, weil alles so spezialisiert ist, aufgespalten ist. Für diese Komplexität bräuchten wir Generalisten, die aber gibt es nicht.

Wohin muss sich die Landwirtschaft entwicklen?

Die Landwirtschaft muss umdenken, dass ist vielen Menschen inzwischen klar geworden. Und auch da geht es darum, gute funktionierende Beispiele zu schaffen, um zu zeigen, es gibt Alternativen. Dass Verbraucher sehen, so kann man auch arbeiten. Deswegen machen wir das hier. Wir haben ein Planungs- und Beratungsteam gegründet für Landwirte und Metzger.

Es hängt immer an den Menschen, auch in der Ökonomie. Sie müssen merken, wenn die Prämisse Rendite oder Gewinnmaximierung ist, es nicht gut ist für sie selbst und für ihr Unternehmen. Jeder Unternehmer braucht Mitarbeiter, und wenn er merkwürdig arbeitet und wirtschaftet, wird er immer mehr Probleme bekommen, gute Mitarbeiter zu finden. Wir sind schon mitten im Paradigmenwechsel. Das haben nur noch nicht alle gemerkt.

RUDOLF FINSTERWALDER, Architekt, betreibt zusammen mit seiner Frau das Architekturbüro Finsterwalderarchitekten. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Simsseer Weidefleisch eG. Aus der Auseinandersetzung unter anderem mit der Arbeit von Frei Otto entstanden Ausstellung und Buch „form follows nature“.

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Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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