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Als gäbe es kein Ende

Wohnen heute und damals

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Was wir aus unserem Umgang mit Boden lernen können 

Weshalb wird dieser Wohlstand als private Wohnfläche realisiert und nicht in Gemeinschaftseinrichtungen, und weshalb verwenden die Konsumenten ihre wachsenden Einkommen immer noch dazu, ihre Wohnfläche auszuweiten? Eigentümlicherweise wachsen die Wohnflächen und der Wert ihrer Ausstattung sprunghaft, während das, was in der Wohnung notwendigerweise noch erledigt werden muss, rapide zu schrumpfen scheint.“ Hartmut Häußermann, Walter Siebel1

37,2 Quadratmeter. So viel Wohnfläche hatte jede und jeder in Deutschland zur Verfügung, als die beiden Soziologen Häußermann und Siebel 1996 ihr Buch über das Wohnen schrieben. Verglichen mit der Situation nach dem Krieg war das luxuriös. Damals standen jedem gerade einmal 14,9 Quadratmeter qm zur Verfügung.

Doch bei 37,2 war nicht Schluss. Das Bedürfnis, die eigene Wohnfläche auszuweiten, hält an. Inzwischen sind wir bei mehr als 46 Quadratmetern angelangt. Die Mehrheit der Menschen in Großstädten lebt alleine, auf 68,3 Quadratmetern. Die 14,9 Quadratmeter von 1950 sind nur unwesentlich mehr als jene 13 Quadratmeter an Parkplatz, die ein Auto in der Stadt im Durchschnitt braucht. Und während sich wenige Jahre nach dem Krieg 4,7 Menschen eine Wohnung teilten, sind es heute nur noch zwei Personen pro Haushalt. Wir leben auf mehr Platz mit weniger Menschen. Die Frage also der beiden Soziologen, warum wir unsere Wohnfläche immer mehr ausweiten, ist hochaktuell. Obgleich sie inzwischen 20 Jahre alt ist.

Die Frage nach dem Flächenverbrauch ist dabei nur eine, die Häußermann und Siebel stellen. Die Frage nach der Wohnungsnot ist die zweite, der sie in ihrem Buch nachgehen. Und auch die ist, obgleich sie sich über die Jahrzehnte gewandelt hat, weiterhin aktuell: 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen laut einer aktuellen Studie in deutschen Großstädten.

Es lohnt sich also, beide Fragen zusammenzudenken: Wieso wohnen bei uns immer weniger Menschen auf immer mehr Fläche? Und weshalb haben wir in vielen Städten nicht genügend Wohnraum? Nicht, um die scheinbar naheliegende Antwort zu geben. Sondern um an den beiden Fragen zu erproben, wo wir verschwenderisch mit Boden umgehen. Und weshalb wir die Probleme, die damit einhergehen, nicht lösen.

Die Welt hinter den Zahlen

Untersuchen wir doch einmal die 46,5 Quadratmeter, auf denen jeder einzelne von uns wohnt — Sie genauso wie ich. Und betrachten wir dabei vor allem, welcher Flächenverbrauch damit tatsächlich einhergeht. Denn die 46,5 Quadratmeter sind die einzige Fläche, die wir statistisch einer Person direkt zurechnen können. Aber nicht die einzige, die wir für unser Leben benötigen. Mit den 46,5 Quadratmetern beginntder Verbrauch. Und sie führen uns zu all den anderen Flächen, die wir verwenden, konsumieren, überplanen und zubetonieren, damit wir uns ein derart funktionsloses Wohnen, wie wir es leben, leisten können.

Funktionslos ist unser Wohnen, weil unser Leben funktionell ausdifferenziert ist. Denn fast alles, was wir zum Leben benötigen, erarbeiten wir uns nicht selbst. Weder die Nahrung noch die Kleidung noch die Dinge des täglichen Lebens. Wir lassen sie machen. Und leben dadurch in einer großen Abhängigkeit.

Bis die Lebensmittel auf unserem Tisch landen, haben sie einen langen Weg hinter sich. Bei einem Liter naturtrübem Apfelsaft können das zwischen 565 und 1.908 Kilometer sein, wie die Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik 2007 herausgefunden hat. Und diese durchschnittlich 1.145 Kilometer bedeuten viele Stationen, viel Fläche. Angefangen bei der Tier- und Pflanzenzucht, die einhergehen mit weiteren Flächen für Futterpflanzen, plus dem Flächenverbrauch für die Technik. Daran schließen sich die verarbeitenden Industrien an (weitere Fläche), mit ihrem je eigenen Bedarf an Rohstoffen und Vorprodukten, Verpackungs- und Büromaterial, Maschinerien (weitere Flächen und Ressourcen). Es folgen der Handel mit seinen unterschiedlichen Lager und Zwischenstationen bis hin zu den großen Supermärkten (Flächen, Flächen, Flächen). Dort holen wir die Nahrung dann ab, bringen sie nach Hause und lagern sie im Kühlschrank oder in der Vorratskammer (weitere Flächen).

Der ganze Ablauf ist nur durch einen vielfältigen Transport möglich, der seinerseits — genau — Fläche verbraucht: direkt in Form von Straßen, Park-, Logistik- und Umschlagpätzen. Indirekt, weil jeder Transport Energie in Form von Strom oder Öl benötigt. Und für deren Erzeugung wir wiederum auf Fläche angewiesen sind.

Jede unserer Lebensäußerungen ist inzwischen in eine derartige Kette eingebunden, jede mit dem dazugehörigen Flächenverbrauch:

  • Die Begleitung unserer Kinder (Krippe, Hort, Schulen, diverse andere Bildungsangebote wie Sportvereine etc., Verkehr)
  • Unsere medizinische Versorgung (Arztpraxen, Krankenhäuser, Verkehr) und die Betreuung der Alten in Pflegeheimen und Anlagen für betreutes Wohnen (Flächen).
  • Unsere Arbeit (Büro, Technik, dazugehörende Dienstleister, Verkehr etc.)
  • Unsere Freizeitangebote (Sportaktivitäten, Kulturangebote, der Medienmarkt, die ganze Tourismusbranche mit ihren sehr vielfältigen Ausformungen, die inzwischen so weit gehen, dass ganze Städte und Gebiete zu touristischen Sonderzonen werden. Gehen Sie nur einmal nach Venedig oder in einen der Disneyland-Parks).
  • Dienstleistungen wie Wasser, Abwasser und Müllentsorgung oder Telekommunikation, die wiederum eigene Fläche benötigen.

Je weniger wir also Zeit in unseren Wohnungen verbringen, desto mehr Fläche brauchen wir außerhalb. Und dahinter verbergen sich auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Denn Boden ist eine nicht vermehrbare Ressource. Boden ist inzwischen sehr knapp.

In Regionen mit hohem Zuzug wie München, Stuttgart oder Frankfurt, aber auch in kleineren Orten wie Augsburg und Regensburg, führt das zu einem massiven Preisanstieg. Nicht nur bei den Mieten, sondern auch bei den Bodenpreisen. Boden ist schlicht zu einem Spekulationsobjekt geworden ist, obgleich er — neben Luft und frischem Wasser — zu den Grundvoraussetzungen menschlichen Lebens gehört.

Die wirtschaftlichen Interessen sind vielfältig. Alle, die an der Herstellung von Wohnraum beteiligt sind, profitieren davon, wenn mehr Fläche verbraucht wird: die Bauträger, die Baustoffindustrie, die Architekten. Bei ihren Kosten verweisen sie in der Regel auf die gestiegenen Bodenpreise und verschleiern dabei, dass sie mittels Standardisierung und Qualitätsminderung ihre Gewinnspanne erheblich vergrößern.

Dann kommen all jene, die die ganze Bauwirtschaft finanzieren: die Banken, die Bausparverträge verkaufen, Kredite an die zukünftigen Besitzer vergeben und die Bauindustrie mitfinanzieren. Es gibt die Kommunen, für die Flächenverkauf und Flächenbebauung immer einhergehen mit entsprechenden Steuereinnahmen. Den Staat, der über die Umsatzbesteuerung ebenfalls davon profitiert. Und dann gibt es weniger offensichtlich Beteiligte, für die die Automobilindustrie ein gutes Beispiel ist. Jedes Baugebiet, das fern von Innenstädten und Ortszentren erschlossen wird und mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht zu erreichen ist, macht uns abhängig von privater Mobilität. Auf Jahrzehnte. Jede Zwischenstufe, die im Handel eingezogen wird, jedes Land, das in unser Wirtschaftssystem integriert wird, bedeutet mehr Transport und folglich mehr Bedarf an entsprechenden Transportmitteln.

Die 46,5 Quadratmeter stehen noch für eine weitere Dimension, die unserer Kultur. Dann erzählt diese Zahl von der Art und Weise, wie wir uns das Wohnen vorstellen, wie wir konkret leben und welche Annahmen und Weltbilder wir damit ausdrücken.

Vor allem ein Modell hat sich im letzten Jahrhundert durchgesetzt, nämlich das bürgerliche mit der Zwei-Generationen-Familie: Vater, Mutter und ein bis zwei Kinder. In ihrer Soziologie des Wohnens beschreiben Häußermann und Siebel sehr genau die unterschiedlichen Interessen und Ansätze, die zu diesem dominanten Lebensmodell geführt haben. Staatlicherseits war es das Interesse, am Ende des 19. Jahrhunderts die soziale Not und die Unruhen in den wachsenden Städten zu befrieden. Bei den Industriellen gab es die Erwartung, die firmenzugehörigen Arbeitskräfte möglichst effizient zu nutzen. Das traf auf eine Bevölkerung, deren großer Wunsch es war, am entstehenden Wohlstand teilzuhaben. Und der drückte sich zuvorderst im Eigentum oder zumindest im eigenen Wohnraum aus. Eine dritte Bewegung — die frühsozialistische, die soziale Befreiung anstrebte — wurde dabei gesellschaftlich an den Rand gedrängt.

Und in der Welt unserer Neubaugebiete und in den Katalogen der Fertighaushersteller gilt dieses kulturelle Modell immer noch, obgleich die gesellschaftliche Realität längst eine andere ist. Da ist die Kernfamilie nur noch ein Lebensentwurf unter vielen, aber nicht mehr der dominante. In Großstädten überwiegen inzwischen die Single-Haushalte. Die Ehe für alle anerkennt auch andere Beziehungsformen als die von Mann und Frau. Und lebenszyklisch betrachtet ist das Modell, wenn es tatsächlich gelebt wird, nur eine Phase, die etwa 25 bis 30 Jahre umfasst. Das ist nicht einmal die Hälfte unserer durchschnittlichen Lebenszeit.

Kleinfamilien sind nur ein Zwischenschritt eines kulturellen Prozesses. Zu den Familienverbänden gehörten früher Dienstmägde und Gesellen ebenso wie Wanderer und Menschen auf der Flucht, die nur kurzfristig am Leben des Großverbandes teilhatten. Heute sind Bedienstete nicht mehr Teil des Haushaltes, werden nur bei Bedarf hinzugezogen, vor allem haben sie eine eigene Wohnwelt. Und auch die unproduktiven Familienmitglieder, die arbeitsunfähig gewordenen Großeltern, sind nicht mehr Teil der Familie. Am Ende dieses Prozesses der Ausschließung und Auflösung steht wohl der Single-Haushalt.

Ein Denken auf Messers Schneide

Realer Verbrauch, wirtschaftliche Interessen, kulturelle Bedingungen — diese drei Perspektiven auf die Komplexität unseres Wohnens helfen uns, die vielfältigen Prozesse und Dynamiken zu verstehen, die zu dem führen, was wir „unsere vier Wände“ nennen. Es sind eben nicht einfach nur Gewohnheiten und Bedürfnisse, die zu unserer Art des Wohnens führen. Denn auch sie sind geprägt und gestaltet, durch kulturelle Vorstellungen ebenso wie durch unser Rechtssystem, durch technische Entwicklungen ebenso wie durch den Reichtum, den wir erworben haben.

Jede Frage, die wir klären wollen, sei sie politisch, ökonomisch, sozial oder ökologisch, steht immer in einer solchen Komplexität. Wir kommen um diese Komplexität nicht herum. Und wenn wir meinen, die Welt herunterbrechen zu können auf das Einfache und Verständliche, richten wir Schaden an. An der Welt und an unserer Fähigkeit, in der Welt zu handeln. Antworten, die der Realität angemessen sind, finden wir dann, wenn wir uns dieser Komplexität aussetzen und unser Denken durch sie verändern lassen. Weshalb? Weil unser bisheriges Denken in Rastern, Details und Strukturen selbst Teil des Problems ist. Neues Denken entsteht jedoch dann, wenn wir unser herkömmliches Denken an der ganzen Widersprüchlichkeit der Welt, die nur eine Widersprüchlichkeit dieses Denkens ist, zerschellen lassen. Wenn wir uns — wie es das Sprichwort beschreibt — auf Messers Schneide bewegen.

Was uns dabei hilft, sind Fragen. Fragen, die unser Denken öffnen, die uns unsere Blockaden, Annahmen und Sackgassen aufzeigen. Fragen, die uns helfen, unsere Ideen zu betrachten und erneut zu hinterfragen:

Wie können wir bewusst und aus uns selbst heraus handeln?

Es mag überraschen, hier mit einer Frage nach uns selbst und unserem eigenen Handeln zu beginnen. Aber keine Lösung, kein Weg, den wir einschlagen, wird funktionieren, wenn wir unser eigenes Handeln ignorieren. Wenn wir gegen unsere innere Motivation arbeiten, statt unsere Besonderheit und Einzigartigkeit auszudrücken. Der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki hat es einmal so formuliert, dass wir keinen anderen Kopf über unserem eigenen haben sollen. Unsere innere Motivation, unseren Ruf zu vernehmen und danach zu handeln — darum geht es. Tun wir das nicht, werden wir krank oder depressiv. Und am Ende ziehen nicht nur wir uns zurück, sondern auch unser Umfeld degeneriert.

Um zur Essenz unseres Lebens zu gelangen, müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein. Daniel Pink hat in seinem Buch Drive2 drei benannt: Autonomy/Selbstbestimmung, also der Wunsch, dass wir unser Leben selbst bestimmen und gestalten. Mastery/Perfektionierung als der Wunsch, dass wir uns in dem, was wir tun, stetig verbessern. Purpose/Sinnerfüllung als der Wunsch, dass wir mit unserer Arbeit etwas dienen, das größer ist als wir selbst.

Wie stärken wir damit unsere Einzigartigkeit?

Ein wesentliches Merkmal aller lebenden Systeme (und dazu gehören Organisationen ebenso wie Kommunen, Firmen ebenso wie Familien, Plätze ebenso wie Projekte) ist, dass sie einzigartig sind. Und dass sie ihr volles Potential nur dann entfalten, wenn sie sich dieser Einzigartigkeit bewusst sind und sie auch leben können. Unterdrücken wir diese Einzigartigkeit durch Konformismus, Standardisierung oder autoritäre Führung, mindern wir das Leben und lassen es degenerieren.

Die Frage nach der Einzigartigkeit führt weiter: Wie gelingt es uns, in dem, was wir tun, alle zu stärken? Wie können wir also nicht nur unsere eigene Einzigartigkeit befördern, sondern auch die all jener, die daran beteiligt sind? Ein Perspektivwechsel kann uns dabei helfen. Er führt weg von der Frage, wer was macht, hin zur Frage: Was ist der Beitrag, den nur Du und kein anderer leisten kannst?

Wie mehren wir unsere natürlichen Grundlagen?

Unsere Art zu wirtschaften und zu handeln basiert auf der Ausbeutung von Ressourcen. Damit entziehen wir uns langfristig selbst die Grundlagen, die wir zum Leben brauchen. Die Vermüllung der Meere, der Verlust der Artenvielfalt, Klimaveränderungen — die Folgen unseres Handels zeigen uns das tagtäglich. Nur nachhaltig zu sein, reicht dabei nicht aus. Denn das Konzept der Nachhaltigkeit missversteht lebende Systeme. Und es limitiert uns in dem, was wir leisten können. Wie jedes andere lebende System haben wir Menschen ebenfalls die Fähigkeit, die Strukturen, die wir zum Leben brauchen, zu stärken. Mehren statt zehren. Das ist der Maßstab.

Wie lösen wir ressourcenverbrauchende Abhängigkeiten auf?

Unser Leben basiert darauf, dass wir die meisten Funktionen und Aufgaben auslagern und an andere abgeben. Unsere Form des Wohnens spricht diesbezüglich Bände. Je weitreichender und tiefer diese Abhängigkeiten sind, desto größer ist der Flächenverbrauch. Denn jede Form von Auslagerung bedeutet Entfernung, Transport, weitere Ressourcen. Ein einfaches Beispiel: Welchen Aufwand und welcher Ressourcen bedarf es, wenn ich mir eine Suppe mit Tomaten aus meinem Garten koche? Und welcher Aufwand, welcher Ressourcenverbrauch steht hinter der Tomatensuppe, die ich mir als Konserve im Supermarkt kaufe?

Spannend aber ist, was dabei mit mir passiert. Denn statt Ressourcen zu verbrauchen, befähige ich mich plötzlich selbst. Das Kochen der Suppe erfordert weitaus mehr Fähigkeiten als das schlichte Erwärmen einer Konserve. Und diese Fähigkeiten zu erlernen und zu praktizieren, stärkt. Die gleiche Erfahrung können wir in Kommunen und Gemeinschaften machen, ja auch in Organisationen. Es ist ein viel größerer Akt der Gemeinschaftsstiftung, wenn eine Gemeinde ihre Turnhalle mit großem ehrenamtlichem Engagement weitgehend selbst baut, als wenn sie sie von einem Bauträger errichten lässt. Und ein solches, mit den eigenen Händen errichtete Haus nimmt in der Gemeinde einen ganz anderen Platz ein.

Wie stärken wir das Ganze?

Notwendig ist auch, unsere Strukturen und Rahmenbedingungen zu verändern. Wir erschaffen uns häufig Ordnungen, die zerstören. Weil sie (kurzfristig) zwar eine gute lokale Entwicklung hervorbringen. Langfristig aber dem größeren Zusammenhang schaden, und damit am Ende auch uns vor Ort. Ein Beispiel ist die kommunale Eigenständigkeit. Politisch ein hohes und wertvolles Gut. In Verbindung aber mit den Einnahmequellen der Gemeinden führt sie zu massiven ökologischen Fehlentwicklungen, vor allem in Ballungsräumen. Denn statt einer übergeordneten Flächensteuerung, die den Belangen der ganzen Region Rechnung trägt, schaffen wir einen kommunalen Wildwuchs, der allen schadet. In jeder Gemeinde ein Gewerbegebiet, ein Einkaufsgebiet. Viel Flächenverbrauch, viel Verkehr ist die Folge. Und zugleich sterben die Zentren aus: der Donut-Effekt.

Wenn wir über Ordnung nachdenken, müssen wir uns fragen, in welchen größeren Zusammenhang wir eingebunden sind. Welche Dynamiken herrschen sowohl in Bezug auf das Größere als auch all jene Elemente, die mit uns auf einer Ebene stehen? Und auf welcher Ebene muss die Frage, die ich mir stelle, überhaupt beantwortet werden?

Wie stärken wir unsere politischen Strukturen?

Wirtschaftliches Denken ist durchdrungen von der Unvereinbarkeit von Markt und staatlicher Ordnung. Deshalb zieht alles Handeln auf das Schwächen von politischen Strukturen ab. Oftmals lautet das Argument, staatliches Handeln würde nie die gleiche Effizienz hervorbringen wie der Markt. Nur, der Markt befreit nicht von Ordnung, vielmehr ersetzt er die staatliche durch seine eigene, die wesentliche Beteiligte am Geschehen systematisch ausblendet und ausgrenzt: die Natur, Kommunen und lokale Gemeinschaften, Mitgestaltende wie Arbeiter und Zulieferer, sozial Benachteiligte, Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft. Dabei gibt es sehr viele Beispiele, die zeigen, dass Wohlstand insbesondere dann entsteht, wenn eine starke Wirtschaft auf eine starke staatliche Ordnung trifft. Die deutsche Wirtschaft ist gerade wegen der Sozialpartnerschaft so stark. Dank der Integration der Arbeitnehmerinteressen in die Unternehmen, sei es im Aufsichtsrat oder durch die Betriebsräte, haben wir weitaus weniger Streiks als in Frankreich und Italien.

Politisch heißt das, verlorenes Terrain zurückzugewinnen und neue Formen stärkender Regulierung zu entwickeln. Es heißt, politische Strukturen wie Ämter und Prozesse weiterzuentwickeln und wo nötig zu ergänzen. Eine regionale Flächensteuerung z.B. kann nur mit einer hohen Bürgerbeteiligung entstehen. Und wir müssen unsere ehrenamtlichen Räte in Städten und Gemeinden in die Lage versetzen, die komplexen Entscheidungen, vor denen sie inzwischen stehen, tatsächlich treffen zu können.

Jedes Projekt, wie klein auch immer, hat Einfluss auf das System, in das es eingebunden ist. Sein ganzes Potenzial kann es nur dann entfalten, wenn es seine Beziehung zum Ganzen und zu den anderen Elementen, mit denen es dieses Ganze bildet, versteht und gestalten kann. Gemeint ist hier politische Gestaltung: Ein Haus ist nicht nur ein Haus. Sondern es gestaltet seine Straße, seine Nachbarschaft mit.

Wie gewinnen wir großen Einfluss?

Mit geringem Aufwand große Wirkung erzielen: Wenn wir wirklich etwas bewegen wollen, müssen wir wissen, welchen Hebel wir nehmen und wo wir ihn ansetzen. Wollen Sie ein Gerücht streuen, dann suchen Sie sich die ein, zwei Personen in einem System, die die entscheidenden Verteiler sind. Erzählen Sie ihnen die Geschichte. Und der Rest geschieht von allein. Auf politischer Ebene können wir das bei den rechtspopulistischen Parteien beobachten. Ihr Einfluss, Themen zu setzen und anderen ihre Agenda aufzunötigen, ist weit größer als ihr Wählerpotential.

Viele Projekte hingegen berauben sich selbst ihres Einflusses. Sie konzentrieren sich nur auf sich selbst. Würden sie das Größere, in das sie eingebunden sind, sorgfältig beobachten, dann würden sie lernen, wie sie mit der gleichen Arbeit, dem gleichen Aufwand wesentlich größere Veränderungen bewirken. Das aber verlangt den Mut, in größeren Maßstäben zu denken, und die Bereitschaft, sich die notwendige Ausdauer anzueignen.

Lösungen, die mehr sind als Lösungen

Kommen wir von diesen Fragen noch einmal zurück auf unsere Ausgangsfrage: Wieso wohnen wir auf immer mehr Fläche? Und weshalb haben wir in vielen Städten nicht genügend Wohnraum? Wenn der Wohnungsmarkt große Flächen anbietet, werden diese auch gekauft. Und wenn Menschen, die in einer großen Wohnung mittlerweile allein leben, weniger Miete zahlen als in einer kleineren Wohnung, dann bleiben sie in der alten. Für sie ist das wirtschaftlicher, für die Gesellschaft nicht. Das, was bei diesen beiden Fragen auf der Hand zu liegen scheint, führt nicht zu Lösungen, sondern in die Irre. Wie aber sehen Lösungen aus, die tatsächlich wirken?

So vielseitig das Wohnen und der damit einhergehende Flächenverbrauch ist, so vielseitig können auch die Lösungen sein. Und da sich die bestehende Konstellation über einen langen Zeitraum entwickelt hat, müssen wir bei unseren Lösungen Geduld und Ausdauer aufbringen und die Fähigkeit entwickeln, über den eigenen Rahmen hinauszugehen.

In ihrem Bericht über die Battleboro Cooperation erzählt Beatrice Ungard, wie so etwas gelingen kann. Eine Lebensmittelgenossenschaft wollte ein energieeffizientes Verwaltungsgebäude bauen. Am Ende initiierte die Genossenschaft ein regionales Wirtschaftssystem, stärkte die Biolandwirtschaft am Ort, schuf ein Haus, das nicht nur einen neuen Bioladen und die eigene Verwaltung beherbergte, sondern auch eine Kochschule und 24 Wohnungen. Zudem wurden 6.000 Genossenschaftsmitglieder intensiv in die Arbeit eingebunden. Ein Projekt wirkt auf den vielfältigsten Ebenen.

Wo immer Sie gerade stehen — ob Sie als Familie bauen wollen, als Gemeinderat ein Baugebiet entwickeln, als Ladenbesitzerin ihre Gemeinde versorgen oder als Programmierer eine Webseite entwickeln — Sie können dort anfangen, wo Sie gerade sind. Wo verbrauchen Sie welche Flächen? An welchem Knoten dieses ganzen Geflechts stehen Sie gerade? Und welchen Faden haben Sie in der Hand, an dem Sie ziehen können? Nehmen Sie die Komplexität des Themas als Einladung, an möglichst vielen Stellen gleichzeitig Veränderungen anzustoßen. Dann kommen wir alle in Bewegung.

 


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    1. Hartmut Häußermann und Walter Siebel, Soziologie des Wohnens, 1996, S.14.

 

  1. Daniel H Pink, Drive, 2011.


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Gabriel Fehrenbach

Autor, Sprecher, TimeToThink-Facilitator. Er bringt regenerierendes Handeln nach Deutschland und hilft Unternehmen, mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie. Sein Motto: Mehren statt zehren. Deshalb ist auch SAMU, die Organisations- und Komunalberatung, die er führt, ein regenerierendes Projekt.

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