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Wir verkaufen billige Lösungen, wir wollen billige Lösungen" - ein Interview
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“Die Menschen verkaufen billige Lösungen. Und sie wollen billige Lösungen. Es ist immer ein Kampf.“

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Was bedeuten Finanzen für unser alltägliches Leben? Welche Verbindungen gibt es da mit den großen Exzessen und Problemen, die die Finanzwelt gerade erlebt? Was können wir für das Erwachsenwerden daraus lernen? Mihir Desai, Professor für Finanzen und Recht in Harvard hat darüber ein Buch geschrieben: “The Wisdom of Finance – Discovering Humanity in the World of Risk and Return.“ Anlass genug, mit ihm zu sprechen. (Das Interview im Original.)

Gabriel Fehrenbach: Mihir, in Deinem Buch untersuchst Du die Verbindungen von Finanzwelt und Kultur. Was hat Dich bei der Arbeit am meisten überrascht?

Mihir Desai: Die Arbeit an dem Buch begann mit meinem Vortrag „The Wisdom of Finance“. Ich bezog mich dabei nicht so sehr auf die Geisteswissenschaften. Allerdings wies ich darauf hin, dass unsere Vorstellungen über das Finanzsystem eng verknüpft sind damit, wie wir über unser Leben nachdenken. Beim Schreiben dann fiel mir auf, dass ich die Finanzkonzepte am ehesten über Geschichten erklären konnte. Also begann ich damit, Literatur und Kunst und Religion und Philosophie und Filme zu nutzen. Was mich am meisten überraschte war, wie einfach es war, diese Geschichten zu finden. Und ich bemerkte, dass die Konzepte, die wir in der Finanzwirtschaft verwenden, den gleichen Ursprung haben wie die Geisteswissenschaft selbst: Wie schaffen wir Werte und wie bemessen wir unser Leben?

Haben Sie dabei ein Erbe gefunden, das schwierig war?

Oh ja, absolut! Einer meiner Lieblingstexte über die Finanzwelt stammt aus dem Jahr 1688, „Confusión de Confusiones“ von Joseph de la Vega, eine unglaubliche Studie der Amsterdamer Börse zur damaligen Zeit. Darin beschreibt de la Vega, wie schrecklich das Finanzwesen ist, aber er spricht auch über die wunderbaren Seiten. Ja, unsere Finanzwelt hat ein schwieriges Erbe, das wollte ich in meinem Buch darstellen. Und ich wollte die guten Seiten wieder hervorholen.

Was brauchen wir, um die guten Seiten zu sehen: eine bessere finanzielle Bildung?

Bildung ist entscheidend. Einer der Gründe für die Dämonisierung der Finanzwelt ist, dass die Leute sie nicht verstehen. Selbst Leute, die im Finanzwesen arbeiten, verstehen die Idee dahinter nicht wirklich, ich sehe das regelmäßig in meinem Unterricht. Sie lernen es nur grob. Dabei ist die Finanzwirtschaft elementar für unsere Gesellschaft und das Leben eines jeden von uns. Wir müssen sie verstehen, damit wir leistungsfähige Bürger sein können. Wie sorge ich für mein Alter vor? Lohnt sich diese Ausbildung? Das sind alles Finanzfragen und für Leute, die das Finanzwesen nicht verstehen, fühlen sich eingeschüchtert, wenn sie sich damit beschäftigen. Und auch als Gesellschaft kämpfen wir gerade mit den unglaublichsten Finanzfragen: Altersvorsorge, Steuersystem und Staatsschuldenkrise.

Im Zentrum Deines Buches steht das Verhältnis von Prinzipal und Agent. Geht es dabei um Erwachsenwerden?

Wenn man sich einmal mit dem Prinzipal-Agenten-Problem auseinandergesetzt hat, kann man es überall sehen. Jemand übergibt eine Aufgabe an einen anderen. Der Prinzipal ist derjenige, der die Aufgabe delegiert, während der Agent im Auftrag des Prinzipals handeln sollte. Was es dabei kompliziert macht: Der Agent hat seine eigene Agenda, der er folgt, und der Prinzipal kann ihn nicht umfassend kontrollieren. Dieses Problem ist in der Tat das Problem des modernen Kapitalismus: diejenigen, die die Werte besitzen, kontrollieren sie nicht.

The Wisdom Of Finance, Mihir Desais neues Buch.

Das Prinzipal-Agent-Problem ist zugleich ein nützlicher Ansatz, um unser Leben zu betrachten. Viele Leute haben Schwierigkeiten damit, ihre eigene Agenda zu entwicklen. Sie verbringen ihr Leben im Auftrag anderer, ihrer Eltern, ihrer Erinnerungen and die Kindheit. Erwachsenwerden heißt, eine eigene Agenda zu entwicklen und diese auch zu vertreten. Aber manche bleiben ein Leben darin gefangen, Agenten für andere zu sein. Es ist leichter, dem Plan eines anderen zu folgen, statt einen eigenen zu entwickeln. Viele Mittzwanzigern suchen nach einem Weg, über ihr Leben nachzudenken und übernehmen die Träume ihrer Eltern oder die Ideen ihrer Freunde oder tun, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Mit dem Prinzipal-Agenten-Prinzip kann ich die Situation durchdringen: erfülle ich den Plan eines anderen oder entwickle ich meinen eigenen Plan? Man muß den Mut entwickeln, auf sich selbst zu hören. Einer der besten Ratschläge meines Vaters war: Lerne, auf deine Intuition zu hören. Es geht dabei nicht darum, immer deiner Intuition zu folgen, sondern, zu lernen, auf sie zu hören. Das ist eines der schwierigsten Dinge überhaupt. Es gibt so viel Lärm in der Welt, soviele, die uns sagen, was wir tun sollen und was nicht, was richtig und was falsch ist. Das muss man lernen auszublenden, um auf sich selbst zu hören. Du musst zum Prinzipal werden, nicht zum Agenten.

Es ist also immer ein Kampf?

Es git dafür kein Rezept, es ist immer ein Ringen. Leute verkaufen die ganze Zeit billige Lösungen und sie wollen auch billige Lösungen haben. Bei den meisten Büchern, die heutzutage erscheinen, gibt es am Ende immer zwei oder drei Empfehlungen, mit denen Du Dein Leben verbessern kannst. Ich habe mich dagegen gewehrt, weil es für mich keine einfachen Lösungen gibt.

Du beziehst Dich auch auf die biblische Geschichte von den Talenten. Wie betrachtest Du diese im Vergleich zur Geschichte vom Prinzipal und dem Agenten?

Die Parabel von den Talenten ist unglaublich, im Grunde sehr verstörend. Ein Herrscher – der Gott sein soll – geht weg und gibt seinen drei Bediensteten einige Talente. Talente waren Geld, an der Geschichte wurde mir klar, was Talente heutzutage bedeutet. Kurz gesagt, die drei Bediensteten erhalten unterschiedlich viel Talente – fünf, drei und eines – und sie tun unterschiedliche Dinge damit. Wir haben es hier also mit einem Prinzipal-Agenten-Setting zu tun, da der Herr seinen Bediensteten die Talente gibt, damit sie sich darum kümmern. Der erste Knecht bekommt fünf Talente, investiert diese und hat am Ende zehn Talente und der Herr ist sehr erfreut darüber. Der zweite Knecht hat drei Talente und macht daraus sechs, aber der arme Knecht, der nur ein Talent hat, hat Angst und er investiert nicht. Er vergräbt das Geld, gibt es dann sehr stolz zurück und sagt, „ich wollte sichergehen, dass ich es wirklich zurückgeben kann, hier ist es also, aber ich habe nichts damit gemacht“. Und er wird aus Gottes Reich ausgestoßen.

Die Geschichte geht einher mit der Idee der Wertschöpfung – Du bist Verwalter des Geldes anderer und, kurz gesagt, Du mußt die Kapitalkosten übertreffen, um Wert zu schaffen. Das Gleichnis zeigt auch gut die Arroganz, die viele in der Finanzwelt haben. Leute, die im Finanzbereich erfolgreich sind, schmeißen die Dinge durcheinander, weil sie denken „Ich habe eine Menge erreicht, deshalb bin ich ein guter Mensch. Die Menschen aber, die weniger erreicht haben, sind deshalb auch nicht so gut wie ich – so ist das Leben.“ Doch Finanzwissenschaften lehren einem das Gegenteil, sie lehren dich, wie bedeutend Glück für das Ergebnis ist. Wenn Du jemanden siehst, der behauptet er sein ein Finanzexperte, solltest Du davon ausgehen, dass er das wahrscheinlich nur aus Zufall ist. Du hast nicht die leiseste Ahnung, was von seinem Ergebnis seinen Fähigkeiten zuzuschreiben. Glück geht über Handwerk und es ist schwer, beides auseinanderzuhalten. Auch seine eigenen Ergebnisse sollte man nicht ausnahmslos seinen Fähigkeiten zuschreiben. Du solltest dabei bedenken, wieviel Glück Du hattest. Dieser Gedanke untergräbt hoffentlich die Arroganz der Leute in der Finanzwelt. (00:07:11)

Gibt es eine Geschichte, die die große Rolle des glücklichen Zufalls in der Finanzwelt beschreibt?

Ich erzähle die Geschichte von Samuel Johnson und John Milton, die sehr mit der Geschichte von den Talenten ringen und Trost finden im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. In diesem Gleichnis werden auch diejenigen, die erst am Ende des Tages zu arbeiten beginnen, die nicht viel besitzen, mit gleichem Lohn bezahlt. Das ist ein Gegenmittel zum sehr harschen Gleichnis von den Talenten.

Dann erzähle ich die Geschichte von Alexandra Bergson, der Heldin in der Novelle „O Pioneers“ von Willa Cather. Dieser Geschichte ist eigentlich ein Finanzlehrbuch, da geht es um Schulden, Merger und Risikomanagement. Bergson war unglaublich erfolgreich als Farmerin im Amerika des 19. Jahrhunderts, weil sie die Beziehung zwischen wirklichem Erfolg und Glück erkannt hat. Darum versucht sie erst gar nicht zu sagen, „ich bin sehr erfolgreich, weil ich sehr intelligent bin“. Sie sagt, „ich bin sehr erfolgreich und ich habe sehr viel Glück gehabt“. Für mich sollten wir so über unsere Erfolge nachdenken.

Geht es nicht im Leben vor allem darum, mit dem zu arbeiten, was um Dich herum ist, mit dem Leben, dass Dir gegeben wurde?

Vollkommen, ja. Der Grundgedanke beim Gleichnis der anvertrauten Talente ist ja, dass man seine Talente nutzen soll. Man steht selbst in der Verantwortung das Beste daraus zu machen und über das, was einem gegeben wurde, hinauszugehen. Vielen von uns wurden großartige Dinge gegeben. Und unsere Aufgabe ist es nun, das Beste aus diesen Gaben, diesen Ressourcen zu machen. Genau darum geht es auch bei der Wertschöpfung im Finanzbereich: Dir wurde Kapital anvertraut, also machst du besser das Beste damit, was du kannst und am besten übertriffst du Erwartungen. Nur die Erwartungen zu erfüllen, reicht nicht aus. Du must mehr machen, mehr beitragen.

Ist das nicht eine westliche Perspektive?

Möglicherweise, doch es stimmt auf alle Fälle mit dem Hinduismus überein und vielen Religionen, in denen Pflichten eine zentrale Rolle spielt. Wenn man die Bhagavad Gita liest, da geht es ganz zentral um Pflichterfüllung: So wie Arjuna und Krishna in der Bhagavad Gita streiten und die zentrale Aussage ist, als Krishna zu Arjuna sagt, „Du musst deine Pflicht erfüllen“. Doch keiner legt ein besonderes Augenmerk auf Besitz oder die materielle Welt. Es geht ums Zurückgeben und darum, einen Beitrag zu leisten. Sich anderen zu widmen, das ist ein Teil der Aufgabe. Ich denke, viele menschliche Impulse sind grundsätzlich universell.

Was bedeutet Dir dann der Gedanke der Wertschöpfung?

Es heißt mehr zu geben als man bekommen hat, in Finanzterminologie also die Kapitalkosten zu übertreffen und dies so lange wie möglich zu tun. Sein ganzes Leben lang daraufhin zu arbeiten, mehr zurückzugeben als man bekommen hat und zu wachsen, das ist der letzte Aspekt von Wertschöpfung, also weiter zu machen, neue Wege zu finden, so lange man kann. So wie John Wesley Mitchell, der Gründer des Methodismus, das Gleichnis von den Talenten benutzte: „Gib so viel zurück, wie Du kannst, so vielen, wie Du kannst, für so lange wie möglich und auf so vielen Wegen wie möglich, damit Du ein gutes Leben führst.“

Wie hat das Buch Dein Leben verändert?

Es war eine enorme Herausforderung für mich. Ich bin ein akademischer Ökonom. Ich bin es gewohnt, akademische Texte zu verfassen, was bedeutet, dass ich gelernt habe, genau das zu schreiben, was die Theorie und die Beweise hergeben und nicht mehr. Doch bei einem derartigen Buch mußt Du beweglicher werden und Verbindungen herstellen, die nicht wissenschaftlich belegt sind. Das zweite ist: mir hat das Buch die Möglichkeit gegeben, mit Leuten zu sprechen, mit denen ich sonst nicht geredet hätte. Die Leute, die das Buch lesen, sind nicht meine Studenten, sie lesen meine akademischen Arbeiten nicht. Aber ist ein großartiges Gefühl, wenn ich ihr Leben nur ein klein wenig mit einem solchen Buch verändern kann. Es war eine spektakuläre Erfahrung, es hat meine Erwartungen weit übertroffen, sowohl darin, wie schwer als auch wie lohnenswert es war. Im nächsten Buch möchte ich über die Probleme des Kapitalismus nachdenken, sie erklären und verstehen, was wir tun können. Es gibt offensichtlich eine Krise in der Art und Weise, wie wir über Märkte und Kapitalismus nachdenken. Vieles davon hat mit dem Prinzipal-Agent-Problem zu tun.

MIHIR DESAI ist Professor für Finanzen an der Harvard Business School and Professor für Recht an der Harvard Law School. Er beschäftigt sich mit Steuerpolitik, internationalem Finanzwesen und Unternehmensfinanzen. Er schreibt für The Washington Post, The Wall Street Journal, The New York Times und die Harvard Business Review. Mehr über ihn auf: http://www.mihirdesai.org

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Gabriel Fehrenbach

Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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