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Ich bin in etwas – also bin ich

Wir sind eingebunden. In etwas Ganzem

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Regenerierend handeln 1: eingebettet sein

Dies ist der erste Teil unserer Serie über Regenerierendes Handeln

Immer gibt es ein größeres Ganzes, das Struktur und Ausrichtung vorgibt. Dieses größere Ganze ist Ausgangspunkt für jedes regenerierende Handeln.

„Ich denke, also bin ich.“ Dieser Satz gilt als Beginn des neuzeitlichen Individuums, der Erkenntnisfähigkeit des Einzelnen. Descartes, von dem der Satz stammt, setzt dabei ein Ich voraus, das getrennt ist vom Rest der Welt. Ein Ich, das denkt und das deswegen existiert. Das erkennen kann und darin unabhängig ist von dem, was es erkennt, von dem, worüber es nachdenkt. Doch stimmt das denn?

Das Ich ist immer in etwas eingebettet. Es kann gar nicht unabhängig sein. Oder ohne dieses Ganze existieren. Diese Erkenntnis ist der Ausgangspunkt jeglichen regenerierenden Handelns. Denn sie verschafft eine grundlegende Kenntnis. Hermann Czech spricht dabei von den unterschiedlichen Maßstäben: „Jeder dieser Maßstäbe ist die Ausformung, Spezifizierung des nächstgrößeren. Ordnung entsteht durch die Entscheidungen in den größeren, Vielfalt durch die Entscheidungen in den kleineren Maßstäben.“1

Dieses Eingebettetsein in die nächst höhere Ordnung ist etwas zutiefst Konkretes. Und um unser Handeln und Wirken in der Welt zu verstehen, müssen wir genau dieses Konkrete verstehen. Ich denke, also bin ich – dieses Denken, das Descartes zufolge unsere Individualität ausmacht, ist nicht von seinem Kontext zu lösen – nicht aus der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, in der wir jetzt leben, nicht aus der Sprache und den Bildern, die unser Denken strukturieren. Oder wie es Jiddu Krishnamurti einmal formuliert hat: „You might think you’re thinking your own thoughts, but you’re not. You’re thinking your culture’s thoughts.“ (Wir glauben, dass wir unsere eigenen Gedanken denken, aber dem ist nicht so. Wir denken die Gedanken, die uns unser kultureller Hintergrund vorgibt.)

Was aber bedeutet dieses Eingebundensein? Und welchen Einfluss hat es?

Beginnen wir mit einer Übung. Überlegen wir einmal, wie wir arbeiten – unabhängig davon, ob wir zuhause in der Familie arbeiten, selbstständig sind oder einem Unternehmen angehören. Wie bestimmt diese Arbeit unser Leben? Wie viel Einfluss hat sie und wie schaut dieser Einfluss genau aus?

Der Ort, an dem wir arbeiten, und der Ort, an dem wir wohnen, geben uns zusammen vor, wie weit unser täglicher Arbeitsweg ist. Das Angebot des Nahverkehrs und unsere Straßenanbindung legen fest, wie wir diesen Arbeitsweg zurücklegen. Die einen haben nur den einen Bus, den sie nehmen können und nehmen müssen.

Wenn wir eine große Auswahl haben, dann ist dieses Angebot selbst wieder eingebettet. So gelten in Deutschland für den Nahverkehr ganz bestimmte Regeln. Die Person, die den Bus fährt, kann die Arbeit nur deshalb machen, weil sie einen Personenbeförderungsschein hat – also die rechtliche Erlaubnis, mehr als acht Menschen in einem Fahrzeug zu befördern. Sie hat zudem einen Busführerschein und muss nachweisen, dass sie gesund ist, damit sie den Beruf ausüben kann.

Wir können diese Zusammenhänge mit jeder sozialen Einheit gedanklich durchgehen, sei es ein Verein oder ein Unternehmen, sei es ein Gläubiger oder eine Kirche, sei es der/die Einzelne oder die Familie. Immer gibt es etwas, in dem diese einzelne Einheit mit anderen ist. Und dieses Ganze umgibt dieses Einzelne nicht nur, das Einzelne gestaltet das Ganze zugleich auch mit. Indem wir den Bus benutzen oder auch nicht, entscheiden wir mit darüber, wie der Nahverkehr in Zukunft ausschauen wird. Je nachdem, ob wir unsere Fragen konstruktiv oder zornig in unserem Team zur Sprache bringen, gestalten wir das Miteinander in der Arbeit.

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Wir erleben die Zusammenhänge häufig als Begrenzung und Einschränkung. Wir haben familiäre Verpflichtungen, als Unternehmen unterliegen wir staatlichen Vorgaben. Und als Einzelne sind wir mit Fähigkeiten gesegnet – und manchmal auch nicht. Doch diese Begrenzungen sind nicht nur einfach gegeben, sie sind notwendig, damit Leben in seiner Vielfalt entstehen kann. Denn nur Begrenzung ermöglicht Austausch. Eine Zelle kann nur leben durch die Membran, die sie begrenzt. Aber diese ist zugleich durchlässig und macht den Austausch von Stoffen möglich – Stoffe, die die Zelle braucht, um zu funktionieren, die sie aber selbst nicht herstellen kann, oder Stoffe, die sie zu viel hat und deshalb ausscheiden muss.

Begrenzung ermöglicht Kreativität. Ein wunderbares Beispiel dafür ist unsere Sprache. Sie baut auf zwei Dutzend Buchstaben und Lauten auf. Eine Beschränkung, die uns einen Reichtum eröffnet: von der Mundart bis zur wissenschaftlichen Sprache, von der Poesie bis zu gesetzlichen Vorschriften.

Begrenzung heißt auch Stabilität und damit Wachstum. Umgekehrt bedeutet das: Wenn wir Begrenzungen nicht anerkennen, handeln wir zerstörerisch. Die Deregulierung von Märkten in den vergangenen 40 Jahren hat zu massiven Schäden geführt. Das reicht von der Schwächung staatlicher Institutionen bis zu massiven Umweltzerstörungen. Die Sozialpartnerschaft in Deutschland mit einer starken Beteiligung der Gewerkschaften und Mitarbeiter in den Unternehmen ist eine der Wurzeln unserer wirtschaftlichen Kraft. Hätten wir sie nicht, würde das zwar den Profit Einzelner heben, würde aber zu sozialen Unruhen führen, wie es in anderen Ländern der Fall ist.

Wie notwendig lebendige Begrenzungen sind, können wir am eigenen Leib erfahren. Wenn wir als Kinder nicht in eine gesunde und liebevolle Familie eingebettet sind, hat das immer traumatische Folgen. Diese können sich über mehrere Generationen fortsetzen, wie die Forschung der Epigenetik inzwischen zeigt. Eine Familie ist selbst ist wieder ein Ganzes für sich. Als Familie sind wir es für unsere Kinder, als Unternehmen für einzelne Betriebseinheiten und für die Mitarbeiter, als Kommune für Nachbarschaften und Stadtviertel. Auch hier gilt: Wir beeinflussen uns wechselseitig. Deshalb ist die Fürsorge für das Ganze genauso wie für seine Teile immer auch ein Akt der Selbstfürsorge. Wenn wir uns über Jahre hinweg schlecht ernähren, beeinflusst das nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unseren körperlichen Zustand, unser Denken und Handeln. Und als Unternehmen können wir immer nur so gut sein wie unsere Mitarbeiter. Wenn wir sie als austauschbar betrachten und behandeln, werden wir niemals das Potenzial entfalten, wie wenn wir unsere Mitarbeiter in ihrer Einzigartigkeit sehen und fördern.

Im regenerierenden Handeln zeigt uns die Frage nach dem Zusammenhang unsere Wirkmacht auf. Und sie erschließt uns das, was auf uns wirkt: Was hat Auswirkungen auf uns und unser Projekt? Wie wirkt sich unser Handeln in welcher Tragweite aus?

Ein Beispiel: Eine Kollegin hat einen großen, wunderbar vielfältigen Garten. Sie hat die Idee, diesen Garten der Allgemeinheit zur Bewirtschaftung zur Verfügung zu stellen. Die Idee der Allmende. In einer Gemeinde, in der viele in Wohnungen ohne Garten oder Balkon leben, ist das ein wunderbarer Impuls, Gemeinschaft zu stiften. In einem Wohngebiet, in dem alle Häuser über große Gärten verfügen, wird die Idee verpuffen. Weil jeder mit seinem Eigentum genug zu tun und keinen Bedarf an weiterer Gartenfläche hat.

Wir erschließen uns unseren unseren Zusammenhang, unsere Einheit mit der Frage: Worin bin ich als Einzelne/r oder als Organisation?

Und daraus folgen weitere Fragen:

  • Wie groß ist dieses Worin? Eine Stadt wie München hat mit ihren Herausforderungen und Angeboten eine ganz andere Auswirkung auf ihre Elemente als ein kleines Dorf an der tschechischen Grenze. Zugleich ist auch die Außenwirkung eine ganz andere.
  • Wie beeinflusst mich dieses Worin? Was sind die Besonderheiten, die auf mich wirken? Und wie ist diese Wirkung?
  • Wie begrenzt mich dieser Zusammenhang? Welche Rahmen setzt er?

Wir sollten uns aber auch fragen: Welche Beziehungen, welche Zusammenhänge erschaffen wir mit unserem Projekt, unserem Unternehmen?

  • Wie groß ist dieser Zusammenhang?
  • Wie beeinflussen wir ihn?
  • Wie kann ich die Begrenzung fruchtbar für mich und meinen Zusammenhang machen?

Es lohnt sich dabei, ganz unterschiedliche Zusammenhänge für das gleiche Vorhaben zu prüfen. Unser Familienleben kann ich einmal als Teil der Nachbarschaft betrachten. Ich kann es innerhalb unseres größeren Familienverbandes mit seiner eigenen, generationenübergreifenden Kultur betrachten. Und ich kann mich dabei mit dem Einfluss, den Staat und Kirche haben, befassen.

Kernsatz 1: Wir sind eingebettet. Diese Wechselbeziehungen beeinflussen jedes seiner Elemente und werden zugleich mitgestaltet. Regenerierendes Handeln sucht danach, im Tun selbst diese Dynamik zu verstehen und zu gestalten.

  1. Czech, H. (2017). Der Umbau. In Österreichische Gesellschaft für Ar (Ed.), UMBAU 29. Berlin, Boston: De Gruyter. S. 10. http://doi.org/10.1515/9783035608830-002

 


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Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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