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“Heimat ist immer auch gebrochene Heimat“

Gebrochene Heimat - was kommt?

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Ein Gespräch mit dem Publizisten und Heimatpfleger Norbert Göttler

 

Was ist das, was wir Heimat nennen? Wir fragen jemanden, der tief verwurzelt und weit gereist zugleich ist. Norbert Göttler entstammt einer alten Bauernfamilie, seine Familie lebt seit mehr als 500 Jahren in der Nähe von Dachau. Eine Tradition, die er nicht als Landwirt, sondern als Philosoph und Schriftsteller weiterträgt. Und die er mit seinem facettenreichen und vielfältigen Leben einbringt in seine Arbeit als Bezirksheimatpfleger für den Bezirk Oberbayern.

Gabriel Fehrenbach: Was pflegt ein Heimatpfleger in einer so dynamischen Region wie Oberbayern?

Norbert Göttler: Wie pflegt man Heimat überhaupt? Das ist schnell gestellt und schwierig beantwortet. Alles, was wir tun, steht auf kulturhistorischem Boden. Es hat eine Geschichte, und diese Geschichte müssen wir uns mühsam erarbeiten, die wächst uns nicht einfach zu. Damit ist Heimatpflege historisch fundiert, volkskundlich ebenso wie kunsthistorisch. Aber im Wesentlichen hat sie eine Gegenwarts- und eine Zukunftsverantwortung: Welche Heimat- und dann auch – welche Heimaten geben wir den nächsten und übernächsten Generationen weiter?

Dieser Zukunftsblick ist in einer Metropolregion ein anderer als in der Oberpfalz oder in Niederbayern. Bei uns sind die Themen Verkehrsinfarkte, Überteuerung der Mieten, die Bodenpreise. Dort geht es um Landflucht, Abwanderung, darum, dass Orte sich ihre Infrastruktur nicht mehr leisten können.

Wie hat sich denn Ihr Denken über Heimat und über Tradition in den Jahren verändert?

Der Begriff hat ja viele Facetten, weshalb ich den Begriff sehr differenziere. Dabei spielt sicherlich meine Erfahrung hier im Landkreis Dachau mit hinein. Hier gehören Dinge wie Zeitzeugengespräche, Zeitgeschichte, Gedenkstättenarbeit ganz selbstverständlich zur Heimatpflege.

Wir dürfen keinen idyllisierten Blick auf Heimat haben. Heimat ist immer auch gebrochene Heimat. Und wie es in jeder Partnerschaft sinnvoll ist, dass man die Brechungen des Partners wahrnimmt und akzeptiert, so muss es in der Beziehung zur Heimat auch sein. Sonst trägt das nicht, wird zur Lebenslüge.

Hier in Dachau ist die Brechung tagtäglich zu spüren mit seiner Geschichte im Dritten Reich. Aber Brechungen können auch andere sein, wirtschaftliche oder persönliche Zusammenbrüche. Das Konzept Heimat kann glücken, es kann auch missglücken. Heimat glückt nicht nur, wenn es um schöne Feste geht, um Brauchveranstaltungen und Trachten. In der Krise, wenn Ehen scheitern, wenn Kinder nicht die richtige Richtung gehen, wenn Wirtschaftskrisen ausbrechen und Solidarität gefragt ist, dann ist die Frage, ob Heimat funktioniert. Dann kann Heimat stützen durch Nachbarschaft, überregionale Netzwerke. Und sie kann ausschließen: Je genauer Menschen oder auch Dorfgemeinschaften zu wissen meinen, was Heimat ist und was sie unter Heimat verstehen, umso mehr sind sie in der Gefahr, auch genau zu wissen, wer nicht dazugehört. Heimat ist aber zunächst einmal immer auch die Heimat des anderen.

Ursprünglich war Heimat ein rein juristischer Begriff. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich unser heutiger, emotional besetzter Heimatbegriff. Die medizinischen Verhältnisse werden besser. Von zehn Kindern, die auf die Welt kommen, bleiben vielleicht auch neun oder zehn am Leben, das trägt diese Landschaft dann nicht mehr. Es kommt zu einer Art ländlichem Proletariat. Deutschland war zu dieser Zeit zu 95% ländlich. Viele Menschen sind gezwungen, aus der Heimat wegzuziehen, weil die Lebensgrundlagen nicht mehr da sind. Und mit dem Weggehen entsteht so etwas wie Heimweh, eine emotionale Bindung an die Topografie: das erste Mal verliert man etwas.

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Wenn sie heute in so einer Metropolregion fragen, ob die Menschen da leben, wo sie geboren sind, werden ihnen 95 von 100 mit Nein antworten. Die haben ihre Ursprungsheimat verlassen Die ältere Generation durch Vertreibung, andere durch die wirtschaftlichen Umschwünge und durch die Anziehungskraft der Metropolregion. Diese Menschen kennen einen topografischen Heimatbegriff kaum mehr. Trotzdem haben auch sie ein Heimatbedürfnis, aber ein anderes als dieses topografische. In der Philosophie heißt das ein ‚utopisches Heimatbegriff‘ – ‚Utopos‘, Nichtort. Bloch nannte es die „Heimat, die ich nie erreichen werde“. Das ist die Situation einer Metropolregion. Viele Menschen sind unterwegs, sind temporär durchaus einmal bereit, Heimat zu suchen und Heimat zu finden. Sie wollen sich beheimatet fühlen, in Netzwerken und Communities, im Internet. Es gibt 1000 Möglichkeiten, die vielfach nichts mit einem konkreten, wirklichen Topos zu tun haben. Und so gibt es für viele auch nicht nur die „Heimat“, sondern „Heimaten“.

Wenn wir den suburbanen Raum um die Stadt anschauen, da prallen ja unterschiedliche Heimatvorstellungen aufeinander: die topographische derer, die in dem Ort eine Familientradition haben. Menschen, die in der zweiten Generation da sind und plötzlich auch eine topografische Heimat entwickeln. Und Menschen, die mit einem möglicherweise utopischen Heimatbegriff in diesen Ort ziehen. Was passiert in diesen Gemeinden?

Ja, jeder sagt ‚Heimat‘ und drei Leute meinen etwas Unterschiedliches. Es ist die Herausforderung, die der Bürgermeister einer solchen Kommune regeln muss, dass es ganz unterschiedliche Heimatvorstellungen gibt. Ich sehe das bei mir selbst: Wo ich wohne, leben meine Familie und meine Vorfahren seit 500 Jahren. Das ist das eine Extrem. Und ich habe Freunde, die sind schon 17 Mal umgezogen und werden auch bald wieder umziehen.

Für das Zusammenleben an einem Ort ist es anstrengend, wenn Menschen bloß temporär da sind. Manches läßt sich projektbezogen machen. Für manches, wie Vereine und Verbände, die Feuerwehr, braucht es aber auch Kontinuität. Die Menschen engagieren sich nicht weniger, nur nicht mehr langfristig. Auch Rentner wollen diese langfristige Bindung nicht mehr.

Aber es gibt auch nicht nur den topografischen und den utopischen Heimatbegriff. Denn auch der dritte Heimatbegriff, der juristische, spielt eine Rolle. In der Migrationsbewegung geht es juristisch darum, wo ich mich ansiedeln, wo ich arbeiten darf, ob ich bleiben oder nicht bleiben darf. Bis 1870 musste man sich das Heimatsrecht kaufen, man brauchte Grundeigentum. Wer das nicht hatte, mußte erhebliche Nachteile erleiden. Unter anderem durfte er nicht heirate. Das war der Versuch einer Sozialpolitik: Wenn man die ärmeren Schichten nicht heiraten lässt, dann vermehren sie sich auch nicht, so war das gedacht.

Wie können solche Gemeinden, wo so diese unterschiedlichen Heimatbegriffe aufeinander stoßen, tatsächlich auch eine zukunftsgewandte Ortsentwicklung machen?

Sie haben zurecht diesen Gürtel angesprochen: Stadt-Land-Übergangsform zwischen einer Großstadt und den rein ländlichen Räumen. Eine Form, die sehr stark und unkontrolliert wächst. Es ist unsere Aufgabe, hier eine gute Entwicklung zu gestalten. Denn bislang wird nur auf eine bestimmte Besiedlungspolitik wert gelegt, aber kaum auf die Infrastruktur oder die Ästhetik.

Um die Städte mache ich mir wenig Sorgen. Da ist Geld da, da sind auch gute Architekten zu Wege. Auch für die rein ländlichen Gebiete gibt es viele staatliche Mittel. Es ist das Problem der Zukunft, dass man in diesen Stadt-Land-Übergangsformen ansehnliches Leben gestaltet. Die Urbanisierung dehnt sich ja aus. Die Stadt München wächst, ungefähr um 50.000 Einwohner pro Jahr derzeit und die Metropolregion noch einmal um 50.000. Deshalb müssen wir uns Sorge machen um Kommunen, die jetzt noch im ländlichen Bereich sind, aber in 30 Jahre dann in diese Stadt-Land-Übergangsform reingewachen sind.

Wir sind in Deutschland ein föderaler Staat. Wir könnten es schaffen, nicht bloß drei, vier, fünf große Zentren in Deutschland zu entwickeln, sondern 20 oder 30. Das würde den immensen Druck auf diese fünf Städte abmildern. Dazu braucht es aber Steuerung, doch die fehlt.

Ein guter Ansatz ist das Auslagern von Hochschulen. Viele junge Menschen, die wegziehen, finden Gefallen daran und bleiben dann dort. Der erfolgversprechendste ist aber ausschließlich die Auslagerung von der Großindustrie und der Großwirtschaft. Nur gibt es hier seit 20 Jahren kein Konzept mehr. Deshalb haben wir in der Großwirtschaft eine enorme Zentralisierungsdruck.

In den Orten selbst geht es darum, lebenswerte Inseln zu schaffen, Ortskerne zu erhalten, architektonische Qualität einzufordern, mit ortsplanerischen Mitteln vorzugehen. Dann braucht es Infrastrukturmaßnahmen, Grün, Begegnungsstätten, Plätze. Bauen ist immer eine soziale Angelegenheit. Und die Lebensqualität von Menschen hängt immer mit der Ästhetik zusammen. Der nächste Punkt sind die Industriegebiete. Es wäre sinnvoll, für einen Landkreis wie Dachau drei oder vier zentrale Gebiete zu haben mit einer entsprechenden Ausweisung der Gewerbesteuer an alle Gemeinden. Stattdessen haben wir eine Konkurrenz zwischen den Gemeinden, durch die sich die Gemeinden auch von den Investoren ausspielen lassen können.

All das sind Themen, die zur Heimatpflege existenziell dazugehören: Denkmalpflege, Raumgestaltung, ländlicher Raum, Ortsbildpflege. Themen, die im normalen Prozedere einer gemeindlichen Planung nur selten vorkommen. Doch dafür braucht es eine Professionalisierung unseres Berufes. Viele meiner Kollegen arbeiten noch ehrenamtlich, was nicht der Verantwortung entspricht, die sie haben. Und auch nicht den Möglichkeiten, die sie ausschöpfen könnten: wie mit Erwachsenenbildung oder mit Publikationen.

Wie können wir heute Traditionen stiften, die nach vorne gehen?

Was wir heute als Tradition sehen, war vielleicht einmal die Avantgarde von früher und heute kann Avantgarde die Tradition der nächsten Generationen sein. Das geschieht von allein. Und vieles bricht auch wieder weg. Wie viele Arten von Trachten, Dialekten, Bräuchen hat es gegeben, die dann auch wieder untergingen?Mit dem Kirchenjahr oder dem bäuerliche Jahr haben viele Leute heute nichts mehr zu tun. Und im Mittelalter gab es Essrituale und Fasten, die uns heute gar nichts mehr sagen.

Man muss vieles machen, kreativ sein, vieles in die Welt setzen und davon wird ein Bruchteil dann Tradition werden. Das ist eine Frage der Lebensqualität und der Lebensstärke dieser Äußerung. Es geht darum, möglichst plural und vielfältig und mit Lebensfreude Lebensäußerungen in die Welt zu setzen und zu hoffen, dass ein paar auch überleben.


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DR. NORBERT GÖTTLER wurde 1959 in Dachau geboren. Er ist Historiker und Theologe, arbeitet als Schriftsteller, Publizist und Fernsehregisseur, ist Lehrbeauftragter an verschiedenen deutschen Hochschulen, Mitglied im deutschen und im deutschschweizer PEN und Bezirksheimatpfleger des Bezirks Oberbayern. Homepage

 

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