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Nicht ohne die anderen

Ohne die anderen geht es nicht

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Regenerierend Handeln 4 – In Beziehung sein

Dies ist der vierte Teil unserer Serie über Regenerierendes Handeln
Der dritte: Das unbekannte Mögliche

Mit wem gestalte ich eigentlich dieses Ganze, in dem ich eingebettet bin?

Als 1995 einige wenige Wölfe wieder im Yellowstone-Nationalpark ausgewildert wurden, regenerierte sich das gesamte Ökosystem binnen weniger Jahre umfassend.

60 Jahre lang hatte es keine Wölfe im Nationalpark gegeben, sie waren ausgerottet. Die Folge: Hirsche, ihrer natürlichen Feinde beraubt, breiteten sich aus, vor allem in Gebieten, in denen sie früher nicht unterwegs waren. So vernichteten sie durch Abgrasen weitgehend die Vegetation.

Es reichten einige wenige Wolfspaare, um das zu ändern. Nicht weil die Wölfe so viele der Hirsche gerissen hätten, sondern weil ihre Anwesenheit die Hirsche zu einem anderen Verhalten zwang. Sie mieden all jene Gebiete, in denen sie leichte Beute waren: Wiesen, Auen, Kleingehölz. Die Vegetation erholte sich, Bäume und Sträucher wuchsen in enormem Tempo, Vögel zogen ein. Die Biber kehrten zurück und schufen mit ihren Dämmen und Bauten Nischen für andere Lebewesen wie Otter und Fische. Die neue Vegetation sorgte dafür, dass der Boden hielt und nicht, wie früher, weggeschwemmt wurde. Ufer stabilisierten sich, die Flüsse blieben in ihren Flussbetten und mäandrierten wesentlich weniger.

Wir sind immer in einem großen Ganzen eingebettet. Und dieses Ganze besteht aus den unterschiedlichsten Elementen. Alle sind sie einzigartig, auch darin, wie sie zum Ganzen beitragen. Und alle stehen in einem immer währenden Austausch miteinander, beeinflussen sich darin. Und gestalten gemeinsam das Ganze. So wie es eben im Naturpark ganz unterschiedliche Elemente gibt – Tiere, Pflanzen, aber auch Flüsse, Wiesen, Felsen. Es braucht sie alle, damit das Ökosystem weiter existieren kann. Es braucht es, dass sie alle auch ihre Funktion, ihre Lebensweise erfüllen können. Und dazu zählt auch, wenn wir auf das Verhältnis von Wolf und Hirsch schauen, die Eingrenzung und Einhegung.

Wir müssen diese Zusammenhänge erkennen, müssen lernen, Beziehungen, Funktionen, Dynamiken in unseren Systemen zu erkennen, damit wir sie regenerierend gestalten können. In Beziehung denken, heißt zu erkennen, was mich beeinflusst, und was ich wie gestalte.

Das widerspricht unserer konventionellen Weise von in Beziehung zu sein. Auch wir haben immer diese vielschichtigen Beziehungen. Wir haben diese unterschiedlichen Aufgaben, sind voneinander abhängig. Wir bedürfen eines dichten Netzes, damit wir leben können. Ein Netz, das uns in Liebe trägt, das uns mit Nahrung versorgt, in dem wir sinnstiftend teilhaben können. Doch leben wir Beziehung häufig nicht im Netz, sondern im Austausch, im Aushandeln. Du kannst etwas, was ich nicht kann, dafür kann ich etwas, was ein Dritter braucht – an die Stelle dieses gesamtheitlichen Ausgleichs tritt der direkte Tauschhandel zweier Parteien. Das funktioniert aber nur, in dem ein Drittes hinzukommt, das Geld. Das Geld, das allem, was ich gebe oder bekomme, einen gewissen Wert zuschreibt. Damit entsteht ein Paradox: in dem Geld Beziehungen zu einem Austausch von (Ersatz-)Werten vereinfacht, ermöglicht es die enorme Komplexität unseres Lebens. Mit einer großen Schattenseite: denn Geld verlangt, dass wir Werte messen oder zuschreiben können und betont damit das Materielle. Das Immaterielle aber lässt sich nicht messen. Handeln auf Basis von Austausch ist deswegen gerade in unseren Lebensbeziehungen vernichtend: Welchen Wert hat die Liebe? Welchen Wert hat das Dienen in einer Familie?

Und doch braucht auch der Tauschhandel, die Tauschbeziehung über Geld das immaterielle. Nämlich das Vertrauen. Wir lassen uns auf Geschäfte erst ein, wenn wir unserem Gegenüber zu einem Mindestmaß vertrauen. Wenn nicht, so versuchen wir dieses Vertrauen durch Gesetze und vertragliche Regelungen zu sichern.

Geld als Tauschmittel hat sich tief in unsere Kultur geschrieben. Und dabei unser Denken über Beziehungen verunklart. Welches Risiko darin steckt, lässt sich an der Frage nach Konkurrenz und Kooperation erkennen. Als soziales Wesen ist der Mensch kooperativ. Jegliche Gruppen leben nur in der Arbeitsteilung und durch Unterscheidung von Rollen. Die Basis dafür sind Vertrauen und Kooperation, ohne die nicht einmal das Aufwachsen von Kindern – und damit das Überleben der Art – möglich wäre. Zugleich sind wir als Spezies dem Wolf ähnlich, was Kooperation und Konkurrenz zu anderen Spezies betrifft. Der Irrtum besteht darin, die Konkurrenz in zwischenmenschliche Beziehungen hineinzutragen, was überhaupt nur durch die menschliche Fähigkeit zur Abstraktion möglich ist. Die Kulturgeschichte nach Darwin erzählt sehr ausführlich davon. Doch was den Menschen wachsen lässt, ist nicht die Konkurrenz, sondern das Aufgehobensein in stabilen Beziehungen, in Vertrauen und Liebe. Ganz unterschiedliche wissenschaftliche Richtungen – ob Hirn-, Motivations- oder Traumaforschung – kommen alle zu dieser Erkenntnis.

Geld und die sich aus der Geldkultur entwickelnde Marktwirtschaft hat auf eine weitere Weise unser Denken verschleiert. Denn es hat uns erlaubt, relevante Beziehungen zu ignorieren und wichtige Systembeteiligte auszuschließen: Die ökologischen Folgen unseres wirtschaftlichen Handelns werden nicht eingepreist, denn die Natur hat keinen Preis. Gesundheitsschäden, die erst Jahre nach der Produktion auftreten, werden nicht eingepreist. Die sozialen Kosten einer Kündigungswelle, mit ihren Auswirkungen auf Familien, auf ganze Regionen, müssen Unternehmen auch nicht tragen.

Regenerierend Handeln verlangt, diese Verschleierungen aufzulösen. Wir lernen, in multidirektionalen und nichtlinearen Beziehungen zu denken. Und wir bringen alle, auch die bislang unsichtbar gemachten Beteiligten wieder aktiv in den Prozess ein.

Dabei gibt es drei Beziehungen, die immer relevant sind:

  • Die erste ist die Beziehung zu den Mitwirkenden. Es gibt keine soziale Situation, kein System, in dem ein Element isoliert ist. Immer gibt es andere, mit denen es zusammen ein Ganzes bildet.
  • Die zweite ist die Beziehung zur Erde und zur Natur als Quelle aller Rohstoffe, aller Lebensgrundlagen. Keine Technologie kann auch sich selbst etwas erzeugen. Immer sind andere Energiequellen, in Form von Sonnenenergie, fossilen Rohstoffen, Pflanzen und anderem einbezogen.
  • Die dritte ist die Beziehung zum Ort oder zur Gemeinschaft. Die stiftet vielfältige Gegebenheiten. Die sind natürlicher Art. Sie sind – in Form von Geschichten und Traditionen – kultureller Art. Und sie sind, wenn es sich um Wasserversorgung, Verkehrsanbindung und Bildungsangeboten handelt, eine Form der Infrastruktur.

Daneben gibt es für jedes System, das wir betrachten, weitere relevante Beziehungen und Partner. Wir zielen dabei nicht allein auf die derzeit Betroffenen. Wir fragen uns auch, wer in Zukunft einen Nutzen haben könnte. Denn je größer dieser Kreis ist, je mehr Menschen von unserem Vorhaben positiv beeinflusst werden, desto stabiler und tragfähiger wird es am Ende sein. Das gemeinsame Interesse ist größer, mehr Engagement wird möglich.

Aus dem nichtliniearen Denken und dem Einbeziehen aller kommt dann der nächste Schritt im regenerierend handeln, dem Perspektivwechsel. Denn es geht darum, dass alle Beteiligten durch unser Handeln gestärkt werden. Und das verlangt, zu verstehen, was jeder einzelne braucht und wohin er sich entfalten möchte.

So gibt es bei der Betrachtung der Beziehungen drei Fragen:

Wer kann daran teilhaben? Das ist die Frage nach denjenigen, die beteiligt werden sollten.

Wenn der Kreis der Interessenten klar ist, geht es darum, die Perspektive eines jeden einzelnen Elementes einzunehmen. Das gelingt mit folgenden zwei Fragen:

Was ist der einzigartige Beitrag, den der-/diejenige im Gesamtsystem leistet?

Welches Interesse, welche innere Ausrichtung verfolgt der/die Einzelne dabei?

Und dann geht es darum, den eigenen Einfluss zu betrachten. Und zu überlegen, welche Gestaltungsmöglichkeiten wir selbst haben:

Welchen Beitrag leiste ich, damit jede/jeder andere ihre/seine Rolle erfüllen kann?

Kernsatz 4: Wir sind – mit den anderen. Und nur mit ihnen sind wir mehr. Bezogen zu sein heißt daher, am Wohlergehen der anderen zu arbeiten.

 


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