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Wirksam sein heißt umfassend handeln

Die Kernfragen des regenerierenden Handelns

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Die drei Kernfragen des regenerierenden Handelns

Wenn wir anderen helfen, ohne damit etwas erreichen zu wollen, so profitieren wir selbst davon. Das ist das Paradox altruistischen Handelns. Es unterläuft die Logik des Egoismus, die das Ich ins Zentrum allen Handelns rückt. Diese glaubt, wenn sich alle entsprechend verhielten, komme jeder auf seine Kosten, und ignoriert dabei das Prinzip der Fülle, der Grundprinzip der Natur. Die Natur funktioniert nicht egoistisch, sondern altruistisch: Im Wald existiert der Baum nicht für sich allein, sondern nur in und durch vielfältige Beziehungen. Er fördert Pilze, die als Ernährungskanäle zu anderen Bäumen dienen. Er versorgt so Pflanzen, die keinen direkten Zugang zu wichtigen Nährstoffen haben, ihm aber zum Beispiel Schutz bei Sturm bieten. Damit stärkt er seine eigene Spezies und fördert das Wachstum anderer. Im Wald gibt es unendlich viele solcher nährenden Beziehungen. Sie machen den Wald erst zum Wald, sie leben aus der Fülle und sie schaffen ihrerseits Fülle. Indem wir aber den Baum singulär betrachten, übersehen wir, dass beim Fällen tiefgreifende Strukturen zerstört werden. Der Wald degeneriert.

Regenerierendes Handeln orientiert sich an der Natur und ist zutiefst altruistisch. Wir stärken das Gesamtsystem, indem wir alle Systeme, mit denen wir in Berührung kommen, unterstützen. Nur so können wir das Potential wirklich ausschöpfen und uns selbst am ehesten stärken. 

Dieses Prinzip können wir jederzeit anwenden. Es gilt, egal in welcher Konstellation wir uns befinden – in einem international agierenden Konzern oder einer Nachbarschaftshilfe. Orientierung geben uns dabei die drei Kernfragen des regenerierenden Handelns:

  1. Mit wem sind wir verbunden?
  2. Wie können wir das Potential aller entfalten?
  3. Wie können wir in unserem Handeln wirksam werden?

1. Frage: Mit wem sind wir verbunden?

Wie war Ihr heutiges Frühstück? Gab es Müsli, Brot oder nur eine Tasse Kaffee? Was braucht es alles, damit Sie frühstücken können? Es braucht Boden für die Pflanzen; Luft, Wasser, Sonne und Nährstoffe, die allesamt deren Wachstum fördern. Es braucht Menschen, die die Pflanzen pflegen und ernten; Technik und Energie, um die Pflanzen zu verarbeiten, zu verpacken und anschließend zu transportieren; und all die vielen anderen Schritte, die geschehen, bis Sie sich Kaffee kochen und Ihr Müsli herrichten, um es anschließend zu genießen. 

Gehen Sie nun einen Schritt weiter und denken Sie über die Wirkung dieses Frühstücks nach. Angenommen, Sie richten es für die ganze Familie her – wie gestalten Sie damit das Leben ihrer Familie? Welche Wirkung hat es auf Ihre Kolleginnen, wenn Sie mit hungrigem Magen im ersten Meeting sitzen? Und welche Auswirkung hat es auf Sie selbst, wenn Sie sich gut ernähren? 

Es ist nur ein kleiner Punkt in unserem Leben, der uns dennoch erkennen lässt: Wir sind mit allem verbunden, eingewoben in ein dichtes Netz an Wechselwirkungen. Alles, was wir berühren, beeinflusst uns ebenso, wie wir es beeinflussen. Unser Leben ist Beziehung und Dynamik. Daher ist es beim regenerierenden Handeln wichtig zu erkennen, mit welchen Systemen wir konkret in Verbindung sind. Wir verstehen Systeme dabei als Einheiten, die wir als abgeschlossen betrachten, weil sie einer eigenen Zielsetzung und eigenen Regeln und Bedürfnissen folgen. 

Wir gehen dabei von sechs allgemeinen Systemen aus, mit denen wir die jeweils konkreten unserer Fragestellung identifizieren können: 

  • Die Nutzer – jene, die von dem Produkt, dem Ergebnis oder der Dienstleistung profitieren;
  • die Mitwirkenden – also alle, die an der Herstellung mittelbar beteiligt sind;
  • die Natur – sie stellt alle wesentlichen Ressourcen zur Verfügung;
  • der Ort – der Platz, an dem wir handeln, mit seinen Besonderheiten; 
  • die Gemeinschaft – das soziale System, innerhalb dessen wir uns bewegen;
  • die Unterstützer – alle, die zur Herstellung etwas beitragen, ohne direkt involviert zu sein, zum Beispiel Investoren.

Im Unternehmenskontext sind die Kunden die Nutzer, alle Mitarbeiter und Dienstleister sind die Mitwirkenden, die Natur findet sich in allen Ressourcen, inklusive der Energie, die zur Herstellung des Produktes benötigt werden. Der Ort ist entweder der Ort, an dem die Firma sitzt, oder der Ort, für den das Produkt hergestellt wird. Bei Projekten im Bereich Architektur oder Städtebau ist der Ort zum Beispiel jener, der entwickelt wird, und die Unterstützer sind alle, die finanzielle Mittel für die Firma oder das Projekt zur Verfügung stellen. Der Ort macht es deutlich: Es gibt unterschiedliche Grade von Nähe oder Distanz, mit denen wir die jeweiligen Systeme beleuchten können. Es ist also wichtig, die unterschiedlichen Reichweiten zu betrachten und so die für uns relevanten Systeme zu identifizieren. 

Regenerierendes Handeln ist eine zutiefst spirituelle Arbeit, in der wir uns mit dem Leben selbst verbinden.
Regenerierendes Handeln ist eine zutiefst spirituelle Arbeit, in der wir uns mit dem Leben selbst verbinden.

2. Frage: Wie können wir das Potential aller entfalten?

„Mehren, statt zehren“ ist das Leitmotto des regenerierenden Handelns. Dazu machen wir drei Schritte. Wir identifizieren alle konkreten Systeme – das ermöglicht uns die vorangegangene Frage. Dann klären wir die Interessen und Bedürfnisse des jeweiligen Systems. Und zum Schluss erarbeiten wir aus alldem das Potential des Ganzen. 

Was aber sind die spezifischen Interessen eines Systems? Hier ein paar Anhaltspunkte:

  • Die Nutzer wollen ein Problem lösen, etwas erreichen, das sie ohne das Produkt nicht können. Mit dem Frühstück stärken wir uns für den Tag. Kunden erwerben Kleidung beim Versandhandel, um z.B. angemessen für die Arbeit angezogen zu sein, sich für eine Party schön zu machen, sich zu Hause wohlfühlen.
  • Die Mitwirkenden wollen in ihrer Arbeit Sinnerfüllung erleben, etwas zum großen Ganzen beitragen, ihre Familien versorgen, vielleicht auch finanzielle Mittel erwerben, um eigene Projekte zu beginnen.
  • Die Natur will, dass alle lebenden Systeme wachsen und gedeihen und sie möchte, dass ihre Ressourcen werthaltig und wertschonend eingesetzt werden. 
  • Jeder Ort ist in sich besonders, in seiner Struktur wie in seiner Geschichte. Er will diese Einzigartigkeit bewahren und weiterentwickeln.
  • Die Gemeinschaft möchte in ihrer Struktur offen und lebendig sein.
  • Die Unterstützer wollen mit ihren Mitteln, die sie zur Verfügung stellen, selbst sinnvolle Dienste leisten und ebenfalls einen Teil zum großen Ganzen beitragen.

Die Reihenfolge, in der wir diese Systeme betrachten, hat ihre eigene Bedeutung. Sie stellt am Ende die Ausrichtung unserer Arbeit da: Wenn sich eine Firma allein auf Kostenreduzierung fokussiert oder mit dieser anfängt (und damit die Unterstützer an die erste Stelle setzt), dann wird sie in der Folge Entscheidungen treffen, die den Interessen der Kunden widersprechen. Wenn sie aber bei den Kunden anfängt und die Reihe von dort durchläuft, wird sie an vielen Stellen schon Einsparungspotential schöpfen können. Deshalb ist es wichtig, in der Ausrichtung bei den Nutzern anzusetzen. 

Wie aber entwickeln wir das Potential? Dazu müssen wir erkennen, dass unser Denken begrenzt ist, und infolge dessen auch unser Handeln und unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit zu gestalten. Wenn wir Potential realisieren wollen, müssen wir diese Begrenzung anerkennen und daran arbeiten, unser Denken kontinuierlich zu überschreiten. 

Das beginnt mit der schlichten Erkenntnis unseres Nicht-Wissens. Wir kennen den Augenblick, so wie er sich gerade entfaltet, nicht. Sie kennen die nächsten Zeilen dieses Textes nicht – ich im Übrigen auch nicht. Alles, was geschieht ist neu, frisch und unbekannt. Das schafft Unsicherheit, und um dieser zu begegnen, ist unser Gehirn darauf getrimmt, Muster zu erkennen und Bekanntes zu identifizieren. Wollen wir aber Potential erfahren, müssen wir in diese Unsicherheit hineingehen, müssen uns ihr aussetzen. Denn das Potential liegt im Unbekannten, und der Weg dorthin zeigt sich nur im Gehen. Eine gute Übung dafür ist unser Ansatz, das „Ende als Anfang zu begreifen“ (Link).

Alle Systeme streben danach, etwas zu realisieren, das sie noch nicht haben, möglicherweise nicht einmal kennen. Das ist ihr Potential, ihre innere Ausrichtung. Unsere Aufgabe nun ist es, das Potential aller Systeme, mit denen wir in Berührung sind, zu erkennen. Wenn uns das gelingt, wird es uns gelingen, mit unserem Projekt alle Systeme zu nähren. Stellen Sie sich daher bei jedem System folgende Fragen: Was ist das Potential dieses Systems? Und welchen Beitrag kann ich mit meinem Handeln leisten, damit sich dieses Potential entfaltet? Gehen Sie dazu in den Austausch, sprechen Sie mit Ihren Nutzern, ihren Dienstleistern. Fordern Sie sich selbst heraus: Was ist Ihnen möglich jenseits dessen, was Sie jetzt kennen? Wie gelingt es Ihnen, den Kunden, der Natur, dem Ort und sich selbst zu dienen? Potential erkennen geht immer einher mit Irritationen und Störungen, deren schönster Ausdruck Fragen sind. Fragen, die auf die eigene Aufgabe zugeschnitten sind und diese überschreiten. Nehmen Sie sich daher Zeit, die richtigen Fragen zu finden. Und vergessen Sie nicht: Das Potential Ihres Tuns liegt im Potential aller beteiligten Systeme. Daher gilt es, durch diese Fragen mit allen ins Gespräch zu kommen.

Alle Systeme streben danach, etwas zu realisieren, das sie noch nicht haben, möglicherweise nicht einmal kennen.
Alle Systeme streben danach, etwas zu realisieren, das sie noch nicht haben, möglicherweise nicht einmal kennen.

3. Frage: Wie können wir im eigenen Handeln wirksamer werden?

Prozess, Gestalter und Ergebnis sind nicht voneinander zu trennen. Sie stehen in einer dynamischen Beziehung: Ein Ergebnis ist nur dann gut, wenn der Prozess, der dorthin führt, von hoher Qualität ist. Doch der beste Prozess wirkt nicht, wenn sich diejenigen, die ihn gestalten, nicht an die eigenen Regeln halten. Daher müssen wir, wenn wir regenerierend handeln, bei uns selbst beginnen und die Philosophie in unserem eigenen Handeln verwirklichen. Wem dienen wir: unserem Ego oder dem Leben? Handeln wir aus dem Ego heraus, so handeln wir aus dem Getrenntsein und können gar nicht die Verbundenheit von allem erkennen. Wir können die beteiligten Systeme zwar identifizieren, werden sie aber immer unter dem Aspekt des größtmöglichen persönlichen Nutzens betrachten und allein dadurch Systeme degenerieren, statt diese aufzubauen. Potential ist uns nicht zugänglich, weil Potentialentfaltung nur gelingt, wenn wir unser Ego überschreiten und lernen, uns selbst, unsere grundlegenden Annahmen und Erfahrungen, zu hinterfragen. 

Daher beginnt alles mit der Frage des Dienens. Und diese Frage erschließt sich uns nur in der kontinuierlichen Begegnung und Auseinandersetzung mit uns selbst, mit unserem Selbst. Das ist der Kern asiatischer Lebenshaltungen wie Zen, Buddhismus, Yoga und Tao, aber auch westlicher Kontemplations- und indigener Kulturtechniken. Dabei müssen wir jedoch Vorsicht walten lassen – gerade beim Yoga erleben wir momentan, wie eine uralte Tradition im westlichen Kontext ihrer spirituellen Dimension entkleidet und damit dem Ego nutzbar gemacht wird. Beim Achtsamkeitstrend geschieht das gleiche mit Meditationstechniken. Regenerierendes Handeln geht einen anderen Weg. Es ist eine zutiefst spirituelle Arbeit, eine Arbeit, in der wir uns mit dem Leben verbinden. Spiritualität kann uns aus dem Getrenntsein hinausführen in die Erkenntnis der Verbundenheit und den Sinn für das große Ganze, in das wir immer eingebunden sind. Wenn wir lernen, das anzunehmen, werden wir wirklich wirksam. Denn wir arbeiten nicht mehr gegen die Wirklichkeit – ob in Bezug auf andere oder auf uns selbst –, sondern mit ihr. 

Wir sind verbunden, das heißt, wir sind abhängig und wir gestalten Beziehungen. Wenn wir diese Aspekte anerkennen, ist uns ein anderes Handeln möglich. Wir erkennen die Fülle, die da ist und aus der wir leben. Und wir begreifen, dass wir in all der Fülle immer einen Unterschied in der Welt bewirken. Das führt uns in eine große Freiheit. Abhängigkeit und Eigenwirkung zeigen uns den Schlüssel zu den Veränderungen, die wir wirklich gestalten können. Wir können andere Menschen nicht verändern. Doch wir können unsere Beziehung zu ihnen ändern. Damit erreichen wir die Veränderungen, die wir haben wollen. Die Frage nach der eigenen Wirksamkeit ist daher im Kern die Frage nach dem eigenen Potential: Welche Veränderungen müssen wir bei uns vollziehen, um das Potential aller zu entfalten?

Wenn wir Potential realisieren wollen, müssen wir kontinuierlich unser Denken überschreiten.
Wenn wir Potential realisieren wollen, müssen wir kontinuierlich unser Denken überschreiten.

Wo beginnen?

Ganz unabhängig davon, wo Sie in ihrem Projekt gerade stehen, ob frisch am Anfang oder inmitten einer Krise, fangen Sie bei sich an. Klären Sie, was Sie erreichen wollen und welche innere Haltung es dafür braucht. Was ist die Frage, die Sie mit Ihrer Idee, mit Ihrem Projekt, mit Ihrer Firma beantworten wollen?

Dann machen Sie den nächsten Schritt und entwerfen eine einfache Skizze. Folgen Sie dabei den Fragen: Worauf bauen Sie auf? Und: Was wollen Sie in die Welt bringen? Mit diesen beiden Fragen sind Sie bereits in der Erfahrung der Verbundenheit und können die Systeme identifizieren, die Sie berühren. Und dann wird sich der nächste Schritt von selbst zeigen. Gehen Sie ihn einfach.


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