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Eigenmächtig machtlos

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Das Wort Macht hatte etwas Widerwärtiges für ihn. Eigentlich wollte er es nicht in den Mund nehmen. Nachdem es aber nun im Raum stand, weil ich es gesagt hatte, mußte er sich dazu verhalten. Und er tat es, in dem er es richtiggehend ausspuckte: „Macht“, so sagte er, „lehne ich ab. Einfluss, dieses Wort lasse ich gelten. Aber Macht? Nein! Der Begriff ist inakzeptabel.“

In unserer Haltung diesem Wort gegenüber sind wir eindeutig. Wir teilen die Welt klar ein, in jene, die Macht haben, und jene, die davon ausgeschlossen sind. Und sollten wir uns unversehens auf der Seite derjenigen wiederfinden, die Macht haben, einfach, weil wir über Bildung oder gewisse finanzielle Mittel verfügen, so ist dieser Zustand zumindest verbal zu überwinden. Denn das richtige Leben findet immer auf Seiten der Machtlosen statt, ihnen gilt unsere Solidarität. Wie aber soll diese Solidarität gelebt werden, ohne die Macht zu erlangen, um die gegebene Verhältnisse zu verändern? Wir ignorieren, dass dies paradox ist. Wir gestalten, aber nicht unter dem Begriff Macht, denn das hieße ja, auf der falschen Seite zu stehen. Wir verwenden andere Wörter und höhlen damit, bewusst oder unbewusst, den Machtbegriff aus.

Machtlosigkeit ist eine zutiefst menschliche Erfahrung. Wir werden geboren als Wesen, die alles in sich tragen und zugleich doch zutiefst abhängig sind von der Fürsorge anderer – unserer Eltern und unserer Gemeinschaft. Zu wachsen und erwachsen zu werden ist jener Prozess, in dem wir unsere Hilflosigkeit überwinden und Selbstwirksamkeit erlangen. Und doch ist dieser Weg gepflastert mit Momenten der Ohnmacht und der Begrenzung, der Erfahrung, dass wir nicht gegen die anderen, sondern nur in Verbindung mit ihnen wirksam sein können. Wir erlangen Macht -vor allem über unser eigenes Leben – nur, wenn wir unsere Machtlosigkeit anerkennen. Und erfahren dann am Ende, im Tod, dass wir tatsächlich machtlos sind angesichts der Vergänglichkeit allen Lebens.

Und doch ist die Erfahrung, dass es Macht gibt, so greifbar für uns – vor allem, wenn wir nicht die Macht selbst, sondern deren Ergebnisse anschauen – Reichtum, Besitz, Einfluss. Dann finden wir in unserem Alltag genügend Beispiele von Menschen, die zu Macht gelangen, die besitzen, die Erfolg haben: mein Haus, mein Auto, mein Boot. Wir können lesen, hören und sehen, wie ungleich der Reichtum verteilt ist und welche gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Ungleichgewicht hat.

Es gibt viele Geschichten rund um die Macht, und ihre Beziehung zum „Haben“ ist eine von vielen Perspektiven. Da geht es auch um Machtkonzentration, um die Fülle dieser Macht, die Geschichten erzählen von „Freiheit“, dem „Selfmademan“, dem Kapitalismus als einzig helfende Wirtschaftsform. Die andere Seite spricht vom Neoliberalismus, von der Ohnmacht des „kleinen Mannes“, dem System der Ausbeutung, Unterdrückung und Machtkonzentration, die stets bei den anderen zu finden ist.

Alle Perspektiven eint dabei die gleiche Vorstellung von Macht: als eine Ressource, die nur eingeschränkt vorhanden und daher sehr wertvoll ist. Der einen Seite geht es dann um die Konzentration dieser Ressource in ihren Händen, die andere beklagt genau jene Anhäufung und den Einfluss, den dadurch die wenigen auf das Leben der anderen haben. Und allen Perspektiven liegt die gleiche Angst zugrunde: Angst, das zu verlieren, was ich habe, Angst, dass andere mehr haben als ich, Angst, dass ich nicht genug bekomme. Mangel und Angst gehen einher.

Doch was wäre, wenn wir diese Annahme einmal umkehren? Was, wenn wir uns Macht nicht als knappes Gut, sondern als Fülle vorstellen, eine Fülle, die aus dem Miteinander, der Gegenseitigkeit und der Großzügigkeit entsteht? Wenn ich davon profitiere, wenn Du mächtig wirst, und Du profitierst, wenn ich Macht erhalte?

Dann taucht plötzlich die Frage auf: Weshalb bin ich nicht mächtig? Und was hat das mit mir – und eben nicht mit den anderen – zu tun? Und welche Wirkungen haben unsere Geschichten, die wir uns aus der Perspektive der Machtlosigkeit erzählen? Geht es ihnen wirklich um die Befreiung? Oder manifestieren wir nur unsere Machtlosigkeit mit ihnen? Denn solange die Verantwortung bei den anderen, beim System, beim Neoliberalismus oder wem auch immer liegt, geben wir die Verantwortung und damit zugleich auch die Möglichkeit zum Gestalten ab. Übernehme ich aber die Verantwortung, dann muss ich mich fragen: Welche Macht habe ich denn jetzt schon? Welche Macht kann ich erreichen? Und: was mache ich dann mit dieser Macht? Was gestalte ich damit und aus welchen Motiven heraus? Fragen, die wesentlich schwieriger zu beantworten sind, weil ich sie mir und nicht den anderen stellen muss.

Der Schleier der Macht

Ich war an einem Winterwochenende mit meiner sechsköpfigen Familie in den Bergen unterwegs und befand mich Sonntagmittag plötzlich in einer Zwickmühle. Denn als wir darüber sprachen, wer denn noch was unternehmen wollte, war sehr schnell klar: Jeder von uns, Eltern wie Kinder, hatte seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn die einen rodeln, die anderen aber nur heimfahren wollen, nur ein Auto da ist und zuhause noch Hausaufgaben und Vorbereitungen warten, dann gibt es keine Lösung, die alles befriedet. Diejenigen aber, die Macht und Verantwortung hatten, die Entscheidung zu treffen, waren meine Frau und ich.

Im Gespräch mit Kolleginnen später wurde mir klar, dass sich das Dilemma vor allem aus der Größe der Gruppe ergab. Eltern mit einem oder zwei Kindern stellen sich solche Fragen eher selten. Und wenn, dann werden sie meist durch Ausgleich geregelt. Deshalb werden wir in unserer Gesellschaft viel seltener mit familiären Machtfragen konfrontiert werden, wenngleich wir sie alle tagtäglich haben. Nur erlauben uns unsere Situationen, ihnen aus dem Weg zu gehen und uns ihren Fragen nicht stellen zu müssen. Wir blenden die natürliche und auch notwendige Hierarchie zwischen Eltern und Kindern aus, behandeln unsere Kinder als Partner, betrachten sie als gleichwertig, wo sie es doch in manchen Situationen einfach nicht sind. Uns als Eltern erwächst aus diesen Situationen eine Verantwortung, der wir durch vermeintlich partnerschaftliche Lösungen nicht gerecht werden. Wie schwer fällt es uns, ein klares Nein zu formulieren und dabei zu bleiben?

Wir können innerhalb von Organisationen ein ähnliches Phänomen der Machtverschleierung beobachten, wenn wir die zwei Großdiskussionen der vergangenen Jahre betrachten: agiles Arbeiten und darüber hinaus Selbstorganisation, wie sie insbesondere bei Frédéric Laloux abgehandelt wird.

Bei der Agilität geht es um Ermächtigung und Selbstermächtigung, aber über Macht wird nicht gesprochen, oder wenn, wird sie mit dem Begriff der Selbstorganisation umschrieben. Die Rollen, die es gibt, haben entweder eine fachlich begrenzte Macht oder sind explizit machtlos gestaltet. Damit wird ein System der Kontrolle und des Ausgleichs geschaffen, das innerhalb seines eigenen Kosmos funktionieren kann. Aber auch nur, weil es die Machtstrukturen des bestehenden Systems ausblendet: Die Teams sind selbstorganisiert, aber die hierarchische Organisation und die Kapitalstruktur der Unternehmen bleibt erhalten.

Auch die sich selbst als „Teal“ bezeichnenden Organisationen nach Laloux, die sich damit gerne einer höheren Bewusstseinsstufe zuordnen, blenden die Machtfrage vollkommen aus. Holokratie lässt sich aus der Perspektive der Machtfrage als der Versuch betrachten, Macht durch ihre kleinteilige Verteilung in Rollen und Regeln einzudämmen. Das Ergebnis ist Bürokratie, die mit Intransparenz einhergeht. Herkömmliche Organisationen arbeiten derweil mit unterschiedlich flachen Hierarchien, bei denen insbesondere Macht als Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und über Ressourcen zu verfügen, zentralisiert und deutlich beschränkt wird.

Auf politischer Ebene können wir schon länger zwei Bewegungen erkennen. Die eine nenne ich „Diffusion von Verantwortung“, die bürokratische Absicherung von Gefahren und Risiken durch Verordnungen. Dahinter verbirgt sich eine Verschiebung von Macht und Einfluss hin zu denjenigen, die Kapital haben. Denn alle Regelungen kosten in ihrer Umsetzung. Die Hygiene-Auflagen z. B., die Metzgereien heutzutage erfüllen müssen, können sich kleine Betriebe häufig nicht mehr leisten – sie sind auch gar nicht für ihre Dimension gemacht. Was daraus folgt, ist eine schleichende Marktbereinigung hin zu Großeinheiten. Machtgestaltung per Verordnung.

Die zweite Bewegung ist die „Rehierarchisierung“, die sich vor allem bei den Populisten aller Couleur findet. Denn ihre Forderungen nach einer Wiederbelebung früherer Zustände ist nichts anderes als eine Monopolisierung der Macht durch Ausgrenzung, ganz egal, ob es sich dabei um Flüchtlinge, Schwule und Lesben oder kulturelle Minderheiten handelt.

Nach Macht fragen

In keinem dieser Kontexte können wir Machtfragen lösen, indem wir sie ignorieren oder ausblenden. Denn unsere Vorstellung von Macht ist tief in unsere sozialen Regeln, unsere Institutionen und Organisationsformen eingewoben. Zugleich stellen sich die Machtfragen mehr denn je. Denn alle Herausforderungen, vor denen wir stehen – ob sozial, ökologisch oder wirtschaftlich –, lassen sich am Ende auf die Verteilung von Macht und Ressourcen herunterbrechen. Die Strukturen in der Kreativindustrie, die in der #MeToo-Debatte zum Vorschein kommen, sind Formen patriarchalischer Machtausübung. Unternehmen können die ökologischen Folgen ihrer Produktion nur deshalb ignorieren, weil unsere Gesetzeslage so ist. Und unsere Städte sind so unwirtlich, weil sich das Denken und die Entscheidungsprozesse, die zu den Planungen führen, allein auf die ökonomische Effizienz berufen und damit jeglichen Gestaltungsraum klein machen.

Machtfragen zu beantworten aber verlangt, Macht anders zu denken. Denn im Denken beginnt alles. Und nur mit anderem Denken, mit dem stetigen Hinterfragen unserer Annahmen und Vorstellungen, in der Konfrontation mit unserer Angst können wir anders handeln.

Was also bedeutet es, wenn wir uns Macht nicht als knappes Gut, sondern in Fülle vorstellen?

Weiterlesen:

Gabriel Fehrenbach

Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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