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„Übrig bleiben alleinstehende Männer in riesigen Gebäuden mit viel zu großen Traktoren“

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Der Mann ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für lebendige Orte. Dem sogenannten „Donut-Effekt“, dem Ausbluten von Innenstädten und Ortszentren, begegnet er mit der Arbeit am „Krapfen“: Orte mit süßem Leben in der Mitte wachzuküssen. Mit seinem Büro „nonconform“ praktiziert Roland Gruber eine intensive wie sehr praxisnahe Form der Bürgerbeteiligung. Er hat Architektur und Kulturmanagement studiert und kann profund Auskunft darüber geben, was zwischen Stadt und Dorf passiert.

Gabriel Fehrenbach: Das Land bewahren, geht das noch?

Roland Gruber: Natürlich geht das. Es hängt aber davon ab, welches Land Du meinst. Es gibt ja so viele unterschiedliche Arten von Land: das touristisch geprägte, das industrielle, das landwirtschaftliche, das Brachland, das alpine Land. Und das Land, das im prosperierenden Umfeld von Ballungsräumen liegt oder eben sehr peripher davon. Generell gilt, je weiter weg von Orten, wo etwas ist, desto mehr Herausforderung ist es.

Der wichtigste Faktor ist der Mensch. Er prägt diese Orte, diese Räume am Land. Wir erleben das bei unserer Öffentlichkeitsbeteiligungsarbeit. Es sind überall die gleichen Bürger, Gemeinderäte, Kirchengemeinderäte, in einem touristischen Ort ticken sie aber anders. Dort gibt es zum Beispiel viel mehr Selbstständige, und die haben gelernt, mit dem zu überleben und das zu verkaufen, was es vor Ort gibt. Daher tun sie was dafür. Denen sind die Schönheit eines Ortes und der öffentliche Raum wichtiger als Anderen, die in ihrem Ort nur schlafen gehen.

Das Gießkannen-Prinzip, nach dem Förderungen über alle Orte, alle Dörfer, alle Landstriche gleich ausgeschüttet werden, funktioniert deswegen nicht. Denn bei diesem Anreizsystem muss sich niemand anstrengen.

Ist es die Besonderheit des Landes, dass man sich dort engagieren muss?

Ja. Wenn auf dem Land etwas passieren soll, müssen die Menschen überproportional aktiv sein. In der Stadt mit ihrer höheren Dichte und dem größeren Angebot brauchen sie das nicht.

Wenn ich in einem Dorf leben und gute Filme nicht nur alleine, sondern mit Anderen gemeinsam sehen will, dann muss ich das selbst in Angriff nehmen. Ich nehme dann einen hohen Energieaufwand für die Organisation in Kauf, denn es gibt ja keine Infrastruktur, auf die ich zurückgreifen kann. Ich habe dann aber auch eine ganz andere Leidenschaft für die Sache. Ich will damit sagen: Am Land können wenige Einzelne, drei oder vier Leute, mit ihrem Engagement einen Ort zum Positiven drehen und andere mitreissen, wenn sie zusammenarbeiten und eine tolle Vision davon haben, wo die Zukunftsreise hingehen soll.

Und es ist am Land definitiv familiärer. Bei unseren Beteiligungsprozessen spüren wir große Unterschiede, je nachdem, wo wir sind – ob im Dorf, in einer Kleinstadt oder in einer größeren Stadt. Wir haben andere Adressaten und eine andere Stimmung. Aus jahrelanger Erfahrung in Österreich und Deutschland weiß ich, dass auf dem Land viel mehr Leidenschaft und eine positivere Atmosphäre vorherrschen. Die Unmittelbarkeit Deines Gegenübers ist spürbar. Da freuen sich alle, weil irgendetwas gelöst wird, das man lange nicht lösen konnte. In der Stadt merken wir eher das Gegenteil. Es herrscht neben der Anonymität auch mehr Angst, weil meist ein Stück Freiraum weggenommen wird, weil auf weniger Raum mehr Menschen leben sollen und so weiter. Das schlägt sich auf die Stimmung bei der Beteiligungsarbeit nieder.

Aber Familie ist etwas, das die einen raustreibt und die anderen erst gar nicht reinlässt.

Ja, das ist Realität. Eine Familie kann aber auch ein sehr spannender Organismus sein, den man verstehen, lieben und wertschätzen kann. Es gibt eine Geschichte aus den Vereinigten Staaten, die ich mal gelesen habe. Da ist eine ganze Gruppe von Menschen, Singles wie Familien, an die 100 Menschen, quer über das Land gewandert. Irgendwann ist das Essen ausgegangen, dann die Energie. Als Erstes sind nicht die alten und schwachen sondern die alleinstehenden Menschen gestorben, weil die Familienmitglieder sich gegenseitig extrem gestützt haben. Überlebt haben schliesslich nur wenige Familienclans.

Jetzt gibt es aber Orte, meist rund um Großstädte, in denen die Stadt mit ihrer Anonymität nicht funktioniert, genauso wenig wie das alte Dorfprinzip, nachdem die Familien entscheiden, wer reinkommt und wer nicht.

Du meinst die Räume im Speckgürtel oder besser gesagt: die Donut-Orte. Hier boomt es gerade gewaltig, weil es für viele eine Entscheidung mit dem kleinsten Widerstand ist. Ich kann da von beiden Welten etwas haben. Ein bisschen im Grünen wohnen, aber nicht zu weit weg von der coolen City. Ich kann dieses „sowohl als auch“ sehr gut verstehen. Die Frage ist nur, stellt das auf die Dauer zufrieden, wenn man eigentlich nichts wirklich hat? Da entsteht so eine Zone aus nicht Stadt und nicht Land. Eine Mischung aus Vorort-Stimmung, Tankstellen dazwischen, Gewerbezonen, Büroquartier, Reihenhaus- und Einfamilienhausgebiet, ein bisschen Dorfcharakter, wenig Dichte. Man will raus aus der Stadt, Grün haben. Aber ganz draußen traut man sich nicht zu, da ist man ja am Arsch der Welt. Sozusagen draussen im Grünen schlafen und drinnen in der Stadt das Leben geniessen. Das werden die großen Herausforderungsräume für die nächsten Jahrzehnte, solchen Orten echtes Leben einzuhauchen, damit sie nicht zu Mega-Schlafzonen werden. Im Gegensatz hierzu geht in kleineren Dörfern so richtig die Post ab.

Aus Eurer Erfahrung: Was geht in den Dörfern schief?

Der Donut-Effekt © Bundesstiftung Baukultur, Design: Heimann + Schwantes

Donut-Effekt / Baukulturbericht16-17 Jeder Ort, ob das ein Dorf ist oder ein Stadtquartier, hat seinen eigenen Lebenszyklus, seine Höhen und Tiefen. Es gibt Entwicklungsphasen und blühende Zeiten, aber auch Phasen wo etwas stirbt. Das ist allgemein so. Aber was geht schief? Es fehlt oft an Innovationsgeist. Vielfach glauben die Leute, dass es am Land so sein soll, wie es einmal war. Es braucht eh niemand mehr einen Dorfplatz, weil das Leben ja im digitalen Raum oder in den unzähligen Vereinsräumen stattfindet. Und doch wollen viele als Belebungsmaßnahmen den Platz verschönern und einen Brunnen dazu bauen und einen Baum in der Mitte pflanzen, wie man es aus den Kinderbüchern kennt. Eine neue Pflasterung bringt zwar Atmosphäre, wird aber die Probleme nicht lösen. Wir können nämlich die Entwicklung in unserer vernetzten und globalisierten Welt nicht zurückdrehen. Deshalb geht es da um ganz andere Fragen: Wohin entwickelt sich der Ort? Welche Zukunftsthemen stehen im Mittelpunkt einer positiven Entwicklung? Sollen Menschen nur gehalten oder neue Menschen für Zuzug gewonnen werden? Welche Form von Arbeit bzw. Arbeitsstätten kann im Dorf in der vernetzen Welt angeboten werden? Welche Beziehung baut ein Ort mit den Ausheimischen, also den weggezogenen ehemaligen Einheimischen auf? Wie können deren Wissen und deren Netzwerk für den Ort aktiviert werden? Da muss ich substanziell darüber nachdenken, wie ich meinen Ort in die Zukunft transferieren kann.

Ist das ein Kommunikationsproblem oder ein Denkproblem?

In Dörfern, die weiter weg von den Ballungszentren sind, ist es definitiv zu einem Problem geworden, dass viele brillante Köpfe, also die mutigen Leute und Antreiber von alternativen Projekten und schrägen Initiativen, weggegangen und nicht mehr vor Ort verfügbar sind. Das schränkt den Denkhorizont ein, die Möglichkeitsgrenzen sind schon spürbar. Es wird dann zu sehr an Details festgeklammert, es fehlt an Offenheit für Neues und ein überlegter Blick auf das Gesamtsystem. Das kann dann schnell kippen: mangelnde Arbeitsplätze, schwierige politische Konstellationen, Resistenz gegen Zuwanderung, schlechte Stimmung.

Die jungen Menschen sind heute viel ungebundener, insbesondere die Frauen im gebärfähigen Alter, die eigentlich für die Sesshaftigkeit sorgen. Wenn denen die Infrastruktur fehlt, wie ein Ort zum Kaffeetrinken, der nicht verraucht ist und wo sie mit anderen Leuten kommunizieren können, dann sind die weg. Manchmal sind das ganz banale Dinge, die zum Wegzug bewegen. Übrig bleiben dann alleinstehende Männer in riesigen Gebäuden mit viel zu großen Traktoren, deren Frustrationsgrad natürlich sehr hoch ist.

Das Thema Zukunftsraum Land ist also ziemlich vielschichtig, einfache Antworten sind nicht so leicht zu geben. Wir haben in den letzten Jahren in rund 70 Dörfern, Klein- und Mittelstädten und auch an vielen Schulen gearbeitet und jeder von denen ist anders. Jeder Ort hat seine eigene DNA!

Euer Slogan lautet: Nach drei Tagen ist alles anders. Aber wie lange dauert Veränderung wirklich?

Echte Veränderung dauert, bis sie wirklich greift, etwa zehn Jahre. Da braucht es am Beginn einen sehr starken und kollektiven Moment des Aufbruchs. Den können wir mit unserer Arbeit auch erzeugen, so dass die Menschen aus einem Ort mit einer Zukunftseuphorie und einem Leitkorridor von Strategien, Projekten, Maßnahmen ausgestattet werden. Dann braucht es das Bekenntnis aus der Politik und Verwaltung, das voll zu unterstützen und das Ziel Realität werden zu lassen. Und dann beginnt die harte Arbeit! Da heißt es durchhalten, Geld organisieren, Qualität umsetzen und ordentlich feiern. Ein wesentlicher Motor dafür sind Leuchtturmprojekte, also Projekte, die auch über die regionalen Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen. Um das zu ermöglichen, braucht es kluge und motivierte Akteure, die sich darum kümmern und die auch professionell begleitet werden. Nach zehn Jahren, das zeigen viele Beispiele, ist die Veränderung im Ort sichtbar, spürbar und erlebbar. Und dann besteht die Gefahr, dass es wieder Richtung Krise geht, weil die Luft draussen ist. Dann kann die Akteurskonstellation, die zehn Jahre fantastisch zusammengearbeitet hat, sehr leicht zerbröseln, weil sich die Lebenssituationen der Beteiligten ändern. Das bedeutet, es sind rechtzeitig neue Impulse zu setzen, damit das nicht passiert.

Bürgerbeteiligung lernen? Das geht, ab kommendem Jahr 
auch in der „Nonconform-Akademie“,
wo das nonconform-Team seine gesammelte Erfahrung 
als Weiterbildung anbietet.

Welche Rolle haben die Architekten?

Ich würde da lieber von Planern in einem umfassenderen Sinn sprechen, also Menschen, die sich mit Fragen zu Raum und Zukunft auch beruflich beschäftigen. Sie können Phänomene, die die Bürger zwar wahrnehmen können, aber nicht leicht formulieren, verständlich aufbereiten und von einer Bauch- auf eine Sachebene heben: Warum ist z.B. ein Bauwerk oder ein Ensemble erhaltenswert? Welches Raumpotential steckt in Bauwerken oder Freiräumen? Wie kann man neue Durchwegungen im öffentlichen Raum erzeugen? Es gibt, das fällt mir immer wieder auf, im ländlichen Raum eine reduzierte emotionale Bindung zu alten Bauwerken. Es ist egal, ob man ein altes Bauernhaus wegschiebt und was Neues baut. Wichtig ist, dass man wohnen kann.

Das wichtigste ist aber die intensive Zusammenarbeit zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den Planern. Bürgerideen sind der wertvollste Humus eines Ortes. Planer haben einen anderen Fokus, sie sehen nicht nur Details. Ihr geschulter Blick erlaubt ihnen, den Ort im Gesamten zu erfassen. Ohne den Blick auf das Gesamte ist eine gute Zukunftsentwicklung schwer möglich.

Und: gute Planer haben die Kompetenz im Umgang mit Planungsprozessen. Sie können vermitteln, dass nicht die erste Skizze schon das fertige Projekt ist. Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, Pläne zu lesen. Sie gehen meist davon aus, dass eine Planskizze bereits das fertige Projekt ist. Dieses prozesshafte Vermitteln, dass eine Idee lange braucht und harte Arbeit bedeutet, bis etwas Konkretes und Realisierbares daraus wird, ist etwas ebenso Wesentliches. Als Architektinnen und Architekten sind wir deshalb zentrale Akteure in der Lösung von Zukunftsfragen für einen Ort.

ROLAND GRUBER, Architekt, Mitbegründer von „Nonconform“, einem österreichischen Architekturbüro, das Vorreiter ist für kreative und nachhaltigen Bürgerbeteiligungsprozesse. Er ist Mitgründer und Obmann von „Landluft“, einem Verein zur Förderung der Baukultur in ländlichen Regionen. Er hat die Leerstandskonferenz ebenso mitinitiiert, wie die „Zukunftsorte“, einer Plattform der innovativen Gemeinden in Österreich

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