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„Ein Dorf kann attraktiv sein, egal wo es sich befindet.“

Denkfabrik der Dörfer

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Ein Gespräch mit Gerlinde Augustin, der Leiterin der SdL in Thierhaupten

Sie leisten Entwicklungsarbeit vor der eigenen Haustüre. Die Schulen für Dorf- und Landentwicklung in Bayern sind ein Ort des Lernens, was Kommunalpolitik eigentlich bedeutet, eine „Denkfabrik für Dörfer“, wie es die Augsburger Allgemeine mal betitelte. Ein Ort, an dem Bürgerbeteiligung ausprobiert und ausgehandelt wird, an dem Fragen wie Energiewende und Flüchtlingspolitik auf die vielfältige Situation vor Ort zurückgeführt wird. Und das schon seit über 25 Jahren. Weshalb sie auf besondere Weise Auskunft geben können, darüber wie Kommunen und damit auch Kommunalpolitik sich verändert hat und verändert.

Gabriel Fehrenbach: Wenn jetzt jemand in die Kommunalpolitik gehen will, welche Frage muss der sich stellen, die er sich vor zehn Jahren noch nicht stellen musste?

Gerlinde Augustin: Die ländlichen Kommunen haben sich sehr verändert, sie sind pluraler geworden, was Einstellungen, Meinungen, Schichten, politischen Einstellungen angeht. Die Altersstruktur ist eine andere. Themen sind anders. Wir sprechen heute von Innenentwicklung, von der Energiewende, von den Asylbewerbern und den Flüchtlingen. Und anderes wird kommen. Da ist für jeden, der in die Politik gehen will, die Frage: Kann ich gut mit Menschen kommunizieren, diese verschiedenen Interessen ausgleichen? Kann ich die Vorgehensweise in der Kommune verständlich erklären, sodass ich alle Menschen mitnehme?

Welche Dynamiken gibt es im ländlichen Raum?

Der ländliche Raum ist vielfältiger geworden, er ist interessanter geworden. Und die Kommunen sind aktiver. Früher gab es nur das Dorffest. Heute zeigen sie ihr Potential, was Geschichte, Natur, Kultur angeht. Sie vermarkten ihre Persönlichkeiten. Sie leben das Ehrenamt, auch wenn sich das verändert hat. Ich weiß nur nicht, ob das in den Städten angekommen ist. Da ist das Image des ländlichen Raumes zu Unrecht schlecht.

Das klingt danach, als hätte der ländliche Raum vor allem ein Image- und kein strukturelles Problem.

Strukturelles Problem hat er natürlich auch, aber der ländliche Raum als solchen, den gibt es ja nicht. Differenzierung ist dabei notwendig. Da stehen wir im südbayerischen Raum vor anderen Herausforderungen als in Oberfranken oder den ehemaligen Zonenrandgebieten. Durch die gute wirtschaftliche Situation verlagert sich der Druck auf die Wohnungsmärkte von der Stadt in den Speckgürtel. Die Gemeinden, die abseits liegen, müssen aufpassen, dass sie nicht die Verlierer sind. Das wiederum hängt von der Dynamik in der Gemeinde ab: versteht sie es, ihre Themen zu lösen, oder läßt sie sich treiben? Da kann es passieren, dass nebeneinander eine Gemeinde sich gut entwickelt, während die andere verschlafen bleibt und nicht auf neue Entwicklungen reagiert.

Gemeinden brauchen, um junge Familien anzuziehen, eine gute Infrastruktur. Da geht es nicht nur um die Kinderbetreuung, sondern auch ums Einkaufen. Auch um Möglichkeiten und Hilfsangebote für ältere Personen. Was habe ich für Mobilitätskonzepte? Gibt es Bürgerbusse, gibt es Möglichkeiten, in diesem Dorf zu leben, auch wenn ich vielleicht nicht mehr oder noch nicht zur arbeitstätigen Bevölkerung gehöre? Gibt es Mietangebote für junge Leute? Können die sich zuhause fühlen? Das ist das A und O für eine Gemeinde, damit sie vital bleibt. Wenn die Grunddaseinsfunktion gedeckt sind, das Arbeiten, das Wohnen, die Freizeit, die Kultur, die Begegnung, die Mobilität, dann ist ein Dorf attraktiv, egal wo es sich befindet. In den Randgebieten, in den Ortsteilen und Weilern, kann das schwierig werden, wenn keine Arbeit da ist, keine Grundversorgung.

Wann gelingt eine Dorfentwicklung?

Wenn die Bürger miteinbezogen werden. Dass man mit ihnen arbeitet, sie informiert und beteiligt, dass es Mitgestaltungs- und Mitplanungsmöglichkeiten gibt. Dann muss Politik sich erklären und Transparenz herstellen und alles muss gut mit den politischen Entscheidungsträgern gekoppelt sein. Man kann nicht die Leute arbeiten lassen und am Ende sagt die Politik dann nein. Anreize von der Politik halte ich durchaus für notwendig und sinnvoll, die Förderprogramme für die ländlichen Kommunen sind wichtig. Denn nicht alles läßt sich über das Ehrenamt regeln.

Manfred Hellriegel hat einmal vom Misstrauen zwischen der Politik und den Bürgern gesprochen. Wie müssen sich unsere politischen Ämter in den Kommunen weiterentwickeln?

Wir müssen die Sorgen und Ängste annehmen, auch wenn wir ihnen nicht zustimmen. Wir haben Vollbeschäftigung und dennoch gibt es Verlierer, gibt es Menschen, die haben das Gefühl, man nimmt ihnen etwas weg. Da braucht es das persönliche Gespräch. Wir Bildungsträger müssen die Politikern dabei unterstützen, wie sie mit Aggressionen und anderen Ansichten umgehen. Bildung ist grundsätzlich entscheidend. Sie hilft, den Blick von der eigenen Meinung auf das Größere und Ganze zu richten. Und auf Menschen und auf andere Kulturen, so dass wir dabei erfahren: das sind Menschen, die einfach nur anders leben.

Bürgermeister haben eine sehr schwierige Rolle, nicht nur, weil sie das alles austarieren müssen. Sie wollen wiedergewählt werden, oft hängt auch die eigene Existenz davon ab. Wenn Bürgermeister abgewählt werden, fallen sie häufig in eine Lebenskrise. Deshalb braucht es eine gewisse Absicherung.

Und zu dieser Arbeit muss man geboren sein. Denn es gehört so viel dazu. Als Bürgermeister müssen sie immer mehr mehr wissen, mehr können, besser informiert sein als die anderen. Sie müssen kommunizieren, Stimmungen auffangen und mit ihnen umgehen, Konflikte durchstehen, die Gemeinde voranbringen, Veränderungen anstoßen. Sie müssen fachlich fit sein. Bauleitplanung ist ja eine eigene, zentrale Aufgabe der Gemeinde. Und bedenken Sie: es gibt das Berufsbild des Bürgermeisters nicht. Deswegen ist auch eine gute Verwaltung so zentral.

Auch für Gemeinderäte ist die Aufgabe herausfordernder. Die Prozesse sind in unserem Land so kompliziert geworden, es gibt so vieles, auf das sie achten müssen, sie können überall Fehler machen. Als Gemeinderat müssen sie sich gut informieren und vorbereiten. Sie sollten wissen, worüber sie entscheiden. Manche Gemeinderäte nehmen das nicht ernst, verfolgen eigene Interessen. Das darf nicht sein, schließlich sind sie vom Volk gewählt. Aber das Amt ist erfüllbar.

Stadt und Land, auf beides gibt es einen politischen Fokus. Und dann gibt es das große suburbane Zwischending, um das sich niemand kümmert. Sie auch nicht?

Auch für diesen Verdichtungsraum braucht es Qualität, seien es Neubaugebiete oder Gewerbegebiete. Ein Gewerbegebiet muss nicht hässlich sein, das kann man von den Voralpen lernen. In Verantwortung stehen da die Kommunen, sie sind die gestaltende Kraft, in der Bauleitplanung, dem Flächensparen, der Baukultur. Nur, was Gestaltungsfragen angehen, haben wir ein Defizit. Baukultur wird als Luxusthema betrachtet, es wird so schnell mit Geschmack in Verbindung gebracht. Für die Qualität brauchen wir aber Kriterien, die unabhängig sind von der Mode.

Reichen denn die Planungsmittel, die wir haben, um da auch über Gemeinden hinweg eine gute Planung hinzukriegen? Oder brauchen wir andere politische Instrumente?

Die Politik hat ja gerade die Bauleitplanungsvorgaben gelockert. Früher gab es das Anbindungsgebot, das hat eine organische Entwicklung und gute Strukturen geschaffen. Es gibt Ortskerne und darum herum Wiesen, Grünflächen, eine Vielfalt.Letztlich ist auch das eine Form des Flächensparens.

Mit dem Landesentwicklungsprogramm hat unser Gesetzgeber das gelockert und damit dem Wildwuchs Tür und Tor geöffnet. Anders kann ich das nicht benennen. Und solch ein Wildwuchs bedeutet noch mehr Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Aber das sind schwache Instrumente, bei dem immensen Druck, der bei uns herrscht. Geld oder ein Gesetz sind starke Instrumente. Auch das Bundesbaugesetz wurde so geändert, dass Gemeinden ohne Umweltprüfung Baugebiete ausweisen können. Kommunen freut das, weil sie mehr Gestaltungsspielraum haben. Doch ich sehe die Entwicklung skeptisch.

Mein Eindruck ist, dass es für die Grossräume wie München oder Nürnberg keinen politischen Willen zu einer übergeordneten Planung gibt. Eine, die die Frage beantwortet: Wie steuern wir die 50.000, die jährlich nach München und das Umland ziehen? Das wird auf die Gemeinden abgewälzt.

Bauleitplanung ist eine kommunale Aufgabe, es ist eine Uraufgabe der Gemeinden. Und manche Gemeinden weisen deswegen auch keine Neubaugebiete mehr aus. Sie sagen: Wir müssen parallel die Infrastruktur mitentwickeln und das wollen und können wir nicht. Aber solch eine Entscheidung allein hilft nicht. Ja, die Aufgabe wurde an die Kommunen delegiert und diese stehen nun alleine da. Die großen Richtlinien und Strategien der Politik fehlen. Dafür wird die Konkurrenz zwischen den Kommunen angefeuert. Wir können das in Augsburg beobachten, wo das Klinikum nun Universitäts-Klinikum wird. Die Gemeinden weisen aus, wo sie können, nur damit sie auf alle Fälle etwas von dem Kuchen abbekommen. Aber ob sie die Gebiete auch füllen können, ist vollkommen unklar.

Das gleiche gilt für den Einzelhandel. Überall werden diese Supermärkte gebaut, die sich untereinander Konkurrenz machen und gleichzeitig die Ortskerne ausbluten lassen. Das sind Großkonzerne. Wenn ein Laden nicht funktioniert, wird er geschlossen. Anders als die kleinen Läden, die gewachsen und mit dem Ort verbunden sind. Die kalkulieren anders, machen nicht so schnell zu. Sie bieten anderen Service an, Lieferdienste zum Beispiel. Mit solch einem Laden kann ein Ort seine Attraktivität halten. Das wissen wir von unseren Dorfladenseminaren. Genauso wie mit Schulen. Es gibt immer Möglichkeiten zum Gegensteuern. Aber es ist einfacher, den Trends nachzurennen.

GERLINDE AUGUSTIN ist Geographin. Sie leitet die Schule für Dorf und Landesentwicklung in Thierhaupten.

 


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