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Mit dem Fluss gehen

Wo alles zusammenkommt

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Regenerierend Handeln 6 – Knoten und Ströme

Dies ist der sechste Teil unserer Serie über Regenerierendes Handeln
Der fünfte: Aufs neue gleich

Dynamik heißt Strömen und Stauen. Und da, wo etwas aufeinander stößt. kann Austausch stattfinden.

Wenn Sie die Bedeutung von Knoten in Systemen verstehen wollen, dann müssen Sie einfach nur den Spuren der Zeugen Jehovas in ihrem Alltag folgen. Denn die stehen mit ihren Heften und Wägelchen immer da, wo viele Menschen unterwegs sind, wo es eine hohe Dichte an Angeboten und Dienstleistungen gibt, an Bahnhöfen oder Straßenkreuzungen zum Beispiel. Da wiederum aber in ruhigeren Zonen.

Weshalb? Nicht, weil sie dort besonders auffallen, sondern weil sie dort am meisten zufällige Kontakte mit potenziellen Interessenten knüpfen können. So bleibt im Laufe eines Tages von den vielen, die an ihnen vorbeigehen, mal widerwillig und zornig, mal interessiert, wenigstens eine Handvoll für ein Gespräch stehen. Und für dieses Gespräch aber braucht es dann doch einen Moment der Abgeschiedenheit.

Knoten leisten in Systemen eine zentrale Aufgabe: Sie ermöglichen Austausch, Vernetzung, Kommunikation. Sie zeigen Unterschiedlichkeit und bieten damit Gelegenheit, sich zu reiben. Sie sind dynamisch, Orte mit einem hohen Durchfluss. Märkte waren und sind klassischerweise zentrale Knoten: Hier fließen Waren und Menschen, Handel findet statt, Informationen werden ausgetauscht. Gleichzeitig gibt es Nischen des Rückzugs und der Reflexion. Ränder, von denen aus beobachtet werden kann und Veränderungen eingeleitet werden.

Knoten sind deshalb die eigentlichen Wachstumsmotoren in lebenden Systemen. Der Städtebau weiß das schon seit Jahrtausenden, die Pläne und Umsetzungen von griechischen und römischen Städten belegen es. Und wer wissen will, wie vielschichtig die Möglichkeiten sind, die ein – gut angelegter – Platz bieten kann, der lese bei Jan Gehl die Beschreibungen von italienischen Marktplätzen wie jenen von Siena nach. Wie wichtig es ist, in der Städteplanung Plätze nicht nur vorzusehen, sondern sie auch gut zu planen, zeigen all die leeren und toten Plätze in unseren Neubaugebieten und neuen Stadtteilen.

Fluss, Dichte, Austausch und Unterschiedlichkeit – diese zentralen Komponenten finden sich in allen Knoten. Wer das versteht, kann Knoten für Veränderungen effektiv nutzen, kann auch Knoten erzeugen, um ein System zum Wachsen zu bringen. Als Steve Jobs das zentrale Gebäude von Pixar, der Kreativitätsmaschine für animierte Filme, plante, schuf er zentrale Orte der Begegnung, statt die Teeküchen dezentral über das ganze Haus zu verteilen. Wie schaut es in gewöhnlichen Bürohäusern aus? Da sind Teeküchen häufig auf Etagen oder nur bei einzelnen Abteilungen. Ich habe auch schon Häuser erlebt, in denen die Mitarbeiter in jedem Zimmer einen eigenen Wasserkocher hatten – die beste Möglichkeit, allen anderen aus dem Weg zu gehen.

Auf den ersten Blick mag Jobs’ Ansatz ineffektiv sein. Denn es verlängert ja zumindest die Wegstrecken, die Einzelne zurücklegen müssen und damit auch ihre Pause. Und doch zwingt er die Mitarbeiter förmlich zum Austausch und zur Kommunikation, und zwar über Abteilungen und Hierarchien hinweg. Damit erst wird Vernetzung und Zufälligkeit möglich.

Ein städtebauliches Beispiel: Der Aufschwung von Medellín, der zweitgrößten Stadt von Kolumbien, wurde durch zwei Infrastruktur-Maßnahmen initiiert. Die Slums, die sich an steilen Hängen rund um die Stadt entwickelt hatten, wurden verkehrstechnisch mit Seilbahnen erschlossen. Diese sind wiederum eng mit dem weiteren öffentlichen Nahverkehr verbunden. Damit konnte zunächst einmal eine Dynamik entstehen, Menschen konnten sich von einem Ort zu einem anderen in der Stadt bewegen, was ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben, am Arbeitsmarkt ermöglichte. Die Stationen der Seilbahnen selbst wurden wiederum zu Knoten innerhalb der Slums, die eine neue Form der Entwicklung ermöglichten.

Knoten müssen nicht immer groß sein. All die vielen Büdchen, die sich in Köln durch alle Viertel ziehen, die Curry-Wurst-Buden in Berlin belegen das. Sie zeigen ein zentrales Kriterium von Knoten auf: ihre Individualität. Knoten sind einzigartig, in ihrem Charakter, in ihrer Funktion, auch in der Art, wie sie an Ströme gebunden sind. Der Einzug von Handelsketten, ob von einem Sandwich- oder einem Bäckereikonzern, ist daher für den Kontext immer ein Verlust an Vielfältigkeit. Ein Verlust, der sich an der verminderten Funktion solcher Orte als Knoten für ihren Kontext zeigt.

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Knoten können absterben und damit ein ganzes System degenerieren lassen, wenn sie falsch behandelt werden. Ein Beispiel: die vielen deutschen Innenstädte, die inzwischen veröden. Weshalb? Weil zahlreiche innerstädtische Funktionen in die Randgebiete, die Einkaufszentren und Gewerbegebiete abwandern und ausgelagert werden. Der Donut-Effekt wird damit in Gang gesetzt. Denn damit geht eine Veränderung in der Mobilität einher: aufgrund der Distanz benutzen die Menschen ihr Auto. Doch eine stark frequentierte Fußgängerzone ist kommunikativ etwas vollkommen anderes als eine dichtbefahrene vierspurige Stadtautobahn. Und der belebte Marktplatz einer Kleinstadt, in dem sogar noch ein Wochenmarkt stattfindet, ist etwas anderes als die Blechlawine am Samstag im örtlichen Gewerbegebiet vor all den Supermärkten und Drogerien. Das Auto verhindert Kommunikation – auch darin unterscheidet es sich von öffentlichen Verkehrsmitteln, die nicht nur in sich, sondern auch durch die notwendige Infrastruktur, wie Haltestellen, Bahnhöfe, Übergänge, Kommunikation ermöglichen und erzwingen.

Das Sterben solcher Innenstädte kann dabei sehr schnell gehen. Wenn einige wenige, dafür zentrale und publikumsstarke Geschäfte weg sind, bricht der Stadtkern schnell zusammen, weitere Abwanderungen sind die Folgen. Über wenige Jahre kann das einer Gemeinde ihrer ganze Vitalität berauben. Es ist einer der zentralen Merkmale von Knoten: Maßnahmen und Veränderungen dort haben immer einen enormen, meist kaskadenhaften Einfluss.

Knoten zu finden, kann ich mit der Frage: Wo findet Austausch statt? beantworten. Und es ist wichtig dabei, den Ort in seiner Funktion zu verstehen:

  • Wer hat an dem Austausch teil?
  • Wie findet der Austausch statt?
  • Welche Funktionen werden noch angeboten?

Will ich regenerierend Knoten erzeugen, muss ich mich fragen: Wie kann ich Ströme organisieren? In der Permakultur wird dabei gerne ein Prinzip angewendet, um Wachstum zu erzeugen: das Prinzip der Störung. So werden fließende Gewässer durch gefüllte Körbe abgebremst. Schwemmgut wird dadurch festgehalten, Boden entwickelt sich. In unserem Dorfbach hat dieser Prozess ganz natürlich angefangen, indem eine Sandbank entstand. Binnen weniger Wochen war sie bewachsen, erste größere Pflanzen zeigten sich. Als Nächstes kamen die Enten, die den Platz als Rückzugsort benutzen.

Manchmal aber geht es auch darum, Ströme anders zu führen und in diesen Strömen neue Haltepunkte einzubauen – die Seilbahnen von Medellín sind dafür ein gutes Beispiel. Sie organisieren den Verkehrsfluss neu und schaffen zugleich neue Ankerpunkte innerhalb der Slums. Auch hier ist es analog wie bei den Mustern: Regenerierend heißt, dem System einen Impuls zu geben, zu wachsen und sich zu entwickeln (der Korb im Wasser). Nicht aber, den Knoten schon festzulegen und zu bestimmen (die Sandinsel aufzuschütten und zu bepflanzen).

Kernsatz 6: Knoten schaffen in einem System und zwischen den Systemen Austausch und damit Wachstum. Regenerierend Handeln heißt, über Knoten mit minimalen Interventionen maximalen Einfluss zu gestalten.

 


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