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„Wirklich eigenständig zu denken – diese Erfahrung kann süchtig machen“

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Kraftvolles, eigenständiges Denken – das ist die Qualität des Thinking Environments.

Im Denken liegt die Geburt unserer Individualität – zumindest wenn wir Descartes glauben. Doch ist es das tatsächlich? Wie steht es um das eigenständige Denken? Darüber habe ich mich mit der Coachin Marion Miketta unterhalten. Sie bietet bislang als Einzige in Deutschland die Ausbildung zum „Thinking Environment“ von Nancy Kline an. Darüber hat sie kürzlich ein Buch geschrieben.

Gabriel Fehrenbach: Denn meine Gedanken / zerreißen die Schranken / und Mauern entzwei / die Gedanken sind frei – heißt es in einem unserer Freiheitslieder. Aber sind sie das wirklich, unsere Gedanken? Sind sie frei?

Marion Miketta: Sie könnten auf jeden Fall viel freier sein als sie es üblicherweise sind. Unser Denken ist im Alltag in vielerlei Hinsicht gelenkt. Es bewegt sich in bestimmten Korridoren, ist an Erwartungen angepasst. Die Arbeit mit dem Thinking Environment ist diesbezüglich befreiend. Denn sie ermöglicht, aus diesen Korridoren auszubrechen, stärker in Kontakt zu kommen mit dem, was ich wirklich denke, was ich wirklich will. Wenn ich mich von diesen oft ja nur vermeintlichen Erwartungen von außen löse, können ganz frische, andersartige Dinge entstehen, von denen ich vorher nicht wusste. Wir sollten uns fragen: Was gewinnen wir, wenn wir uns weniger anpassen, sondern mehr eigenständig denken?

Für dieses eigenständige Denken aber braucht es Rahmenbedingungen, eine Verständigung auf bestimmte Werte. Da sind die zehn Komponenten des Thinking Environment z.B. die schöpferische Aufmerksamkeit, ein klarer Rahmen, auf den wir uns beziehen können.

Unser Denken unterliegt ja einem gewissen Paradox: Es ist kulturell geprägt, gleichzeitig ist es ohne Kultur gar nicht möglich. Wir denken in Bildern, wir denken in Sprache, das ist etwas, was bereits vorhanden ist, in das wir hineinwachsen, wenn wir das Sprechen und mit ihm auch das Denken lernen.

Wobei der Rahmen, so wie ihn das Thinking Environment anbietet, meiner Erfahrung nach kulturell übergreifend annehmbar ist. Natürlich gibt es Unterschiede. Die einen sagen, es tut ihnen gut, wenn sie angeschaut werden. Für andere ist das konfrontativ. Da kann es helfen zu sagen, ich bin präsent und leihe Dir mein Ohr, aber ich schaue Dich nicht an. Aber ich muss nicht alles verstehen, um dem Anderen einen Denkraum zu halten. Wenn die Grundlagen klar sind, dann geht das auch mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen oder aus einem anderen Kulturraum kommen. Ja, auch im Schweigen, wie ich es immer wieder erlebe.

Es ist etwas unglaublich Leichtes, Unspektakuläres in dieser Haltung: ich schenke Dir meine Aufmerksamkeit, damit Du für dich selbst denken kannst. Das ist ein altes Wissen, das es in den verschiedensten Kulturen so gibt. In unserer Gesellschaft mit ihrem Zeitdruck und der ständigen Erreichbarkeit ist es eine Herausforderung, sich das wieder anzueignen. Wir lernen da etwas, was manch andere längst schon wissen.


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Erfährst Du manchmal Widerstände gegen diese Methode?

Durchaus. Die Menschen sagen, eigenständig, selbst zu denken, das hört sich so vielversprechend an. Aber wenn sie dann mitten im Prozess sind, mit einem Dilemma konfrontiert und nicht weiter wissen, dann kommt der Widerstand. Denn dann sage ich als Gegenüber ja nicht, „Gut, dann war es das jetzt mit dem eigenständigen Denken – dann übernehme ich jetzt mal!“ Und mache dann Vorschläge oder gebe Rat. Im Gegenteil: Gerade in Momenten der Ratlosigkeit, des Nicht-Wissens und der Stille können die interessanten Dinge entstehen. Deswegen frage ich nur nach: „Was noch… denkst Du, fühlst Du, oder möchtest Du außerdem noch sagen?“ Der Kontext ist wohlwollend und basiert auf dem Vertrauen, dass jeder Mensch gut für sich selbst denken kann, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind. Diese stelle ich bereit. Die denkende Person kann sich dann auf unbekanntes Terrain bewegen. Das erfordert manchmal Mut. Es kann auch bedeuten, eine Schwelle zu übertreten, weil es so ungewohnt und ungeübt ist. Und manchmal haben Menschen darauf keine Lust oder vielleicht auch Angst davor.

Wenn man das aber immer wieder macht und sich selbst als eigenständig denkende Person erfährt, ist es so aufrichtend! Ich kann so gut für mich selber denken – diese Erfahrung kann im besten Sinne süchtig machen.

Auch in Unternehmen gibt es durchaus Irritationen. Sich Zeit zum Denken zu nehmen erscheint vielen als Luxus, den man sich im Grunde nicht leisten kann. Oft herrscht eine Atmosphäre von Getriebenheit, in der es eher als effektiv wahrgenommen wird, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, oder auch mal den Satz des anderen vollenden, weil man ohnehin weiß, was er sagen will und meint, es noch schneller auf den Punkt bringen zu können. Was dabei alles verloren gehen kann! Nicht nur kluge Gedanken, die nicht ausgesprochen werden, sondern auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit, der Mündigkeit – ja, ich würde sogar sagen, dass die Würde jedes Einzelnen dadurch unmerklich aber beständig beschädigt werden kann.

Aber ein paar Minuten ohne Unterbrechung für sich zu haben, um eigenständig denken zu können, ist entschleunigend und ungewohnt, weil es nicht den vertrauten Kommunikationsformen entspricht. Es braucht die Erfahrung, dass ich in manchmal nur zwei Minuten in so einem sicheren Raum in die Tiefe gehen kann und im Denken zu Ergebnissen oder Erkenntnissen gelange, die sonst nicht so leicht möglich sind. Erst dann wird Entschleunigung als wirklich effektiv wahrgenommen.

Welche Erfahrungen machen Unternehmen, wenn sie das Thinking Environment einführen und ausprobieren?

Ganz vielfältige. Wenn die Firma zum Beispiel ihre Sitzungskultur am Thinking Environment ausrichtet, heißt das, dass das Denken aller in der Sitzung anwesenden Personen gefragt ist. Dann fühlen sich die Menschen gesehen, respektiert, richten sich auf und können tatsächlich auch etwas beitragen. Die Denkinhalte und damit auch das, was dadurch entsteht, wird besser.

Es führt zu einer anderen Wahrnehmung von Zusammenarbeit und Vernetzung: Wir sind als Team oder Unternehmenseinheit dann gut, wenn jeder einzelne hier sein Bestes geben kann. Und das erreicht jeder einzelne dadurch, dass die anderen ihm einen Denkraum zur Verfügung stellen. Wenn die Menschen gefragt werden, was sie dazu denken, identifizieren sie sich stärker mit den Fragestellungen und gestalten mehr mit. Was dann gemeinsam erarbeitet wird, geht mehr in die Tiefe, ist gehaltvoller und tragfähiger. Denn es werden alle miteinbezogen. Die Unterschiedlichkeit der Positionen, der Menschen wird nicht nur deutlich, sondern auch fruchtbar gemacht für alle. Es findet einen Ausgleich statt zwischen den starken Wortführern und denen, denen es schwer fällt sich einzubringen, den Introvertierten. Die aber vielleicht eine kritische und wichtige Perspektive haben. Und wenn Führungskräfte ihren Mitarbeitern das eigenständige Denken nicht nur ermöglichen, sondern es auch fördern, dann kann das eine enorme Entlastung sein. Denn Verantwortung wird tatsächlich geteilt.

Ein Unternehmen, das Thinking Environment umfassend einführen will, muss sich allerdings zuerst die Frage stellen: Will ich das wirklich, dass meine Mitarbeiter eigenständig denken? Denn das ist nicht einfach nur ein „Tool“ oder Werkzeug. Es verändert die ganze Unternehmenskultur, wenn Menschen sich aufrichten und eigenständig denken. Ein „Hier wird gemacht, was ich sage“ und blinder Gehorsam sind dann nicht mehr möglich. Ebenso nicht, dass es finanzielle Anreize dafür gibt, sich gegen alle anderen durchzusetzen und am sichtbarsten zu sein. Wenn man es glaubwürdig und umfassend einsetzen will, muss man möglicherweise von alten Vorstellungen ablassen und seine Grundsätze in Frage stellen. Aber es ist vielversprechend. Firmen können so viel gewinnen, wenn sie statt Mitarbeitenden, die nur noch Dienst nach Vorschrift machen oder sogar innerlich gekündigt haben, mit Menschen arbeiten, die kritisch, wach und mit Selbstachtung im Sinne des Unternehmens mitdenken! Im Grunde ist es ein großer Verlust, auf dieses Wissen, diese Kompetenz nicht zuzugreifen. Wieviel Zeit verbringen die Menschen in ineffektiven Meetings, die nichts anderes sind als das Umsetzen von vorgefertigten Meinungen, ohne dass ein wirklicher Austausch, gemeinsames Denken passiert?

Was mache ich, wenn ich im eigenständigen Denken plötzlich mit meinen Schattenseiten konfrontiert bin?

Mit einem wohlwollenden Gegenüber kann es uns leicht und durchaus passieren, dass wir an Stellen kommen, wo wir uns fragen, ob wir da wirklich hinwollen. Das Schöne: dieses Gegenüber gibt uns gleichzeitig den Raum, mutig diese Schattenseiten anzuschauen. Denn es runzelt nicht die Stirn, kritisiert nicht. Wir dürfen in diesem Raum in unserer Ganzheit sein. Und das hilft. Die Schattenseiten sind dann nicht mehr so furchterregend. Sie sind vielleicht weiterhin mit Scham behaftet, aber auch die darf einfach da sein.

Das Thinking Environment konzentriert sich nicht allein auf unsere Gedanken, es erlaubt uns, uns vollständiger wahrzunehmen. Und wenn wir in diesen Denkraum eintreten – so ist meine Erfahrung – kann der Weg durchaus auch schnurstracks zu diesen Schattenseiten gehen. Und darin stecken viele Informationen, an die wir sonst nicht gelangen.

Wenn jetzt jemand Lust hat auf eigenständiges Denken – womit kann der anfangen?

Eine schöne und sehr einfache Einstiegsübung ist das „Thinking Pair“. Dazu braucht es zwei Personen, die Lust haben, das auszuprobieren. Die eine Person stellt der anderen die Frage: „Worüber möchtest du nachdenken und was sind deine Gedanken?“ Und schenkt ihr dann einen Raum und eine Zeit, in der die andere Person ihrem Denken nachspüren kann, in sich hineinlauschen kann: Was will jetzt hier entstehen? Worüber will ich tatsächlich nachdenken?“ Diese Person darf diesen Denkraum für sich in Anspruch nehmen. Mit dem Wissen, in diesen fünf Minuten nicht unterhaltsam sein zu müssen, nicht irgendwas Bestimmtes, leisten oder erreichen zu müssen. Sondern einfach nur einzutauchen in das eigene, eigenständige Denken. Während ihr Gegenüber sich darin übt, mit einer inneren Haltung des „Was noch?“ zuzuhören. Und nach fünf Minuten wechselt man die Rollen. So kann jeder beides lernen: das Zuhören sowie das eigenständige Denken. Beides hat mit Selbstwahrnehmung zu tun, mit sich selbst in Kontakt sein. Die zuhörende Person übt sich in einer Wahrnehmung ohne Urteil, ohne Bewertung und Steuerung. Und schafft damit Bedingungen, dass alles mögliche bei der denkenden Person auftreten darf: Zweifel, Nichtwissen, Ratlosigkeit, Ärger. Und für diese kann es eine so wunderbare Erfahrung sein, zu sehen: Ich kann da alleine durch, und das Ergebnis habe ich selbst und für mich entwickelt. Die andere Person hat mir „nur“ zugehört.

Die Kommunikation wie wir sie üblicherweise kenne und praktizieren, ist geprägt von einem schnellen Austausch; Frage – Antwort, zügiger Austausch von Informationen oder Meinungen. In vielen Fällen hat auch seine Berechtigung. Wenn ich den Weg zum Bahnhof wissen will, dann brauche ich eben genau diese Information. Nur passt diese Art der Kommunikation, nicht in jede Lebenssituation. Zum Beispiel dann nicht, wenn wir etwas Neues entwickeln oder auf eine andere Ebene kommen wollen, wo innovatives, kreatives, mutiges Denken gefragt ist. Leider unterscheiden wir das meistens aber nicht.

Vieles an diesem Ansatz ist einfach, verständlich, nachvollziehbar. Vieles lässt sich unmittelbar umsetzen. Und trotzdem ist es so schwer, es zu tun, weil es so unüblich ist. Es ist einfach zuzuhören, ohne zu unterbrechen, mit offenem Herzen und Wohlwollen. Doch vorher braucht es die Entscheidung: Möchte ich wirklich, dass die andere Person für sich eigenständig denken kann? Denn das stellen wir immer in Frage: Ich habe doch auch was anzubieten, der andere kann doch auch von mir lernen! Hat meine Gegenwart für den anderen noch Wert, wenn ich nichts mehr für ihn tue, sondern einfach nur präsent bin?

 

MARION MIKETTA lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie arbeitet als Time To Think Coach, -Facilitator und -Ausbilderin (www.merckerundmiketta.de/www.timetothink.com). Die Qualität des tiefen Zuhörens hat sie durch den vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh erfahren. Ihr Buch „Thinking Environment – Denkräume schaffen in Coaching und Beratung“ erschien beim Junfermann-Verlag.

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Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

3 Comments
  • Thomas Rehehäuser
    Posted at 09:01h, 01 Juni Antworten

    Danke für diese Interview. Tolle Gedanken zu dem Buch von Nancy Kline “Time To Think”. Schön, das MARION MIKETTA dies in Deutschland bekannt macht.

  • Rainer Hamann
    Posted at 13:55h, 04 Juni Antworten

    In der Arbeitswelt werden zunehmend ähnliche “gruppendynamische Zirkel” erprobt. Innerhalb des Siemens-Konzerns können internationale Think Tanks zu Fragestellungen gebildet werden (gelesen wahrscheinlich in “Das Magazin”, Siemens).
    Oder auch: Neue Innovationskraft dank New Work
    Ein Gastbeitrag von Stephan Peters, betterplace lab, Siehe: https://spielraum.xing.com/2017/11/neue-innovationskraft-dank-new-work/?pid=b7237_cnwsl&xing_share=news

    • Gabriel Fehrenbach
      Posted at 14:56h, 04 Juni Antworten

      Ja, und das ist wunderbar – danke für den Lesetipp.
      Was Thinking Environment so besonders macht: es integriert den ganzen Menschen, mit seinen Gefühlen, Widerständen etc. Und erst das, das wissen wir inzwischen auch aus der Wissenschaft, ermöglicht gutes Denken.

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