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Im Bürgerkrieg mit uns selbst

Wir mißtrauen uns selbst

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Wie wir unsere gesellschaftliche Blockade überwinden können

Erstmal scheint es nur eine verwahrloste Grünfläche zu sein. Ein kleines Stück Wiese am Rande des Bahnhofplatzes bei uns, ein Streifen von etwa acht auf zwei Metern. Der Bewuchs ist struppig, verblüht, wirkt ungepflegt. Und doch ist diese Wiese nicht verwahrlost, sondern gelebtes bürgerschaftliches Engagement. Zwei Schilder weisen darauf hin: “Hier blüht es für Bienen, Hummeln & Co!”, mit dem sich die Fläche als Teil des “Netzwerk blühende Landschaft” ausgibt. Auf möglichst vielen Flächen sollen bienen- und insektenfreundliche Blumen und Gräser ausgesät werden, um dem Insektensterben zu begegnen. Die Webseite des Netzwerks bietet unter der Rubrik “So bringen Sie die Landschaft zum Blühen” eine Reihe von Handlungsempfehlungen, sie reichen vom kleinen Balkon bis zum Ackerbau. Hier geht es also um den Erhalt unserer Lebensgrundlage.

Und doch ist diese Aktion nur Symptombekämpfung, weil sie sich der Komplexität des Themas verweigert. Das zeigen ein paar Schlaglichter:

Die Folgen sind so gravierend, dass blühende Landschaften inzwischen zu Marktstrategien der Chemiekonzerne geworden sind. Der Pflanzenschutzmittel- und Saatgutkonzern Syngenta startete 2009 sein Projekt “Syngenta Bienenweide” und verteilte an Landwirte kostenfrei spezielle Saatgutmischungen zur Anlage von Bienenweiden. Das Agrarland, das über Jahrzehnte hinweg zerstört wurde, sollte nun wieder “ökologisch aufgewertet” werden. Das “Netzwerk blühende Landschaft” steht in der Tradition dieses Ansatzes, wenngleich es von einem Verein getragen wird. Dass so eine Wiese wie bei uns nichts bewirken kann, weil Insekten und Bienen die Bebauung rundherum gar nicht überwinden, ist ein weiteres Detail. Die Essenz des Ganzen: Die Menschen, die sich für den Erhalt von Natur und Ökologie einsetzen, schreiben nur den Status Quo fort. Denn das, was zu den tatsächlichen Zerstörungen führt, wird nicht hinterfragt, sondern akzeptiert und erduldet.

Wir betreiben nichts anderes als Symptombekämpfung. Das aber mit soviel Engagement, dass uns die Kraft fehlt, um die wirklich notwendigen Veränderungen anzugehen. Überall finden wir den gleichen Widerspruch aus hohem Aktionismus und mangelnden Veränderungen.

Wir betreiben nichts anderes als Symptombekämpfung. Das aber mit soviel Engagement, dass uns die Kraft und Ausdauer fehlen, um die wirklich notwendigen Veränderungen anzugehen. Egal welches gesellschaftliche Thema wir auch nehmen, wir finden dort den gleichen Widerspruch aus hohem Aktionismus und mangelnden Veränderungen: Flüchtlinge, Verkehrsbelastung, Mietpreisentwicklung, Antibiotikaresistenzen, Klimawandel. Bei allen Fragen haben wir Lösungen und Ideen, an Handlungsmöglichkeiten mangelt es uns nicht. Doch wir ergreifen sie nicht.

Weshalb also blockieren wir uns selbst?

Das können wir in bayerischen Grundschulen lernen. In der vierten Klasse sind die Kinder vor allem mit dem Schreiben von Proben beschäftigt, in jeder Woche etwa ein bis zwei. Diese Proben bereiten die Kinder nicht etwa auf den Übertritt in die nächsthöhere Schule vor. Ihr einziger Nutzen liegt in der möglichst gerichtsfesten Selektion der Kinder für die unterschiedlichen Schulzweige. Der Aufwand, der mit den Proben einhergeht, bindet enorme Kapazitäten bei Lehrerinnen und Schülern. Zeit und Kraft, die für das Lernen und die Entwicklung der Kinder verloren sind. “Grundschulabitur” heißt das vierte Schuljahr deshalb im Elternjargon.

Maria Montessoris große Entdeckung war, dass Kinder lernbegierig sind. Die Hirnforschung zeigt inzwischen, dass die Fähigkeit des Menschen, sich lernend weiterzuentwickeln, bis zum Tode anhält. Die Lernbegeisterung ist jedoch fragil und unser Schulsystem zerstört diese Fähigkeit systematisch. Es geht in unseren Schulen nicht darum, Kinder in ihrer Einzigartigkeit zu fördern, sondern sie zu kontrollieren und zu sortieren. Ihre Fähigkeiten werden nicht entwickelt, sondern gemessen und verglichen. Und mit dem Messen gehen Urteil und Kritik einher. Der innere Antrieb wird zerstört und durch eine Motivation von außen ersetzt. Das bricht die Lernbegeisterung.

Das Bild, das dahintersteht, ist das eines Menschen, der erzogen werden muss, zu etwas hingebogen, das ihn für die Gesellschaft nützlich macht. Wir vertrauen nicht unserem Potenzial. Wir misstrauen uns selbst. Dieses Misstrauen aber hindert uns, die notwendigen Veränderungen, vor denen wir stehen, anzugehen. Denn es beraubt uns des größten Mittels zur Veränderung — uns selbst.

Wir vertrauen nicht unserem Potenzial. Wir misstrauen uns selbst. Dieses Misstrauen aber hindert uns, die notwendigen Veränderungen, vor denen wir stehen, anzugehen. Denn es beraubt uns des größten Mittels zur Veränderung – uns selbst.

Misstrauen als soziale Grundstruktur

Dieses Misstrauen ist tief in unsere gesellschaftliche Struktur eingewoben:

  • Wir führen unsere Unternehmen nicht als einen Zusammenschluss von Menschen, die eigenständig und selbstgeführt handeln. Unsere Mitarbeiter müssen geführt werden. Wir stecken sie in siloartige Hierarchien und tauschen sie nach Belieben aus. Wir erwarten, dass sie keinerlei innere Motivation haben, sondern von außen gesetzte Reize in Form von Bezahlung oder Prestige brauchen, um überhaupt zu arbeiten. Die Forschung, auf die wir uns dabei berufen, basiert auf der Untersuchung von Ratten. Sie reduziert menschliches Verhalten auf seine tierischen Ursprünge und ignoriert, was uns von Ratten unterscheidet: unser menschliches Denk- und Interaktionsvermögen.
  • Den größten Anteil an unserer Mobilität hat das Auto. Es ermöglicht uns zwar, weite Strecken zu überwinden, ist darin aber ein Verhinderer von Kommunikation und Selbstbefähigung. Denn da, wo wir mit dem Überraschenden und Neuen, manchmal auch Unangenehmen konfrontiert werden könnten — etwa mit uns unbekannten Mitmenschen auf der Straße, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule –, verhindert es diesen Kontakt. Und als wären wir des Laufens nicht mächtig, als wären wir nicht in der Lage, Wind und Wetter standzuhalten, lullt es uns ein in seinen Komfort. Der Mittelklassewagen ist Ausdruck unseres Zweifels an unseren körperlichen und sozialen Fähigkeiten.
  • Die Medizin ist in der Lage, den Menschen bis aufs Feinste zu sezieren und Krankheiten zu diagnostizieren. Wir können Depressionen und Alzheimer präzise beschreiben, wir erfassen das Ausmaß an Burn-out, finden immer neue Erkrankungen. Doch heilen können wir sie nicht. Denn uns fehlt der Blick aufs große Ganze, auf die Zusammenhänge und auf das dynamische Spiel von allem mit jedem. Wir lassen uns reparieren, statt dass wir lernen, dass Heilung vor allem der Weg zu uns selbst bedeutet. Und geraten dabei in finanzielle wie persönliche Abhängigkeit zu einem Gesundheitssystem, das darauf ausgelegt ist, uns unmündig zu machen und zu halten.
  • Wir ernähren uns mit etwas, das wir “Convenience Food” nennen, bequemes Essen. Es ist bequem, weil wir uns selbst aus dem Weg gehen können und uns nicht mit unseren inneren Schwierigkeiten konfrontieren müssen. Dies zeigt sich auch beim Kochen. Wir berauben uns des Reichtums an Fähig- und Fertigkeiten, die wir Menschen uns rund ums Essen über Jahrhunderte hinweg erarbeitet haben. Dazu zählt auch das Wissen, dass Nahrung ein Heilmittel ist, weil Ernährung einen Akt der Selbstfürsorge darstellt. Stattdessen werden wir Teil der industriellen Nahrungserzeugung, die auf so vielfältige Weise zur Degenerierung der Natur beiträgt. Und wir degenerieren selbst — denn ein industriell erzeugtes Lebensmittel erreicht bei weitem nicht die Qualität eines aus frischen Zutaten selbst gekochten Essens.
  • Ob Ernährung, Handel, Medizin oder Wissenschaft — all dies ist geformt und durchdrungen von unserem politischen System. Dieses System lebt in einem Diskurs, in dem wir uns vor allem selbst zensieren: “Im Namen der Verteidigung von Vielfalt darf nicht mehr alles gesagt werden”, beschreibt das Kenan Malik. Statt dass wir uns befähigen, Konflikte auszuhandeln und Meinungsverschiedenheiten auszutragen, definieren wir durch unser Recht, was gesagt werden darf und was nicht. Unsere Verwaltungen legen wir danach aus, Risiken zu minimieren, Verantwortung zu delegieren. Verwaltungen sind weder Ermöglicher noch Gestalter. So wird Freiheit nicht mehr als größtmöglicher Rahmen, sondern nur als kleinster gemeinsamer Nenner gedacht.
  • Das geht einher mit einem enormen Misstrauen zwischen Politikern und Bevölkerung, das schon lange die Form von körperlicher Gewalt gegen Politiker angenommen hat. Quell dieses Misstrauens sind zwei grundlegende Elemente unserer Demokratie: Repräsentation und Wettbewerb. Die Repräsentation folgt dabei dem Prinzipal-Agent-Prinzip. Mit der Folge, dass die repräsentative Demokratie für Wähler vor allem ein Verlust an Handlungsfähigkeit darstellt: Die Aufgaben, die wir an die Politik delegieren, dürfen wir selbst nicht mehr wahrnehmen. Doch die Politik handelt gegebenenfalls auch gegen unsere Interessen. Zugleich hat sich der politische Wettstreit von einem Ringen um die beste Idee zur reinen Personenkonkurrenz gewandelt. Für Populisten aller Couleur sind Diffamierung und persönliche Angriffe das Mittel der Wahl, denn sie schaffen die intensivste Verbindung zu den Wählern. Dabei geht es um Identitätspolitik, denn nicht über das Ringen um Ideen und Lösungen, sondern über die Gemeinsamkeit von Werten, Vorlieben und Gefühlen entsteht eine Beziehung zwischen Wählern und Gewählten. Dabei aber ist die Auseinandersetzung um Inhalte die eigentliche Aufgabe des politischen Diskurs und das, was Verbindung in aller Vielfalt herstellt.
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Die Eskalationsmethoden, die die Populisten verwenden, sind keine Ausnahmeerscheinungen. Populisten leben das Misstrauen. Und sie bringen das Funktionsprinzip unserer Gesellschaft lediglich auf den Punkt. Eine perfekte Inszenierung, hinter der sich Machtkalkül verbirgt. Denn den Populisten geht es um den Umbau der Demokratie in Richtung autokratischer Strukturen, so wie wir es in Polen und Ungarn erleben. Das Ergebnis ist ein Staat, in dem unter dem Deckmantel der Sicherheit Misstrauen zunehmend in seine Verfasstheit und in den gelebten Alltag einschreiben wird.

Die Eskalationsmethoden, die die Populisten verwenden, sind keine Ausnahmeerscheinungen. Populisten leben das Misstrauen. Und sie bringen das Funktionsprinzip unserer Gesellschaft lediglich auf den Punkt.

Gelingt es uns, dieses Misstrauen zu überwinden? Vor dieser Frage stehen wir als Gesellschaft, wenn wir wirkliche Veränderungen ermöglichen wollen. Gelingt es uns also zum Beispiel, den Populismus zu überwinden mit Strategien, bei denen wir alle, auch den Gegner, ernst nehmen? Oder verfallen wir in einen Widerstand, der die Kultur der Diffamierung nur wiederholt? Schaffen wir uns einen politischen Rahmen, in dem wir die Probleme, die es zu lösen gilt, auch wirklich identifizieren? Damit wir dann von den Chancen, die für uns in diesen Herausforderungen liegen, ausgehen und tragfähige Lösungen realisieren?

Anfang August 2018 hat ein Gericht in Brasilien den Einsatz von Glyphosat ausgesetzt. Die Reaktion des Direktors des brasilianischen Agrarverbandes Abag, Luiz Lourenco, war eindeutig. “Ohne diese Produkte kann keine Landwirtschaft betrieben werden”, zitiert ihn die Nachrichtenagentur. Klar ist, solch ein Weg ist auch in Deutschland schwierig und verlangt eine große Umstellung. Doch diese Umstellung braucht es vor allem im Denken. Denn unser Denken ist immer kulturell geprägt. Und die Art, wie wir Institutionen und Gesetze schaffen, die Art, wie wir über Jahrzehnte hinweg handeln, beeinflusst unser Denken. Deswegen spricht aus dem, was Lourenco sagt, vor allem die jahrzehntelange Abhängigkeit, die die Nutzung von Glyphosat bewirkt hat. Es ist ein Denken aus dem Verlust heraus, aus der Angst. Das es anders geht, zeigt ein Beispiel aus Indien. Dort hat seit 2016 der Bundesstaat Sikkim seine komplette Landwirtschaft auf biologischen Anbau umgestellt.

Denken, Handeln und der Rahmen, den wir unserem Handeln geben — diese drei Dinge bedingen sich wechselseitig und dynamisch. Noch sind sie durchzogen vom Misstrauen, das wir gegenüber uns selbst als Menschen haben. Wenn wir gestalten wollen, dann brauchen wir dazu Vertrauen. Jeder Akt des Misstrauens ist eine Einladung, ins Vertrauen zu gehen. Der Quell des Vertrauens sind wir selbst. Wenn es uns gelingt, uns selbst zu vertrauen und — wie es der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki formuliert hat — den Bürgerkrieg gegen uns selbst einzustellen, dann sind wir in der Lage, jede notwendige Veränderung anzugehen.

Die zentrale Frage in diesem Moment also lautet: Wo misstrauen Sie sich gerade?


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Gabriel Fehrenbach

Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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